Berlin-’Tatort’: Der Schein bestimmt das Sein

Fernsehen Der Mord an einem Taxifahrer ruft das Berliner Ermittlerduo Ritter und Stark auf den Plan. Doch der Fall erweist sich als besonders knifflig, da fast jeder, der den Toten kannte, ein Motiv zu haben scheint. "Alles hat seinen Preis", heißt der neue Krimi des RBB, der am Sonntag erstmals ausgestrahlt wird. Neben Dominic Raacke und Boris Aljinovic als etatmäßige Kommissare ist diesmal auch Nicolette Krebitz in einer Hauptrolle als geheimnisvoll-unnahbare Tochter des Toten zu sehen.

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In der Pressemappe des produzierenden Senders RBB wird der Plot skizziert:
"Der Berliner Taxiunternehmer Herbert Klemke wird erschlagen in seinem Büro aufgefunden. Die Ermittlungen der Kommissare Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic) bringen schnell zutage, dass verschiedene Personen am Tatabend Streit mit Klemke hatten: sein ehemaliger Mitarbeiter Bülent Delikara (Oktay Özdemir), zum Beispiel, der von seinem Ex-Chef noch eine größere Summe Geld bekommt. Oder Ziska Zuckowski (Alwara Höfels): Sie führt mit ihrem Bruder Pit (Christian Blümel) den mehr schlecht als recht laufenden Feinkostladen der Eltern weiter und konnte die Nebenkosten ihres Vermieters Klemke nicht mehr aufbringen. Sie hat ein Motiv – ebenso wie Klemkes Tochter Dagmar (Nicolette Krebitz), die mit dem Geld ihres Vaters eine Tauchschule in einem australischen Edel-Resort eröffnen wollte. Klemkes Sekretärin Edith Welziehn (Renate Krößner) war ihrem Chef seit über 40 Jahren treu ergeben und ist nun über den menschlichen Verlust zutiefst erschüttert."
Ein dichtes Geflecht aus Beziehungen und Verstrickungen, aus Abhängigkeiten und offenen Rechnungen. Die Taxizentrale Klemkes: eine Hinterhofbude mit Stempelkarussell und "Ein Herz für Kinder"-Aufkleber auf dem Blechspind. Mitten im Raum der mit einem Leuchter erschlagene Firmenchef, dessen positivste Würdigung seines Charakters durch sein Umfeld die ist, dass er "eigen" war. Ein Unsympath, und schon deshalb ist es für die Ermittler schwierig, Licht in die Hintergründe der Bluttat zu bringen. "Schon bitter", sagt Kommissar Stark, "wenn Dein letztes Telefonat im Leben mit einer Bank ist." Und so gerät auch noch Klemkes Bankberaterin Christa Meinecke (Tatjana Blacher) aufs Radar der Kripomänner, der Mordfall wird von Minute zu Minute verwirrender.
Die Geschichte, die sich in der Folge entwickelt, zeichnet kein beruhigendes Bild von der Hauptstadt, durch die sich rund um die Uhr die Blechlawine schiebt und in der jeder Versuch, dem Großstadtgrau zu entrinnen oder eine menschliche Seite abzutrotzen, zum Scheitern verurteilt ist. Die Figuren, die den kleinen Kiez bevölkern und alle irgendwie von Klemke abhängig waren, sind Betrogene, die um ihre Träume und ihr Leben gebracht werden oder längst wurden, während sie in den schummerigen Wohnungen des Taxiunternehmers ausharren.
Es ist ein stiller Krieg gegen die Übermacht des Alltags, der am Ende für alle verloren geht: Da ist die Tochter, die aus der Enge des Viertels ins Ausland flüchtete und von der Tauchschule in Australien träumt. Oder ihre Sandkastenfreundin, die sich den Traum vom eigenen Feinkostladen voller Bio und Fair Trade erfüllt und diesen an der Realität zerschellen sieht. Die Sekretärin, die ein halbes Leben lang nicht mehr sein darf als was sie ist. Oder Klemkes türkischstämmiger Fahrer, der das eigene Fuhrunternehmen startet, das doch eine Nummer zu groß für ihn scheint. Und immer dreht es sich auch ums Bezahlen oder nicht Bezahlen können. "Alles hat seinen Preis" heißt der Krimi auch deshalb. Und als ein einziges Mal zwischen zwei Menschen echte Nähe und Emotionalität aufkeimt, macht das Dauerthema auch diesen Moment zunichte. "Du und ich, uns gibt’s doch gar nicht ohne Geld", sagt die enttäuschte Tochter zur Jugendfreundin. Der Schein bestimmt das Sein. Und der Globus auf Klemkes Schreibtisch deutet an, dass selbst der knorrige Kauz an Ausbruch dachte.
Die bleierne Hoffnungslosigkeit, die der "Tatort" nach einem eher zähen Start über fast 90 Minuten transportiert, gehört zu den Stärken des Krimis, in dem Regisseur Florian Kern sowie die Drehbuchautoren Michael Gantenberg und Hartmut Block wenig experimentieren und die Handlung dicht wie ein Kammerspiel angelegt haben. Aber der Film hat auch Schwächen, nimmt Beziehungsfäden auf, ohne sie weiterzuentwickeln, präsentiert Figuren wie den trotzigen Feinkosthändler, der durch die Szenerie irrlichtert und löst den Spannungsbogen am Ende in äußerst erwartbarer Weise auf. "Alles hat seinen Preis" ist grundsolide: kein schlechtes, aber ein etwas schlichtes Krimistück – der "Tatort" kann mehr. Und wer die geballte Trostlosigkeit überstanden hat, wird vielleicht die geplante Berlin-Reise noch mal verschieben. Man verpasst da ja anscheinend nichts.

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