„ARD hat eine Marke zur Maus geschrumpft“

Fernsehen Die ARD setzt "Gottschalk live" ab und die Presse ist sich einig: Es ist das Beste für den Mann, der mit "Wetten, dass..?" Erfolge feierte und mit seinem Vorabendtalk grandios scheiterte. Die Schuld sehen die Kommentatoren weniger beim Moderator selbst, als bei den Sendungsverantwortlichen: der ARD-Programmplanung und vor allem der Produktionsfirma Grundy Light Entertainment. Sie hätten schlicht nicht gewusst, was mit Gottschalk anzufangen sei.

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Alexander Dick in der Badischen Zeitung: "Allein, was sich am Mittwoch ereignete, war nicht mehr oder weniger als eine Implosion, bei der nur ein wirklich Geschädigter zurückbleibt – einmal mehr der Gebührenzahler. Weshalb die Häme, die sich gestern Spätnachmittag in Internetforen über den Sender ergoss, nicht nur Gottschalks Aus galt, sondern dem gesamten unkreativen Hinterherhecheln der Öffentlich-Rechtlichen hinter der Quote, das zumal bei der ARD seit längerer Zeit nur ein Motto kennt: Namedropping.”

Stefan Kuzmany auf Spiegel Online: “Warum nur konnte man Thomas Gottschalk nicht eine Sendung auf den Leib schneidern, die ihm Gelegenheit gegeben hätte, überraschende Alltagsphänomene zu kommentieren? Die Antwort kennen nur die ARD und die von ihr fatalerweise mit der Produktion beauftragte Produktionsfirma Grundy Light Entertainment. Denn es ist ja nicht so, dass sich der Moderator das mutlose, langweilige und somit zum Scheitern verurteilte Konzept von "Gottschalk Live" ausgedacht hätte – das machen sogenannte Profis. Sie haben auf ganzer Linie versagt.”

Katharina Miklis auf stern.de: “Nicht zuletzt, als die ARD ihrem Problem-Moderatoren vor ein paar Wochen die Kinder-Quizshow "Frag doch mal die Maus" anbot, wurde die Hilflosigkeit, aber auch die Taktlosigkeit des Senders deutlich, der mit Gottschalk einen der besten Moderatoren des deutschen Fernsehens im Programm hat, jedoch nicht mit ihm umzugehen weiß. Die ARD hatte eine Marke zur Maus geschrumpft. Auch Redaktionsleiter Markus Peichl, der viel zu spät als Retter an Bord geholt wurde, verzweifelte an den Methoden der ARD. Der einzige, der professionell seinen Job machte, schien am Ende Thomas Gottschalk zu sein. Aber es war klar, dass er allein es nicht würde richten können. Nicht mit diesem Sender, nicht auf diesem Sendeplatz. "Über das Schicksal eines Fernsehmoderators entscheidet das Publikum", kommentierte Gottschalk am Mittwoch seine Absetzung. In seinem Fall hatte jedoch auch der Sender das Schicksal in der Hand.”

Peer Schader in der Frankfurter Rundschau: “Der Neuanfang im März verzögerte das absehbare Ende lediglich. Der ehemalige "Beckmann"-Redaktionsleiter Markus Peichl sollte die Show retten – und machte alles nur noch schlimmer. In einer Hauruckaktion wurde das alte Studio mit seiner charmanten Wohnzimmeratmosphäre dichtgemacht, im wahrsten Sinne des Wortes. Den Fensterblick auf den Berliner Feierabendverkehr verstellt seitdem ein düsteres Talk-Verlies, das wirkt, als sei es eilig aus den Kulissenresten der ARD-Polittalks zusammengenagelt worden. Plötzlich saß Publikum in der Show, allerdings wie in einer Legebatterie mit Stromausfall. Gottschalk musste jeden Tag Promis interviewen, obwohl das keineswegs zu seinen Kernkompetenzen gehört. Und jedes Mal hatte er einen dicken Stapel Moderationskärtchen in der Hand. Er kann froh sein, dass dieser Schmarrn in wenigen Wochen aufhört und er sich nicht weiter verbeckmannen lassen muss.”

Ekkehard Kern auf Welt Online: “‘Gottschalk Live’, das war keine quotentechnische Achterbahnfahrt, sondern das unaufhaltsame Abgleiten in die vielzitierte "Todeszone": Nach der ersten Sendung Mitte Januar mit grundsoliden 4,34 Millionen Zuschauern schwand das Publikumsinteresse rasant, bis unter eine Million.  Ein Hintertürchen freilich haben sich alle Beteiligten offen gelassen: Unter Umständen könnte Thomas Gottschalk eine neue ARD-Sendung bekommen. Ein bisschen wie ‘Wetten, dass..?’ könnte das vielleicht werden, träumen manche. Oder, wie die Vorsitzende Piel es ausdrückte: ‘Wir werden nun in aller Ruhe gemeinsam über eine Zusammenarbeit in anderer Form nachdenken.’

Christopher Keil auf Sueddeutsche.de: "’Über das Schicksal eines Fernsehmoderators entscheidet das Publikum’, erklärte Gottschalk. ‘Ich muss zur Kenntnis nehmen, dass es mir nicht gelungen ist, an diesem Programmplatz genügend Zuschauer zu begeistern. Trotzdem hat mir diese Erfahrung großen Spaß gemacht.‘ So spricht ein freier Mann, einer, der weiß, wie man Verträge erfüllt und einer, der schon vor seinem Dienstantritt für die ARD ausgesorgt hatte. Sorgen muss sich um Thomas Gottschalk niemand. Er wird noch ein bisschen weiter Fernsehen machen, schon allein, um seinen Werbewert zu behalten, der ihm ja ordentliche Gagen ermöglicht. Und im Sommer 2013 wird kaum noch jemand daran denken, dass es am Vorabend der ARD einmal eine nicht sehr gelungene Late Light Show gegeben hat.”

Alexander Kissler auf Focus Online: “Der Halbstünder vor der ‘Tagesschau’ verdient das Schicksal, das ihm seit dem Start Ende Januar vorhergesagt war. Er wird als größter Untergang mit Ansage in die Annalen des Gebührenfernsehens eingehen. Der durch keine Retusche zu bremsende Quotensinkflug zeigte, dass das Publikum eben doch merkt, wenn Form und Inhalt so gar nicht zueinander passen wollen. Keine Renovierung des Studios, kein neuer Tisch, kein neuer Sessel, keine neue Redaktion konnte den Eindruck des Unausgereiften beiseitewischen. Gottschalk blieb ja stets derselbe. Und das war das blond gelockte Problem.”

Michael Hanfeld auf Faz.net: “Gottschalk indes versuchte einen Neustart, bekam mit Markus Peichl einen erfahrenen Redaktionschef, wechselte die Studiodekoration, lud Zuschauer ein, war gar nicht mehr live, sondern aufgezeichnet, damit die Werbepausen, die er regelmäßig versemmelte, endlich passten und – fasste inhaltlich langsam Fuß. Doch nun ergeht es ihm trotzdem wie dem Kollegen Harald Schmidt bei Sat.1 – er muss gehen, bevor er beweisen kann, dass es mit ihm am schönsten ist. Das Frühjahr 2012 geht als Herbst der Patriarchen des deutschen Fernsehens in die Annalen ein.”

Jürgen Overkott auf Derwesten.de: "Von allen Hindernissen war Gottschalk selbst sein größtes. Ihm gelang das Kunststück, das anfänglich vorhandene Vertrauen des Publikum blitzschnell zu atomisieren. Er vermasselte seine Premiere durch einen provozierend fahrigen Auftritt. Statt der Champions League der Prominenz marschierte von Anfang an allzu oft zweite Liga auf."

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