‚Groupon-Gomorrha‘: blanke Panik in Berlin?

Publishing Nach internen E-Mails, die Gruenderszene.de zugespielt wurden, bewegt sich die Arbeitsatmosphäre beim börsennotierten Startup Groupon zwischen "massivem Druck" sowie "Angst und Frustration". In einer der Messages heißt es: "In Berlin herrscht die blanke Panik." Am deutschen Standort in der Hauptstadt wird die Expansion offenbar gnadenlos vorangetrieben. Gründerszene-Chefredakteur und Startup-Experte Joel Kaczmarek spricht bei der von den Samwers geprägten Firmenkultur sogar von "Groupon-Gomorrha".

Werbeanzeige

Nach internen E-Mails, die Gruenderszene.de zugespielt wurden, bewegt sich die Arbeitsatmosphäre beim börsennotierten Startup Groupon zwischen "massivem Druck" sowie "Angst und Frustration". In einer der Messages heißt es: "In Berlin herrscht die blanke Panik." Am deutschen Standort in der Hauptstadt wird die Expansion offenbar gnadenlos vorangetrieben. Gründerszene-Chefredakteur und Startup-Experte Joel Kaczmarek spricht bei der von den Samwers geprägten Firmenkultur sogar von "Groupon-Gomorrha".

Wie ist die Stimmung bei Groupon?
Da ich selbst nicht bei Groupon arbeite, möchte ich mir nicht anmaßen, dies in letzter Instanz zu beurteilen. Bisher habe ich jedoch den Eindruck gewonnen, dass der saleslastige Unternehmensaufbau dazu führt, dass ein großer Druck auf dem Team liegt, was sich in Form der von uns veröffentlichten Mails und vieler Kommentare unter dem entsprechenden Artikel manifestiert hat. Auf uns wirkte die Stimmung in Gesprächen mit ehemaligen und aktuellen Mitarbeitern als angespannt, manche Mitarbeiter machten geradezu den Eindruck, als wären sie einer Gehirnwäsche unterzogen worden:Anonym wurden zahlreiche Horror-Szenarios beschrieben, welche die Mitarbeiter unter Druck setzen, aktuelle Mitarbeiter wollten davon teilweise nie etwas bemerkt haben. Die Kommentarlage lässt uns vermuten, dass an diesen Szenarios durchaus etwas dran ist, viele könnten schlichtweg um ihren Job fürchten.
Ihnen sind interne Mails zugespielt worden, welche Informationen über
das Innenleben der Company erlauben sie?

Nicht umsonst haben wir den Titel "Groupon-Gomorrha" gewählt. Es zeichnete sich für uns ein Bild massiven Drucks, das häufig von Angst und Frustration bei den Betroffenen zeugte. "Es regiert die nackte Angst", "teure Einpeitscher" oder "In Berlin herrscht die blanke Panik" waren Aussagen, die an uns herangetragen wurden. Groupon scheint daher auch einen intensiven Verschleiß aufzuweisen. Wer nicht performt, habe mit Konsequenzen zu rechnen, die von Aberkennung des Job-Titels bis hin zur Kündigung reichen würden – so zumindest schilderten es uns unsere Quellen. Wir konfrontierten Groupon mit diesen Aussagen, welches dies alles bestritt.

Das meiste dessen bewegt sich sicherlich im Rahmen des Legalen, dennoch ist es eine Praxis, die ein schlechtes Bild auf die Unternehmenskultur wirft. In den Reaktionen auf unseren Artikel wurde uns auch kolportiert, dass es keinen Betriebsrat gäbe – bei Groupons Größe eine wirkliche Überraschung. Letztlich erklären sich viele dieser kolportierten Praktiken sicherlich aus Groupons sehr saleslastigem Geschäftsmodell, was Diskussionen um dessen Nachhaltigkeit eine Berechtigung gibt.
Wie viel Einfluss haben die Samwers und ihr Business-Stil überhaupt
noch bei Groupon?

Meinen Quellen zufolge einen sehr großen. Mir wurde immer wieder zugetragen, dass Andrew Mason mehr so etwas wie ein PR-CEO ist und dass neben den Samwers eigentlich Brad Keywell und Eric Lefkowsky die Fäden ziehen würden. Ich glaube TechCrunch war es, das einen Insider zitierte, laut dem die Samwers Mason "wie eine Violine spielen" würden. Aber das ist alles Hörensagen, wie es sich wirklich verhält, wissen wohl nur die Beteiligten. Was sich aber festhalten lässt, ist der Umstand, dass die nun beschriebenen Praktiken sehr dem ähneln, was die Samwers laut vielen Quellen an Business-Attitüde mitbringen.

Sind die Arbeitsbedingen bei der Groupon-Mutter in den USA genauso?
Dazu liegen mir keine Informationen vor. Wenn ich den Berichten der Presse Glauben schenken darf, werden die USA als einziges nicht durch die Samwers direkt geführt. Bei meiner Recherche sind mir aber auch Artikel untergekommen, die von Klagen unzufriedener US-Mitarbeiter erzählten. Doch bei einer Unternehmensgröße wie der von Groupon ist dies womöglich auch keine Besonderheit.
Lassen Ihre Informationen auch Rückschlüsse auf die Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells von Groupon zu?
Die Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells hängt zu großen Teilen mit der Partnerseite zusammen. Der Umgang mit den eigenen Mitarbeitern ist das Eine, der mit den Händlern das Andere. In den Reaktionen auf unseren Artikel wurde deutlich, dass die skizzierten Druckszenarios dazu führen, dass im Umgang mit Händlern entsprechend weniger Sorgfalt an den Tag gelegt wird. Ein anonymer Tippgeber ließ uns wissen, dass alles erlaubt sei, um einen Deal zu bekommen und dass gerne auch die Möglichkeit zu einer Deckelung verschwiegen würde. Kleine Anbieter werden so häufig von Schnäppchenjägern überschwemmt, während Groupon mehr Gutscheine verkauft.
Wir haben diese Aussagen auch direkt zitiert und sollten sie wahr sein, spricht dies sicherlich gegen eine Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells – zumindest in dieser Umsetzungsform. Mir wurde mehrfach zugetragen, dass gerade kleinere Städte im Sales-Sinne inzwischen einer atomaren Brachlandschaft gleichen würden, weil die zahlreichen Anbieter alle potenziellen Händler gleich merhrfach abgefischt haben. Groupon bestreitet unnachhaltige Praktiken und weist darauf hin, dass die Händler einer der wichtigsten Bestandteile ihres Geschäftsmodells sind, doch die Intensität der Reaktionen lässt Zweifel daran zu.
Wie reagiert das Managment auf die Vorwürfe?
Uns wurde gesagt, dass alle erhobenen Vorwürfe unzutreffend und das Ergebnis unzufriedener Ex-Mitarbeiter seien. Groupon lege größten Wert auf das Wohl der eigenen Mitarbeiter und auf die Zufriedenheit der Partner – ich habe dies auch ziemlich direkt in unserem Artikel zitiert.
Wie stellt sich für Sie die Situation bei Groupon da?
Von dem was mir zugetragen wird: Druck und Abschlüsse um jeden Preis. Reichweite und Wachstum scheinen die einzigen Kennzahlen zu sein, die die Entwicklung treiben. Doch dies basiert wie gesagt größtenteils auf nicht-offiziellen Quellen.
Hat das Unternehmen ein ernsthaftes Problem oder durchleidet die Firmagerade typische Wachstumsschmerzen?
Schwer zu sagen. Sicherlich handelt es sich bei den beschriebenen Praktiken um die Symptome intensiven Wachstums. Doch wie dieses Thema angegangen wird, scheint mir sehr stark eine Philosophie-Frage zu sein, weniger ein marktinduziertes Problem. Sicher, Konkurrenten wie LivingSocial oder DailyDeal jagen Groupon und das eigene Geschäftsmodell bietet keine hohen Eintrittsbarrieren, doch gerade im Operationsbereich findet sich hier die Samwer’sche Handschrift wieder, deren Nachhaltigkeit in der Szene ja bereits mehrfach in Frage gestellt wurde – man denke etwa an die Jamba-Sparabos. Von Jambas Geschäftsmodell ist übrigens fast nichts mehr übrig geblieben. Wenn die angeblichen Verhältnisse stimmen, wäre es wohl denkbar, Groupon nachhaltiger zu führen, einen Druck des Marktes möchte ich dennoch nicht absprechen.

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige