Programmiertes Chaos beim Twitterview

Publishing Das hatte man sich in Berlin fein ausgedacht: Zum Besuch des Twitter-Gründers Jack Dorsey bei Bundeskanzlerin Angela Merkel gab Regierungssprecher Steffen Seibert ein Bürger-Interview bei Twitter - mit vorhersehbarem Ergebnis: zu viele Fragen, zu wenig Antworten, viel Gemecker. Neben einem Fragen-Wust zu Themen wie ACTA, NRW-Wahlen, Barrierefreiheit und dem Lieblingssong des @RegSprechers war die wichtigste Erkenntnis: Wir brauchen weiterhin Journalisten.

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Das dürfte auch Steffen Seibert und seinen Mitarbeitern vom Bundespresseamt klar gewesen sein: Bei einer angesetzten halben Stunde Twitterview kann man es unmöglich allen Recht machen. Da gab es die erwartbaren Beschwerden, dass der Regierungssprecher gar nicht oder zu langsam antwortet, dass er sich Fragen herauspickt usw. Was soll er aber auch machen? Da saß er an seinem iPad (auch dies wurde mehrfach moniert) und konnte unmöglich alleine die Fragen im Sekundentakt abarbeiten.

Neben Gaga-Fragen (“Sollte man Wildfleisch vorher in Alufolie vorgrillen, bevor man es auf den Rost wirft?”), eingeschleuster Spam-Werbung und den üblichen Wirrköpfen gab es bei dem ganzen Twitter-Chaos aber durchaus auch ernsthafte Fragen, die von Steffen Seibert durchaus auch konkret beantwortet wurden. Sogar der Benzinpreis-Wut eines Münsteraner Stadtmagazins nahm er sich an (“Stärken Wettbewerb. Haben großen Konzernen untersagt, freien Tankstellen Benzin teurer zu verkaufen als anderen.”)

Meisten blieben die Antworten des @RegSprechers im phrasenhaft Ungefähren. Aber so ist das nun mal bei Sprechern. Zu konkret darf’s auch nicht sein. Ab und zu gab er auch Antworten auf persönliche Fragen. Ob er sich nicht manchmal wünsche, beim ZDF geblieben zu sein? Antwort: “Nein, ich war 21 schöne Jahre lang Journalist. Neue Aufgabe, Politik zu erklären u. zu informieren, anders, aber auch schön.” Was soll er auch sonst sagen, der arme Mann …? Und wir erfuhren, dass sein aktuelles Lieblingslied “Irgendwas von Mac Miller” ist und er aktuell "Oblomow" von Iwan Gontscharow liest.

Und, ja, er könne sich vorstellen so ein Twitterview wieder zu machen, “vielleicht mit vorsortierten Fragen”, schob er ein, was der verehrten Nutzerschar aber natürlich auch wieder nicht passen dürfte. Dafür, dass das Twitterview Steffen Seibert nicht ganz und gar unangenehm war spricht, dass er statt der geplanten 30 Minuten sogar etwas über 45 Minuten Fragen beantwortete. Danach tweetete er noch “ich denke, wir machen das mal wieder” und packte das iPad weg.

Und was lernen wir daraus? Direkte Bürgerbeteiligung mit Hilfe neuer Medien ist gut und fein, bringt aber keinen zusätzlichen Erkenntnisgewinn. Der Politik ist es wegen der schieren Masse an Fragen sogar relativ leicht, Unangenehmes und Nachfragen zu ignorieren. Und so bleibt als eine zentrale Lehre vom Twitter-Interview des Regierungssprechers hängen, dass man auch künftig wohl Journalisten und Medien brauchen wird, um Politik  kompetent und kritisch zu vermitteln. Web-Services wie Twitter, Facebook oder der YouTube-Kanal der Kanzlerin können eine Ergänzungen sein – aber kein Ersatz.
Die Antworten von Steffen Seibert auf die Fragen der Twitter-Nutzer kann man hier auf seiner Twitter-Seite nachlesen

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