„Würden nicht für Waffenindustrie schreiben“

Publishing Zehn Mitarbeiter sorgen mittlerweile für einen Umsatz im "kleinen siebenstelligen Bereich". Tempus Corporate, die Coporate Publishing-Tochter der Zeit, entwickelt sich prächtig. Die Hamburger arbeiten für die Volkswagen-Stiftung, die Krupp-Stiftung und Vodafone. Im MEEDIA-Interview sprechen die Geschäftsführer Ulrike Teschke und Manuel J. Hartung über die Trennung von Zeit-Redaktion und CP-Tochter, über Kunden, die sie ablehnen würden, und das überschätzte Thema "Apps".

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Wie kommt es, dass die Zeit mit Tempus Corporate seit rund zwei Jahren eine eigene Corporate Publishing-Tochter hat?
Ulrike Teschke: Offiziell sind wir am 1. Februar 2010 an den Start gegangen. Schon kurz davor haben wir ein Magazin zum Wissenschaftsstandort Hamburg gemacht. Nachdem wir unseren Verleger erklärt hatten, dass wir diesen Zweig gerne ausbauen würden, sagte er gleich: Dann aber nur mit einer strikten Trennung zur Zeit-Redaktion. Das ist auch gut so.
Wie sieht diese Trennung aus?
Teschke: Tempus Corporate ist zum einen eine eigene Tochtergesellschaft. Es gibt in unserem Haus die klare Regelung, dass Redakteure, die für die Zeit schreiben, nicht für Tempus Corporate schreiben dürfen und die Autoren, die für Tempus schreiben, zwei Jahre für die Zeit gesperrt sind.
Eigentlich darf man also als ambitionierter Journalist nicht für Tempus Corporate schreiben?
Teschke: Doch. Denn auch für uns ist der Zeit-Standard Programm. Sie entscheiden sich dann nämlich, in einer ebenso hohen Qualität zu arbeiten.
Wie würden Sie den Qualitätsstandard der Zeit definieren?
Manuel Hartung: Gute Recherche, gute Texte, glaubwürdiger Journalismus. Wir wollen – und das gilt für Tempus Corporate genauso wie für die Zeit – keine Geschichten, die etwas schönschreiben. Es geht um eine ehrliche Offenheit, mit der jedes Stück angegangen wird.
Kann man im Corporate Publishing denn überhaupt glaubwürdig schreiben?
Teschke: Wenn Sie sich unsere Produkte anschauen, dann denke ich schon.
Hartung: Corporate Publishing hat sich insgesamt verändert. Früher hat man Publikationen gemacht, bei denen Kunden auf jeder Seite lesen wollten: Wir sind die Größten, wir sind die Besten. So kann man heute nicht mehr an die Öffentlichkeit gehen. Die Geschichten in modernen CP-Heften sind längst so interessant wie in vielen Zeitungen oder Magazinen. Wichtig ist, dass es für den Leser transparent ist, wer der Auftraggeber ist.
Wo liegt die Grenze bei der kontroversen Berichterstattung? Wie kritisch darf CP sein?
Teschke
: Natürlich ist der Kunde König. Bei CP-Produkten ist immer klar, dass es einen Absender gibt, der eine Botschaft transportieren will. Trotzdem können die Inhalte journalistisch anspruchsvoll gestaltet sein.
Wo liegt dann die Grenze zum Journalismus?
Teschke: Nehmen wir einmal an, es käme ein Unternehmen aus der Waffenindustrie, das sich wünschte, dass wir über ihre Produkte schreiben, würden wir das definitiv nicht machen. Das gehört nicht zum Anspruch unserer Gruppe. Wir wollen nicht Umsatz um jeden Preis machen.
Hartung: Unsere Philosophie ist eindeutig: Wir wollen gute Produkte für gute Kunden machen. Dem folgt unsere Positionierung: Wir sind stark in den Bereichen Wissenschaft und CSR – und arbeiten für sehr anspruchsvolle Kunden wie die Deutsche Bank oder die Welthungerhilfe.
Braucht ein Verlag eine funktionierende Corporate-Publishing-Sparte?
Teschke: Wir besetzen eine interessante Nische im CP-Markt, die sich sehr gut entwickelt. Wir gewinnen Kunden für Tempus Corporate, die keine Anzeigenkunden der Zeit sind. Und Anzeigenkunden können wir attraktive Pakete anbieten. Es wird für Verlage immer wichtiger, mehrere wirtschaftliche Standbeine zu haben.
Ist Corprate Publishing denn dann die Zukunft?
Hartung
: Zumindest ein nicht zu vernachlässigender Teil eines guten Verlages. Wir werden kräftig weiter wachsen.
Mit welchen neuen Kunden wollen Sie wachsen?
Hartung
: Wir haben seit Anfang des Jahres eine ganze Reihe sehr renommierter Kunden gewonnen. Wir arbeiten schon mit der Humboldt-Stiftung, der Welthungerhilfe und der Deutschen Bank zusammen. In den vergangenen Wochen haben wir vier neue Magazine gegründet: Wir machen das Magazin über die Jubiläumsveranstaltung der Volkswagen-Stiftung. Zudem setzen wir ein Heft für die Krupp-Stiftung und die German Scholars Organization um. Wir werden für Vodafone ein Magazin zum CSR-Report des Unternehmens erstellen. Und wir entwickeln ein Heft für die Hochschule Fresenius.
Das lässt sich nicht einfach so nebenbei stemmen. Wie groß ist Ihr Team?
Teschke: Wir sind noch klein.
Also: Wie klein sind Sie?
Hartung: Wir haben elf festangestellte Mitarbeiter und arbeiten mit vielen freien Mitarbeitern zusammen. Wir sind jetzt in der Phase, in der wir festere Strukturen weiter aufbauen.
Wie hoch ist der Umsatz?
Teschke
: Der lag im vergangenen Jahr im kleinen siebenstelligen Bereich. Damit sind wir schon einmal sehr zufrieden und schauen extrem optimistisch in die Zukunft.
Herr Hartung, haben Sie heute in der CP mehr Freiheiten als Blattmacher im Vergleich zu Ihrer Zeit bei Zeit Campus?
Hartung: Die redaktionelle Freiheit bei einem Magazin der Zeit ist unerreichbar. Aber unsere Auftragsarbeiten zeichnen sich durch hohe Kreativität und Qualität aus. Sie haben nicht nur beste Bilder und tolle Texte, auch die Haptik soll stimmen. Tatsächlich kann ich jetzt viel mehr mit Formaten und Inhalten spielen und werde immer mehr zu Produktions- und Material-Experten.
Ist es nicht komisch, auf einmal nicht mehr mit jeder Ausgabe um Auflage und Leser kämpfen zu müssen?
Hartung
: Neben der verkauften Auflage war es früher mein wichtigstes Ziel, dass Zeit Campus sowohl eine hohe Sammelquote und als auch eine lange Lesedauer hat: Die Leser sollten Stunden mit einem wertigen Produkt verbringen, das sie dann aufheben oder verschenken. Beim Corporate Publishing haben wir es mit Heften zu tun, die oft schon eine sehr hohe Sammelquote haben – denken Sie beispielsweise an einen Geschäftsbericht, den Sie sich sofort ins Regal stellen. Mein Ziel bei unseren CP-Produkten ist jetzt, die Lesequote auf ein hohes Niveau zu heben. So gesehen hat sich gar nicht so viel geändert.
Als sie an den Start gingen, redete der ganze CP-Markt noch von dem großen Trend zur Unternehmens-App. Wie viele Apps haben sie schon realisiert?
Hartung: Keine. Denn in diesem Bereich gibt es längst eine große Ernüchterung. Mit Print erreichen Sie Leser leichter, als wenn Sie ihn erst mühsam zum Runterladen einer App animieren wollen. Wir bieten immer Apps an, aber bislang wollte noch kein Kunde eine. Wenn, dann können wir das für ihn natürlich hochwertig realisieren.
Teschke: Wie bereits gesagt: Bei uns ist der Kunde König.

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