Der Gauck-Riss durch die Medien

Publishing Ist der künftige Bundespräsident Joachim Gauck nun ein “Spalter”, wie die taz titelt, oder ein großer Bellheim der Bundespolitik, wie die FAZ meint. Gerade erst gab es große Aufregung rund um Joachim Gauck im Netz, aber auch die Leitmedien des Landes kabbeln sich in der Bewertung des künftigen ersten Mannes im Staat. Dabei lässt sich eine ungefähre Linie ausmachen: konservative, “rechte” Medien sind tendenziell eher Pro-Gauck, “linke” Medien eher Contra-Gauck.

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Als profilierte Gauck-kritische Stimme hat sich die Süddeutsche Zeitung zu Wort gemeldet. Am Samstag schrieb Andreas Zielcke den Leitartikel zu Joachim Gauck. Nach dem obligatorischen Lob für dessen “persönliche und intellektuelle Statur” kam der SZ-Mann schnell zur Sache: Gauck blende mit dem “verführerischen Glanz des Unpolitischen” und kultiviere einen “politisch unreflektierten Freiheitsbegriff”. Das hat gesessen.

Im Web mokierten sich zahlreiche Stimmen, viele davon anonym, über Gaucks abfällige Kommentare zur Occupy-Bewegung, seine angebliche Sympathie für Thilo Sarrazin und kritisierten damit einhergehend seine Haltung zu Integrationsfragen. Die linksliberale taz setzte sich an die Spitze der Gauck-Kritik auf und machte sogar ein Interview mit einer jungen Studentin, die einem Verband türkischstämmiger Jugendlicher vorsteht, mit der Überschrift “Er spaltet und grenzt aus" zum Aufmacher der Website. Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin, der angebliche Erfinder der ersten Gauck-Kandidatur, bezeichnete die taz-Berichterstattung zu Gauck bei “Maybritt Illner” gar als “Schweinejournalismus”.

Trittin hat einen ganz und gar unwahrscheinlichen Verbündeten: Bild-Briefe-Onkel Franz-Josef Wagner ist auch Gauck-Fan. Aber FJW war ja auch Fan von Horst Köhler und Christian Wulff, als der noch nicht Bundespräsident war. Wagner schrieb 2008 lustigerweise über Wulff: “Sie sind ein Mann ohne Gier, Unruhe, Habenwollen. Mit Ihnen zu leben muss schön sein. Sie tragen den Müll nach draußen. Sie grüßen Ihre Nachbarn. Bei näherer Betrachtung Ihrer Person muss ich sagen, dass Sie als nächster Kanzler wählbar sind.” Als Prophet taugt Wagner offenkundig wenig.

Bei dem oben erwähnten SZ-Leitartikel zu Gauck blieb Wagner jetzt “die Spucke weg”, bei den Äußerungen von seinem Lieblings-Hass-Objekt Richard David Precht kam ihm dann sogar “die Galle hoch”. Bestseller-Philosoph Precht erläuterte bei “Anne Will” nämlich, dass seiner Meinung nach Hartz-IV-Empfänger mit Gaucks breit getretenem Freiheitsbegriff nichts anfangen könnten. Für FJW ist so eine Aussage eine “durchtriebene Dreck-Schleuderei”. Und er diagnostiziert: “Sätze werden aus dem Zusammenhang gerissen.” Bemerkenswert, dass sich einer wie Wagner an so was reibt.

Fans hat Gauck auch bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Jasper von Altenbockum geriet im Leitartikel der Samstagsausgabe ins Schwärmen: “Kein Bundespräsident war zu Beginn seiner Amtszeit so wacker-grau wie Joachim Gauck; keinem eilte so der Ruf voraus, ein lebenserfahrener, überparteilicher Kandidat zu sein, sozusagen ein Bundesältestenrat in einer Person. Keiner zeigte den Jungen so wie Gauck, wie alt sie aussehen.” Joachim Gauck als eine Art großer Bellheim der Bundespolitik. Die sehr rechte Wochenzeitung Junge Freiheit schrieb gar in Bild-Manier: “Wir sind Präsident”. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung kramte derweil nochmal die alte Eigenwerbung mit dem Bürger Joachim Gauck hervor, der nach der ersten, verlorenen, Bundespräsidenten Wahl vor dem Schloss Bellevue sitzt und FAZ liest. Willi Winkler fühlt sich in der SZ vom Montag wegen der ganzen Vater-Gefühle, die Gauck bei manchen Medien weckt, stattdessen an “vordemokratische Zeiten” und “Ersatzkaiser Hindenburg” erinnert.

Keine Frage: an Joachim Gauck scheiden sich die Geister. Seit er als nächster Bundespräsident gesetzt ist, werden in den Medien die ganz großen Debatten-Räder gedreht. Aber wenigstens geht es nun nicht länger um Bar-Zahlungen von Urlauben, Bobby-Cars oder Handy-Verträge. Allein dafür muss man Gauck dankbar sein.

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