“Roche & Böhmermann” – Überdosis Ironie

Fernsehen Bei zdf.kultur ist die neue Talkshow “Roche & Böhmermann mit Charlotte Roche und Jan Böhmermann, dem aktuellen Sidekick von Harald Schmidt, gestartet. In schwarzer Dr.-Seltsam-Kulisse lieferten die beiden Talk-Azubis ein Lehrstück dafür, wie man es nicht macht. Das Schlimme an der Show war noch nicht einmal der fröhliche Dilettantismus, sondern die verpassten Chancen für interessante Gespräche, die die beiden in einer Überdosis Pennäler-Ironie ertränkten.

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Für die Show-Premiere auf dem digitalen Mini-Sender des ZDF war eine Reihe von Gästen eingeladen, die auf den ersten und auch zweiten Blick so gar nicht zusammenpassen wollten. Da war der superinteressante Türsteher des Berliner Clubs Berghain, Sven Marquardt. Der ist anerkannter Fotograf, wandelndes Tätowier-Kunstwerk und er saß da, langhaarig und bärtig, in der schwarz-weißen Neon-Beleuchtung bei “Roche & Böhmermann” wie eine Werwolf-Skulptur.

Das Tolle an dem Typen ist, dass er, wenn er etwas sagt, sehr freundlich und “normal” rüberkommt. Das hätte sehr interessant werden können, etwas über diese Figur zu erfahren. Was hat er für einen Background? Wie sieht sein Türsteher-Alltag aus, was genau hat er früher gemacht etc. Ein paar Fingerzeige gab es in dem Einspieler-Film, der zu jedem Gast gezeigt wurde. Aber was wurde Sven Marquardt von den auf dem Papier volljährigen Menschen am Tisch gefragt? Wie man am besten reinkommt ins Berghain. Fragen auf Pennäler-Niveau, die von dem Werwolf-Mann zurecht weggebügelt wurden.

Ganz lustig war auch der Einwurf von Rapper Sido, der bekannte, dass Marquardt ihm mal den Zutritt verweigert hat. Mehr dazu war leider nicht zu erfahren. Es mussten wieder zu viele ironische Mätzchen gemacht werden.

Oder der Catwalk-Trainer von Heidi Klum, Jorge Gonzáles. Noch so eine unwahrscheinliche Figur, die aussah wie aus einem Comic entlaufen. Immerhin lernte man, dass der schrille High-Heels-Fan diplomierter Nuklear-Ökologe ist. Da hätte man ja mal eine ganz andere Seite an ihm kennenlernen können. Aber: Fehlanzeige. Ein paar laue Witzchen über seine schlechte deutsche Aussprache, die Frage, wie das denn so ist, mit der Heidi, und ein Gag-Foto über sein Pferde-Gebiss, das musste reichen.

Ihr Waterloo erlebte die Sendung dann am Ende, als Jan Böhmermann versuchte, aus Sat.1-Moderatorin Britt Hagedorn das Geständnis herauszupressen, dass sie die Protagonisten ihrer Sendungen (“Britt” und “Schwer verliebt”) vorführe. Der Macherin solcher Sendungen einfach nur vorzuhalten, dass das, was sie da macht, ganz, ganz schlimm sei, reicht aber nicht. Wo waren die Beispiele, wo waren Sendungsausschnitte, wo war die Geschichte mit den Knebelverträgen für “Schwer verliebt”-Teilnehmer”, wo war die Vorbereitung?

Oder die Piraten-Politikerin Marina Weisband. Wie wäre mal mit ein paar Fragen zu ihrer Kindheit in Kiew gewesen und ihren Erfahrungen als Jüdin mit deutschen Rechtsextremen gewesen? Solche Themen wurden jeweils nur in den Einspiel-Filmen kurz angerissen und dann im Durcheinander im nachtschwarzen Studio ganz schnell unter den Tisch gebrabbelt. Wollte man jetzt ernst sein oder nur witzig. Sie schienen es selbst nicht zu wissen. Hauptsache ganz arg ironisch und total politically incorrect. Darum standen wahrscheinlich auch dicke Glas-Aschenbecher auf dem Tisch und es wurde Whiskey ausgeschenkt. Geraucht hat trotzdem keiner.

Immer, wenn es hätte interessant werden können, fielen die beiden Moderatoren (was eigentlich zu viel gesagt ist), den Gästen ins Wort und ergötzten sich an ihren ironischen Mätzchen. Ganz am Anfang wurde ein “Selbst-Zensur-Knopf” vorgestellt, den man drücken kann. Dann ertönte ein Piep-Geräuch und die Zuschauer am TV hören nicht mehr, was gesagt wird. Wer das in nicht angeschickertem Zustand lustig finden sollte, blieb im Dunkel des Studios verborgen. Auch die technisch auf hohem Niveau produzierten Einspielfilme zu den Gästen trieften von jener Sorte Ironie, wie man sie auf Studentenfeten bei Geisteswissenschaftlern nach zwei drei Gläschen Absinth vermutet. Dann wurde auch noch so getan, als würden die vermeintlich brisanten Stellen herausgeschnitten, zurückgespult und durch harmloses Gequatsche ersetzt.

Das sollte wahrscheinlich auch wieder besonders frech oder ironisch oder beides sein und mit den Fernseh-Konventionen brechen, genau wie die XL-Mikrofone im Retro-Stil. Das Problem von “Roche & Böhmermann” aber ist Folgendes: Um die Regeln eines TV-Formats zu brechen, muss man sie zu allererst einmal beherrschen. Und davon sind die beiden Moderatoren dieser Sendung leider Lichtjahre entfernt.
Hier gibt es die Auftakt-Sendung von "Roche & Böhmermann" in der ZDF-Mediathek

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