Weser-Kurier: Neue Chefin sorgt für Wirbel

Publishing Wenige Monate nach dem Wechsel des umtriebigen Weser-Kurier-Chefredakteurs Lars Haider zum Hamburger Abendblatt gibt es Streit um seine Nachfolgerin Silke Hellwig. Der Deutsche Journalisten-Verband in Bremen protestierte am Freitag gegen eine "Strafversetzung" des langjährigen Politikressortleiters Joerg Helge Wagner und warf der neuen Chefin einen undemokratischen Führungsstil vor. Manche Kollegen hätten das Blatt deshalb bereits von sich aus verlassen, so der DJV.

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Silke Hellwig, Jahrgang 1963, leitet den Weser-Kurier und das Schwesterblatt Bremer Nachrichten erst seit einem halben Jahr – und schon scheint sie große Teile der Redaktion gegen sich aufgebracht zu haben. "Entscheidungen werden nicht erklärt und begründet, sie werden nur noch verkündet. Die Redaktion fühlt sich überrumpelt, die Motivation ist im Keller", kritisiert die DJV-Betriebsgruppe Hellwigs Führungsstil.
"Aktueller Gipfel" sei nun die geplante Versetzung des Politikressortleiters Wagner. Silke Hellwig und der Vorstandsvorsitzende der Bremer Tageszeitungen AG, Ulrich Hackmack, hätten Wagner "völlig überraschend und ohne nachvollziehbaren Grund" mitgeteilt, dass er das Ressort nicht länger leiten solle, heißt es in der Protesterklärung.
Was der DJV erst auf Nachfrage von MEEDIA erläutert: Der 50-Jährige wird nicht völlig entmachtet, sondern solle eine neu zu schaffende Stelle als Nachrichtenchef erhalten. Dort habe er aber wohl keine Personalverantwortung mehr und überhaupt "nicht mehr viel zu sagen". Er werde "einfach kaltgestellt". Seine bisherige Stelle werde bereits hausintern zum nächstmöglichen Termin neu ausgeschrieben.
Für die DJV-Betriebsgruppe ist es "völlig unverständlich", dass hier ein "kluger, engagierter und loyaler Politikredakteur" aus seiner Position gedrängt werde, und das auf eine Weise, die "unwürdig und inakzeptabel" sei.
Wagner war 1999 zunächst als stellvertretender Politikchef zum Weser-Kurier gekommen und ist seit 2007 offiziell Ressortleiter. Er lässt sich jetzt von seiner Gewerkschaft juristisch beraten. Selber will er sich auf Anfrage nicht zu dem Vorgang äußern. Über die Hintergründe seiner Versetzung kann die DJV-Betriebsgruppe nur spekulieren. Anscheinend seien "konstruktive Mitarbeit und Kritik" nicht mehr gefragt.
Dabei scheint Wagner keineswegs ein Querkopf zu sein. Wie aus der Redaktion zu hören ist, hatte er die neue Chefin zunächst gegen Bedenken von Kollegen in Schutz genommen. Aber hin und wieder soll er auch ihre Entscheidungen in Frage gestellt haben, etwa als sie den Weser-Kurier Mitte Januar einmal mit dem Siegel "Diese Ausgabe ist 100% Wulff-frei" erscheinen ließ, ohne die Leserschaft über den Sinn dieser Aktion aufzuklären.
Schon bei Hellwigs früherem Arbeitgeber Radio Bremen war ihr Basta-Führungsstil umstritten. Sie verantwortete dort gut drei Jahre lang die angesehene Regionalfernsehsendung "buten un binnen". Mehrere Mitarbeiter sollen wegen ihr die Redaktion verlassen haben. Nicht einmal ein Mediationsverfahren konnte das Klima retten. Schließlich wurde Hellwig aus der Schusslinie genommen und wechselte auf einen weniger prominenten Posten im Sender.
Trotz dieser Vorgeschichte holte Verlagsvorstand Hackmack die Journalistin zum Weser-Kurier, nachdem der frühere Chefredakteur Lars Haider nach Hamburg gewechselt war. Auch er hatte es der Redaktion nicht immer leicht gemacht. Mit ständig neuen Ideen und Forderungen brachte er manche Kolleginnen und Kollegen an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit. Aber das Ergebnis konnte sich oft sehen lassen – mehrere Journalistenpreise waren der Lohn.
Unter seiner Nachfolgerin, so klagt der DJV, fehle jegliche Klarheit über den inhaltlichen Kurs, und der Sinn von Personalstruktur-Veränderungen sei nicht erkennbar. Wenn aus der Belegschaft Gesprächswünsche kämen, würden sie "rigoros abgelehnt".
Dafür gibt Hellwig dem Verlagsvorstand mehr Raum: Hackmack nahm bereits häufiger an der Blattabnahme teil. Dem Vernehmen nach mischte er sich dabei zwar nicht ein, aber viele Journalisten, die Wert auf die Trennung von Redaktion und Verlag legen, sehen darin einen Tabubruch.
Was Hackmack und Hellwig zu all den Vorwürfen sagen? Eine Anfrage von MEEDIA blieb unbeantwortet – ein weiterer Beleg für den unkommunikativen neuen Stil des Hauses.

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