ZDF.kultur: Der Nischen-Spielplatz

Fernsehen Ungewöhnlich. Die Macher des Digitalsenders ZDF.kultur wollen alles dafür tun, dass sich in den Köpfen der Medienjournalisten und Zuschauer festbeißt, wie unglaublich unkonventionell es auf dem Spartenkanal zur Sache geht. "Einen Jungbrunnen für das ZDF" nennt Senderchef Daniel Fiedler den Kultursender, der auf einen Marktanteil von ca. 0,1 Prozent kommt. Viel Musik und eine neue Talksendung mit Charlotte Roche und Jan Böhmermann sollen den Wert heben.

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Zur Programmvorstellung hatte das ZDF am Mittwoch in eine Berliner Szene-Bar geladen. Das Kater Holzig ist ein Ort, der vom ZDF-Sendezentrum auf dem Mainzer Lerchenberg in etwa so weit entfernt ist wie ein Underground-Rockkonzert vom Musikantenstadl. Über einen verschlammten Parkplatz geht es über einen Hof mit zusammengezimmerten Holzbauten und durch ein Graffiti-Treppenhaus. Im dritten Stock dann ein Restaurant mit Ausblick auf die Spree und einem Ambiente, das man vermutlich mit "von coolen Menschen kuratierter Trödelmarkt mit angeschlossener exzellenter Küche" beschreiben könnte. Wer hier nachts seine Freizeit verbringt, muss allerdings überhaupt erst mal durch die Türkontrolle kommen und über das nötige Kleingeld für das nicht ganz billige Essen verfügen.

Von diesem Holzig-Image wollte ZDF.kultur bei der Programmpräsentation ein wenig profitieren. Fast schien es die Macher zu freuen, dass einige Journalisten nicht auf Anhieb den Weg zur Pressekonferenz gefunden hatten. Was in ist, hat zumindest am Anfang auch immer den Charme des nur einer kleinen Gruppe von Eingeweihten Bekannten. Die Szene-Location und der Sender dürfen beide kein Mainstream sein, wollen aber gleichzeitig nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Der Sender biete den Zuschauern "einen ganz anderen Kulturbegriff", der "spielerischer" daherkomme, mit einem "popkulturellen Blick", sagte Fiedler.

ZDF.kultur hieß vor knapp einem Jahr noch ZDF-Theaterkanal. Seither haben Daniel Fiedler und sein Team das komplette Programm umgeschmissen. Im Vordergrund steht heute Musik, auch wenn der Kanal kein neues Musikfernsehen sein will. Doch es ist so: Wenn MTV und Viva sich nicht längst für einen anderen Weg entschieden hätten, könnte ihr Programm heute so aussehen wie das von ZDF.kultur. Programmchef Fiedler sieht auch andere historische Vorbilder, etwa das ZDF der 80er Jahre. "Eigentlich war das ZDF damals mit Sendungen wie der ‚Hitparade‘ und ‚Disco‘ der Musiksender überhaupt", glaubt er. Vor der Inszenierung einer Sendung wie "Voice of Germany" bei Sat.1 und ProSieben zieht der auch für 3sat zuständige Chefkoordinator den Hut.

Live-Musik ist eine der tragenden Säulen von ZDF.kultur. Junge Sendergesichter wie Jo Schück, Hadnet Tesfai und Rainer Maria Jilg berichten von Festivals auf der ganzen Welt. Ein neues Format ist "London Live" aus dem Koko-Club. Da dürfen Musik-Acts dann auch mal mit den Worten "Ihre Musik ist einfach geile Scheiße" anmoderiert werden. Ein ambitioniertes Format ist "Number One!" mit Markus Kavka, der ab September ausführliche Interviews mit Stars wie U2, Metallica, den Bee Gees und Phil Collins führt. Nicht gerade die musikalische Avantgarde, die Kavka dort Rede und Antwort steht. Aber die alten Helden erzählten halt die besten Geschichten, sagte Kavka, der zu den ehemaligen MTV-Gesichtern unter den ZDF.kultur-Moderatoren zählt.

Für Aufmerksamkeit wird vermutlich die Talksendung "Roche & Böhmermann" sorgen, die erstmals am 4. März um 22 Uhr (und via ZDF-Mediathek im Netz) zu sehen sein wird. Böhmermann, der Gelegenheits-Sidekick von Harald Schmidt in dessen Sat.1-Latenight, trug bei der Programmvorschau als Einziger Krawatte zum grauen Anzug. Gemeinsam mit Co-Moderatorin Charlotte Roche habe er eine Menge alter NDR-Talkshows gesichtet, erzählte Böhmermann. Mit der Erkenntnis: "Die Gäste haben damals viel länger Zeit gehabt, sich zu artikulieren. Da wurde zwar genauso viel Scheiße erzählt wie heute, das war aber schöner verpackt." Bei der Zusammenstellung der Gäste orientiere man sich, so Böhmermann, am ZDF-Talk von Markus Lanz. Ähnlich wie Lanz wolle man Menschen zusammenbringen, bei denen es gar keinen gemeinsamen Nenner gebe. Zum Start unterhalten sich Roche und Böhmermann mit Sido (Rapper), Jorge Gonzales (Model-Coach), Marina Weisband (Piratenpartei), Sven Marquardt (Fotograf) und Britt Hagedorn (Moderatorin).

Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck hatte Ende 2011 in einem Interview gesagt, ARD und ZDF sollten ihre Digitalkanäle einstellen und zu einer "neuen Kultur des Sparens" übergehen. Etwas später wollte Beck seine Äußerung nur als "Denkanstoß" verstanden wissen. Der Etat von ZDF.kultur liegt laut Daniel Fiedler bei 18 Millionen Euro für Programm und Personal. Konkret äußern mag sich Fiedler zu dem unerwarteten Vorschlag des Politikers nicht. Und ein gemeinsamer Jugendkanal mit der ARD, wie ihn SWR-Chef Peter Boudgoust im vergangenen Jahr anregte, sei für das ZDF "kein Thema".

Fiedler will sich aufs Programm konzentrieren, nicht auf Politik. Das Prinzip ist einfach: ZDF.kultur, aber auch die beiden anderen Sender ZDF.neo und ZDF.info, sollen "Innovationsbuden" (Fiedler) für den Hauptsender sein, und ZDF.kultur ist unter ihnen eben der Spielplatz der Popkultur. Entscheidend ist allerdings die Frage, ob der Image- und Zuschauertransfer zwischen den Ablegern und Mutter ZDF funktionieren wird – oder ob die kleinen Sender auf lange Sicht nur Ghettos des guten Geschmacks bleiben.  

Die Moderatoren jedenfalls freuen sich heftig, eine neue Bühne zu haben. "Es gibt nirgendwo einen Sender, der so mutig ist", lobte Moderator Jan Böhmermann ungewohnt unzweideutig. ZDF.kultur schaffe eine Plattform für junge Medienmacher. Dennoch – der Altersdurchschnitt der Zuschauer des Spartensenders liegt bei beachtlichen 51 Jahren. Das ist für eine "Stimme der Jugendkultur" (Eigenbeschreibung) zumindest – ungewöhnlich.

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