Springer: Das Prinzip Teile und herrsche

Publishing Es begann mit einer Koketterie und endete mit einer Untertreibung. Springer-Chef Mathias Döpfner kündigte eine "langweilige Pressekonferenz" an, die Zahlen des Unternehmens seien wieder gut ausgefallen. Die Untertreibung war, dass der Konzern in "sechs bis sieben Jahren" die Hälfte des Umsatzes mit digitalen Medien erzielen will. Döpfner dürfte diese Marke vermutlich schneller erreichen wollen. Schon heute liege man im Vergleich mit börsennotierten Online-Unternehmen in Europa auf Platz 2.

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Jemand hat mal nachgerechnet bei Springer – und herausgefunden, dass der Konzern allein mit seinem Digital-Umsatz von 962 (Vorjahr: 711) Millionen Euro auf Platz 2 der börsennotierten Online-Unternehmen in Europa landen würde. Nur United Internet setzt mit 2 Milliarden Euro im Jahr mehr um. Eine weitere Rechnung, die Springer aufmacht: Alle Webseiten des Konzerns zusammengezählt, werden 63,7 Millionen Unique Visitors erreicht. In Europa folgt mit weitem Abstand die BBC mit 34,8 Millionen Uniques.

Diese Zahlen-Spielereien, die Döpfner auf der Bilanzpressekonferenz vorstellte, sind auf der operativen Ebene nicht wirklich wichtig. Aber sie haben für den Konzernvorstand hohen symbolischen Wert. Sie unterstreichen seinen Anspruch, in der Branche und auf dem Kapitalmarkt als das europäische Medienhaus wahrgenommen zu werden, das am meisten von der Digitalisierung versteht – und von ihr profitiert. Die Ergebnis-Rendite von 16,4 Prozent spreche dafür, dass Springer nicht "Wachstum um des Wachstums willen" aufbaue, sondern auch tatsächlich mit den Assets Geld verdiene.

Der Hinweis Döpfners geht zurück auf den in der Branche vielfach geäußerten Vorwurf, Springer kaufe mit erheblichem Kapitaleinsatz teure Internetfirmen wie zuletzt das französische Immobilienportal SeLoger, das Frauenportal Aufeminin.com oder den Online-Werbevermarkter Zanox auf, um so seine Digitalumsätze schnell in die Höhe zu treiben. Döpfner bezifferte das organische Wachstum der Digitalsparte mit "mehr als 20 Prozent".

Döpfner rechnete noch weiter: Das neue Unternehmen Axel Springer Digital Classifieds, in dem das sehr profitable digitale Rubrikengeschäft mit den Portalen SeLoger, StepStone und Immonet gebündelt wird, sei mit 1,25 Milliarden Euro bewertet worden. Investiert habe Springer in diese drei Unternehmen bisher etwa 600 Millionen Euro. Ergibt "eine sehr schöne Wertsteigerung in kurzer Zeit", freute sich Döpfner. Zudem entspreche diese Bewertung in etwa einem Drittel der Gesamtbewertung der AG von 3,5 Milliarden. Da könne man ja auf die Idee kommen, auch die restlichen zwei Drittel höher zu bewerten. Keine Frage: Döpfner und seine Mannen bedienen gekonnt die Klaviatur des Kapitalmarktes. Einen Hinweis auf den schwankenden Aktienkurs kommentierte Döpfner mit dem Hinweis, er habe gelernt, als Vorstand niemals eben jenen Aktienkurs zu kommentieren.

Wie sehr sich Springer mittlerweile von dem Habitus des traditionellen Verlagshauses entfernt hat, belegt auch der am Dienstag veröffentlichte Deal mit den Investoren von General Atlantic. Die Amerikaner steigen mit 237 Millionen Euro bei Axel Springer Digital Classifieds ein und bekommen dafür einen Anteil von 30 Prozent. Der Finanzierungsspielraum erhöht sich, somit sind noch in diesem Jahr Zukäufe von internationalen Rubrikenportalen denkbar. General Atlantic hatte sich auch für den Kauf von SeLoger interessiert – nun kommen die Investoren indirekt zum Zug. In ein paar Jahren könnten sie dann entweder auf den Börsengang als Exit setzen, oder Springer kauft ihnen ihren Anteil am Unternehmen wieder ab. Die Springer-Logik könnte plakativ wohl lauten: Teile und herrsche.

Bei der großen Aufmerksamkeit, die den digitalen Märkten zuteil wird – mit Journalismus haben die in vielen Fällen nicht mehr viel zu tun – sollte nicht der Blick auf das ursprüngliche Kerngeschäft von Axel Springer vergessen werden. Sowohl bei den deutschen Zeitungs- wie bei den Zeitschriftentiteln sank der Umsatz, um 2,4 Prozent (Zeitungen) bzw. 3,7 Prozent (Zeitschriften). In beiden Segmenten waren dafür vor allem die sinkenden Werbeerlöse verantwortlich. Döpfner nannte den Werbemarkt "unberechenbar und volatil". Zumindest bei den Zeitschriften stieg dennoch die EBITDA-Rendite – auf stattliche 22 Prozent. Das Beispiel Computer Bild-Gruppe – die Zeitschriften werden in eine eigenständige GmbH ausgegliedert – zeigt, wie Springer das Wort "Kostendisziplin" buchstabiert: aggressiv. 

Springer, das ist jenseits aller – manchmal geschmäcklerischen – Bewertungen der Selbstdarstellung des Medienkonzerns klar, agiert seit einiger Zeit souverän wie kaum ein anderes Medienunternehmen in Deutschland. Ob der Kurs nachhaltig erfolgreich ist, ist keine Frage von Monaten, sondern von Jahren. Es wäre ein Fehler, die sehr professionell vermarktete Erfolgsgeschichte der Axel Springer AG einfach zu schlucken und kommentarlos Jubelarien zu verbreiten. Aber: Die Bilanz gibt Döpfner zunächst Recht – auch der Konzernüberschuss von 343 Millionen Euro für 2011 ist nicht gerade von Pappenstil.

Springer ist das Medienunternehmen, in dessen Club im 19. Stock am selben Tag Goldman Sachs-Deutschlandchef Alexander Dibelius und der US-Botschafter Phil Murphy zu Mittag essen. Es ist zu einem wirtschaftlichen und – siehe Leitungsschutzrecht – medienpolitischen Kraftwerk geworden. Das macht die Beobachtung des Unternehmens nicht langweiliger, sondern nur spannender.
     

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