Das versteckte Ahmadinedschad-Interview

Fernsehen “heute journal”-Moderator bekam kurzfristig die Gelegenheit den iranischen Staatspräsidenten Mahmud Ahmadinedschad zu interviewen. Das knapp 45-minütige Gespräch war ein journalistischer Scoop von Weltklasse. Kleber meistert die schwierige Aufgabe bravourös. Gesendet wurde das sehenswerte Stück in voller Länge aber erst weit nach Mitternacht auf dem Digital-Kanal ZDFinfo. Zur Primetime lief dort eine zeitlose Nazi-Doku aus der Konserve. Was für eine Verschwendung.

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Dass das ZDF in seinem Hauptprogramm keine Dreiviertelstunde für das sehr sehenswerte aber sperrige Interview mit dem iranischen Präsidenten einräumt, das ist nachzuvollziehen. Wäre wahrscheinlich zu mutig und verwegen, ein solches Programm einem großen Publikum zuzumuten. Im “Mittagsmagazin” gab es wenigstens kurze Ausschnitte, im “heute journal” um 22.30 Uhr einen recht ausführlichen Zusammenschnitt von gut sechs Minuten inklusive Einordnungen von Claus Kleber. Auch der Verweis darauf, dass das komplette Interview online und bei ZDFinfo zu sehen ist, gehen im Prinzip in Ordnung.

Warum aber um alles in der Welt, wird ein solcher Scoop dann bei ZDFinfo zwanzig Minuten nach Mitternacht versendet? Immerhin rund 50.000 Zuschauer verirrten sich um diese Uhrzeit zu dem digitalen Spartenkanal. Das ist ein Marktanteil von 0,7%. Normal sind für ZDFinfo 0,2% bis 0,3%. Und was lief um 21 Uhr bei ZDFinfo: Die Doku “Naziverbrecher Albert Speer” – wahrhaft zeitloser Content für einen Newskanal.

Groß und berechtigt war die Kritik, als die renommierte Reporterin Antonia Rados für die RTL Gruppe 2011 ein Interview mit dem libyschen Machthaber Gaddafi bekam und RTL das rund 40-minütige Gespräch auf drei belanglose Minütchen runterschnippelte. Das ZDF hat die Sache mit dem Ahmadinedschad-Interview nun etwas besser gemacht, aber noch lange nicht gut genug.

Das Interview, das Claus Kleber mit gebotener Zurückhaltung, aber nie unterwürfig, souverän führte, war erhellend für den irrationalen Charakter des iranischen Präsidenten. Solch ein Stück hätte im Sinne des öffentlich-rechtlichen Auftrags jeden Zuschauer verdient gehabt. Nebenbei wäre es auch nett gewesen, man hätte sich die Mühe gemacht, das Interview in voller Länge mit einer ordentlichen Übersetzung zu versehen, so wie den Zusammenschnitt im "heute jorurnal". Die Zeit wäre überreif für einen echten, öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender, der für solche Stücke eine würdige Plattform bietet.
Hier gibt es das sehr sehenswerte Interview in voller Länge in der ZDF-Mediathek.

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