Das Minuten-Protokoll der Wanderhure

Fernsehen Die Wanderhure hat bei Sat.1 ausgiebig Rache genommen und etwas über acht Millionen haben zugeschaut. Aber Moment mal... Rache? Wanderhure? Wenn man es genau nimmt, hat Alexandra Neldel in ihrer Paraderolle weder rumgehurt, noch ist sie gewandert, noch hat sie richtig Rache genommen. MEEDIA hat sich die Mittelalterschwarte bei Sat.1 angetan und statt einer TV-Kritik ein Minutenprotokoll erstellt. Wie der Film: garantiert ohne Anspruch auf Irgendwas.

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20.14 Uhr: Es geht schon los. Die Wanderhure hängt Wäsche auf, liebliche Musik ertönt. Der Titelsong der Wanderhure heißt „Mna Na H-Eireann“ (gälisch), erinnert vom Feeling her entfernt an „Herr der Ringe“ und ist wahrscheinlich noch das Beste an der Wanderhurerei.

20.15 Uhr: Ex-“Bond-Bösewicht“ (das MUSS man bei ihm IMMER dazuschreiben) Götz Otto als schöner König Sigismund sitzt auf seinem Thron, inkl. teurem Hermelin. Ein erster Fingerzeig, wie die kolportierten 5,6 Mio. Euro Produktionskosten verpulvert wurden.

20.17 Uhr: Eine Rückblende zeigt das heitere Familienleben der Wanderhure mit ihrem Männe Michel – eine Art Schmalspur-Verschnitt aus Aragorn und Qui-Gon Jinn. Abwechselnd neckt man sich und übt sich Schwertkampf. Fun-Fact: Die Neldel lernte für den Film extra Schwertkämpfen und Reiten. Da hat wenigstens die was davon gehabt.

20.20 Uhr
: Ein hysterischer Mann mit Sido-Maske auf dem Kopf tritt auf und wird als „Großinquisitor“ vorgestellt. Offensichtlich der Bösewicht. Revolutionär! Ein Großinquisitor als Superschurke – das gab es ja seit „Der Name der Rose“ und dem Ratzinger nicht mehr.

20.26 Uhr: Ein langhaariger, blonder Lucius-Malfoy-Verschnitt, der sich „Heppenheim“ oder so ähnlich nennt, reitet und guckt komisch. Wir ahnen: Auch er führt Böses im Schilde.

20.27 Uhr: Männe Michel verabschiedet sich, um in den Krieg zu ziehen: „Auch wenn Kontinente zwischen uns liegen, ich werde immer bei dir sein…“ Kontinente? Fährt der nach Amerika?

20.30 Uhr
: Ein Kopf am Spieß wird gezeigt. Wie war das mit dem „Familiensender“, Sat.1?

20.32 Uhr: „Heppenheim“ schießt Männe Michel mit einem „Zauberrohr“ (aka Gewehr) in den Kopf. Scheinbar tot.

20.33 Uhr: King Siggi, Götz Otto, hat schon wieder einen neuen Hermelin. Es ist wirklich eine aufwändige Produktion.

20.35 Uhr: Auftritt der Super-Nonne Esther Schweins. Kommt gleich Fritz Wepper im zu engen Wams?

20.37 Uhr: Die Hure geht auf Wanderschaft. Endlich! Aber immer noch keine echte Sex-Szene. Wo bleibt die frivole Mittelaltererotik, die versprochen wurde!?

20.46 Uhr: Die Wanderhure geht schwimmen. In voller Montur! Scheiß Political Correctness.

20.48 Uhr: Ein Asiate taucht auf und heilt den scheinbar toten Männe Michel durch Kugelrauspulen und Handauflegen. Es ist… Ill-Young Kim (keine Witze mit Namen!), der ehemalige Viva-2-Moderator.

20 49 Uhr: Die Wanderhure gerät in die Obhut der Super-Nonnen. Esther Schweins: „Werde eine von uns!“ Eine Wandernonne?

20.54 Uhr: Kampf der Hit-Giganten: Nonne vs. Großinquisitor.

20.56 Uhr: Werbung für die Sat.1 „Doku“ im Anschluss: „Die echten Wanderhuren – käufliche Liebe im Mittelalter“ An diesem Audience flow wurde wahrscheinlich monatelang gefeilt.

21.05 Uhr: Immer noch Werbung. Die Wanderhure trägt endlich Unterwäsche und räkelt sich auf einem Bett, macht aber irritierenderweise Werbung für vegane Fruchtgummis. Sehr verwirrend.

21.08 Uhr
: Es geht weiter. Schöner Dialog im Familiensender: „Wo bitte geht‘s zum Heereslager? – Immer dem Geruch der abgehackten Arme nach.“

21.10 Uhr: Endlich: blanker Busen blitzt. ABER: nicht der von der Wanderhure. Was ist da los, verdammt noch mal?!

21.11 Uhr
: Ankunft im Heereslager der Wanderhuren. Es wir interessant.

21.14 Uhr: Ein Zwerg entpuppt sich als Wanderhuren-Fan und Good-Guy.

21.16 Uhr: Die Wanderhure tarnt sich zuerst mit roter Perücke. Anschließend singt sie und betört Rattenfänger-von-Hameln-gleich die finsteren Schergen. „Befreit Euch ihr Frauen lauft weg!“ Das Gefühl, eine der dämlichsten Szenen der Filmgeschichte miterlebt zu haben steigt auf. Tipp an die Produktion: Beim nächsten mal Gesangsszenen der Neldel von der Catterfeld synchronisieren lassen.

21.19 Uhr: Großinquisitor Sido lässt die Maske fallen. Es ist – Schreck lass nach – der vernarbte Janus Supertur – ein alter Feind unserer Wanderhure.

21.21 Uhr: Der Narbenmann reißt der Wanderhure die Kleider vom Leib. Aber nur fast. Wir sind ja beim Familiensender.

21.48 Uhr: Die Wanderhure reitet wieder – diesmal als Typ verkleidet.

21.49 Uhr: Männe Michel wurde vom Kampf-Mongolen hochgepäppelt und zum namenlosen Pfeil-Killer ausgebildet. Er hat scheinbar sein Gedächtnis verloren. Und wir schon längst den Faden.

22.12 Uhr: Trans-Gender-Thematik: Die als Kerl verkleidete Wanderhure wird von echter, dicker Wanderhure angebaggert und enttarnt: „Dieser Kerl ist kein Kerl!“ Drehbuchschreiber in Deutschland sollten wirklich ein bisschen besser bezahlt werden.

22.13 Uhr: Die Wanderhure – präsentiert von Gut & Günstig (Edeka). Schön wenn das Preis-Leistungsverhältnis stimmig ist.

22.14 Uhr: Die Wanderhure soll aufgehängt werden. Warum, ist uns entfallen.

22.15 Uhr: Die Wanderhure entwindet sich mit geschickter Diplomatie dem Galgenstrick. Der Rat der Wanderhure: vertraut dem König Sigismund. Vermutlich, weil er so schön ist …

22.25 Uhr: Kampf- und Sex-Nonne Esther Schweins zeigt ihren nackten Rücken.

22.32 Uhr: Triebstau beim Großinquisitor: „Ich will nur sehen, wie zart deine Haut ist.“

22.45 Uhr: Wanderhure und Männe Michel wieder vereint. Er hat dafür seine blutjunge Neu-Geliebte in die Wüste geschickt und sein Gedächtnis hopplahopp wiedererlangt. Dummerweise wurde jetzt plötzlich die Tochter entführt. Aber die Zeit drängt. Gleich kommt die Wanderhuren-Doku. Es entspinnt sich kurz vor Schluss folgender Dialog: „Was hast du vor? – Ich schlag sie tot und dann befreie ich unsere Tochter!“ Genialer Plan.

22.49 Uhr: Erz-Schurke „Heppenheim“ (jaja, wir wissen auch, dass der eigentlich von Hettenstein heißen soll. Klang aber immer nach dem südhessischen Fachwerkstädtchen und Bollywood-Drehort Heppenheim) wurde von den Kampf-Nonnen hinterrücks mit Pfeilen niedergestreckt.

22.50 Uhr: Es wird wirklich knapp mit der Zeit. Ach egal: Schnell noch eine Handvoll Pfeile in den Rücken des Großinquisitors. Kurz kuscheln mit Männe Michel und Tochter. Abspann abgesäbelt und schnell rüber zur Huren-Doku. Familienunterhaltung vom Feinsten.
Hier gibt es "Die Rache der Wanderhure" in voller Länge bei Sat1.de
Aber: Die Wanderhure kehrt zurück – in "Das Vermächtnis der Wanderhure" – demnächst! Kein Witz.

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