„Mir behagt das Weltwoche-Titelfoto nicht“

Publishing Medien in Deutschland, Schweiz und Österreich diskutieren den aktuellen Titel der Zeitschrift Weltwoche. Darf man eine Story über Roma-Banden so erzählen und bebildern? Ist Roger Köppel, Ex-Welt-Chef und jetzt Verleger der Weltwoche, gar ein Hetzer? Der Schweizer Medienjournalist Ronnie Grob hält Köppel für einen "Intellektuellen, der gerne auch mal unangemessen provoziert." Aber: "Von seinem Einsatz für die Freiheit und von seinem staatskritischen Journalismus könnten viele deutsche Journalisten etwas lernen."

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Grob lebt in Berlin und bestückt die tägliche Medienpresseschau "6vor9" im Bildblog. Zudem ist er Redakteur (pardon: Redaktor) der Schweizer Medienwoche. Unterm Strich ist er von der umstrittenen Weltwoche-Story "irritiert". Gegen den Titel sind in Österreich, Deutschland und der Schweiz offenbar bereits eine Reihe von Anzeigen eingegangen.

Das umstrittene Cover der Weltwoche

Das deutsch-schweizer Verhältnis ist dank der Debatte um die Steuersünder-CD gerade nicht ganz unbelastet. Ist die Diskussion um den aktuellen Weltwoche-Titel nur eine deutsche Diskussion oder wird sie auch in der Schweiz ähnlich heftig geführt?

Das deutsch-schweizer Verhältnis ist grundsätzlich intakt und wird nicht so schnell von Mediengeschichten zerrüttet. Die Diskussion um das Titelbild ist nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich und in der Schweiz aufgeflammt. In allen drei Ländern hat es zu Anzeigen geführt, in der Schweiz wurde der Presserat bemüht.

Können Sie die Aufregung um die Weltwoche verstehen?
Ja. Mich irritiert nicht nur das Foto auf dem Titel, auch die Untertitel (“Die Roma kommen”, “Raubzüge in die Schweiz”, “Familienbetriebe des Verbrechens”) können sehr gut als Pauschalurteile verstanden werden.
Wie stehen Sie als Medienjournalist zu dem Titel-Bild? Ist es statthaft für solche eine Story einfach ein Bild aus den Zusammenhangzu reißen?
Mir behagt das Titelfoto nicht und ich weiß nicht, was sich die Weltwoche-Redaktion dabei gedacht hat. Ein Kind, das mit einer Faustfeuerwaffe auf den Betrachter zielt? Das Titelfoto sehe ich gerne als Illustration zu einem Artikel, der das Schicksal dieses Jungen beleuchtet oder in einer Ausstellung zur Pressefotografie. Als Illustration der Weltwoche-Geschichte taugt das Foto, das Fotograf Livio Mancini in einer Müllhalde im Kosovo aufgenommen hat, allerdings überhaupt nicht. Darin geht es nämlich um Banden, die in der Schweiz kriminell werden.
Interessant ist die Reaktion der Weltwoche auf die Empörung. Anstatt sich damit kritisch auseinanderzusetzen, wird behauptet, die Ablehnung erfolge aus Gründen der politischen Korrektheit, man lehne die Auseinandersetzung mit dem identifizierten Missstand ab. Doch darum geht es gar nicht: Die Empörung richtet sich gar nicht gegen die Ergebnisse der journalistischen Recherchen, sondern wie diese aufgemacht und verkauft werden. Ich glaube, grundsätzlich werden die Leser gerne journalistisch über die Tätigkeiten von Verbrecherbanden aufgeklärt.

Was können die Anzeigen gegen die Weltwoche bewirken und haben sie Aussichten auf Erfolg?
Welche konkreten Auswirkungen diese Anzeigen nach sich ziehen, wird sich zeigen. Konkret beschert haben sie uns eine Debatte in den Medien darüber. Das natürlich auch, weil sich unter den Journalisten viele finden, die der Weltwoche sehr kritisch gegenüberstehen.

Unabhängig vom Titelbild: Funktioniert die Titelgeschichte inhaltlich Ihrer Meinung nach?
Inhaltlich sammelt die Titelgeschichte einige Fakten zusammen, die ausgenützten Kinder kommen darin aber mehr allgemein vor. Mich stört die konsequente Ausrichtung auf die Volksgruppe der Roma. Thema der Geschichte sind doch die einzelnen Verbrecherbanden, nicht die ethnische Herkunft dieser.

Ist Chefredakteur Roger Köppel ein Freiheitskämpfer oder ein Hetzer?
Solche Entweder-Oder-Fragen bringen niemanden weiter. Roger Köppel ist ein Intellektueller, der gerne auch mal unangemessen provoziert. Von seinem Einsatz für die Freiheit und von seinem staatskritischen Journalismus könnten viele deutsche Journalisten etwas lernen.

Was können Deutsche Journalisten von Köppel lernen?
Humor, Selbstironie, Unternehmergeist, Fleiß, Staatsausgabenkritik, eigenständiges Denken, die Verweigerung des journalistischen Herdentriebs.

Dies ist nicht der erste Skandal um Geschichten bei denen der Weltwoche eine gewisse Hetze vorgeworfen wird. Folgen die Aufreger immer den selben Mustern?
Die Zuspitzung auf dem Titel hat Tradition und richtet sich auch gegen Schweizer: Zuletzt "Die Griechen der Schweiz" (Kritik an den französischsprachigen Schweizern) oder "Die neuen Schmarotzer" (Kritik an Schweizer Beamten, 2010). Mit diesen Zuspitzungen trifft man zwangsläufig Unschuldige. Ich bin als Schweizer nicht für kriminelle Taten Schweizer Banken verantwortlich, genausowenig ist ein Grieche verantwortlich für die Schulden, die griechische Politiker aufgehäuft haben. Journalisten, die Pauschalkampagnen fahren, unterschätzen ihre Leser.

Ist das Blatt mit dieser Taktik erfolgreich?
Wenn Boulevard nicht erfolgreich wäre, dann gäbe es keinen. Der Leser kann diese Taktik brechen, in dem er sich ihr konsequent verweigert.

Gäbe die Weltwoche mit ihren Ansatz auch ein mögliches Vorbild für den deutschen Zeitschriften-Markt ab?
Ja, ich warte schon lange auf eine erfolgreiche, staatsausgabenkritische deutsche Wochenzeitschrift. Wenn sie sich konsequent dem verweigert, was die Weltwoche angreifbar macht, könnte sie Erfolg haben.

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