Warum Bild weiterhin Europas Nummer 1 ist…

... und Tageszeitungen auch nicht 2034 sterben: Ein Journalistik-Professor aus Eichstätt sorgt derzeit mit zwei von ihm veröffentlichten Statistiken in Medien-interessierten Teilen des Internets für einigen Wirbel. Seine Aussagen: Die Bild ist nicht mehr "größte Tageszeitung Europas" und die letzte gedruckte Tageszeitung erscheine im Jahr 2034. Beide Thesen sind wissenschaftlich gesehen allerdings Unsinn und dienen offenbar nur der Vermarktung seines Lehrbuches, bzw. der Eigenvermarktung.

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… und Tageszeitungen auch nicht 2034 sterben: Ein Journalistik-Professor aus Eichstätt sorgt derzeit mit zwei von ihm veröffentlichten Statistiken in Medien-interessierten Teilen des Internets für einigen Wirbel. Seine Aussagen: Die Bild ist nicht mehr "größte Tageszeitung Europas" und die letzte gedruckte Tageszeitung erscheine im Jahr 2034. Beide Thesen sind wissenschaftlich gesehen allerdings Unsinn und dienen offenbar nur der Vermarktung seines Lehrbuches, bzw. der Eigenvermarktung.

Zunächst zur Bild: Es ist nicht wegzudiskutieren, dass die Bild seit Jahren zu den größten Auflagenverlierern der Tageszeitungsbranche gehört. Im vierten Quartal 1998 verkaufte sich Springers Boulevardblatt noch mehr als 4,4 Mio. mal, 13 Jahre später nur noch 2,7 Mio. mal. Prof. Dr. Klaus Meier, der laut Profil auf seinem "Journalistik"-Blog seit 2011 als Professor an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt lehrt, behauptet nun in einem am Donnerstag veröffentlichten Beitrag, die Bild sei damit nicht mehr Europas meistverkaufte Tageszeitung. Das sei bitter, denn "nicht nur in den Selbstdarstellungen der ‚Bild‘ und des Axel-Springer-Verlags, auch in der ganzen Branche wird das immer wieder betont", so Meier.

Als Beweis seiner These nennt er die die 2.702.206 täglich verkauften Bild-Exemplare des vierten Quartals 2011, sowie die aktuelle Verkaufszahl der britischen Zeitung The Sun, die bei 2.751.219 liegt. Das Problem: Sie bezieht sich auf den Monat Januar 2012, denn in England werden die Auflagenzahlen der Tageszeitungen sogar monatlich ausgewiesen. Januar-Zahlen mit denen aus einem vierten Quartal zu vergleichen, ist aber schon deswegen unzulässig, da gerade Zeitungs-Auflagen über das Jahr gesehen immer wieder nach oben oder unten zeigen. Meier sagt zwar selbst, dass die Zahlen der Sun ja schwanken, doch auf die konkreten Zahlen der Monate Oktober bis Dezember 2011 geht er nicht ein. Und: Nur diese Zahlen ließen sich direkt mit denen der Bild vergleichen, wenn man methodische Unterschiede zwischen der deutschen IVW und der britischen ABC außen vor lassen würde.

Eine kleine Recherche ergibt: The Sun verkaufte sich im Oktober 2.715.473 mal, im November 2.624.167 mal und im Dezember 2.530.843 mal. Der (etwas vereinfacht errechnete) Durchschnittswert läge für das vierte Quartal also bei 2.623.494 Exemplaren und damit immerhin rund 80.000 unter der Bild. Natürlich kann sich das im ersten Quartal ändern. Und es kann durchaus sein, dass die Bild in Kürze nicht mehr Europas Nummer 1 ist, schließlich waren die Verluste der Sun in den vergangenen Jahren nicht ganz so hoch. Doch das ist zum jetzigen Zeitpunkt reine Spekulation. Die Aussage "Bild nicht mehr ‚größte Tageszeitung Europas‘: Britische Sun hat jetzt mehr Auflage" ist jedenfalls definitiv faktisch falsch.

Der zweitneueste Eintrag in Meiers Blog heißt "Statistisch berechnet: Im Jahr 2034 erscheint die letzte gedruckte Tageszeitung" – eine weitere steile These. Meier hat dafür die verkauften Auflagen der deutschen Tageszeitungen genommen und die daraus entstehende Verlaufskurve einfach in die Zukunft fortgesetzt. "Fast alle Werte liegen tatsächlich sehr genau auf einer Kurve, die sich langsam, aber immer stärker senkt." Und weiter: "Die Statistik sagt uns voraus: 2022 werden noch ca. 11 Millionen Exemplare verkauft – und 2034 ist dann Schluss."

Zwar relativiert Meier seine These und schreibt weiter unten: "Mir geht es auch nicht darum, das Jahr des Untergangs exakt vorauszusagen." Warum macht er es dann aber? Und: Die Relativierung steht erst unterhalb der Kurvengrafik und wird von vielen für populistische Aussagen empfänglichen Leuten womöglich gar nicht mehr gelesen.

Es ist doch so wie mit allen Voraussagen, die weit in die Zukunft reichen, egal ob von selbst ernannten Trend- oder Zukunftsforschern, oder wie in diesem Fall von einem echten Professor: Niemand kann sagen, wann und ob überhaupt jemals die letzte Tageszeitung auf Papier erscheint. Noch vor 20 Jahren hätte niemand behauptet, dass Zeitungen so massiv Käufer verlieren würden, das Internet gab es in der Form damals noch nicht. Was wäre denn, wenn Papier – aus welchen Gründen auch immer – wieder in Mode kommt, was wenn Kriege, Terror, etc. das Internet lahm legen, Strom zu einem teuren Gut machen, Verlage Zeitungsinhalte so veredeln, dass sie wieder populärer werden oder neue Technologien dafür sorgen, dass Zeitungen viel aktueller gedruckt werden können. Oder was, wenn das Netz das Papier schon viel früher ablöst, Zeitungsverlage schon in zehn Jahren in die Pleite marschieren? Das sind alles nur reine Spekulationen, die aber genau so wissenschaftlich sind, wie die Aussage, es gäbe 2034 keine Tageszeitung mehr in Deutschland.

Zusammenfassend: Die beiden statistischen Aussagen von Professor Meier sind nicht durchdacht, falsch und reiner Populismus. Egal, ob Meier damit nur für sein Buch werben wollte – ein Professor sollte sich besser zweimal überlegen, ob er das mit solch wissenschaftlichem Unsinn macht.

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