Faces: die gesichtslose Hipster-Illustrierte

Publishing Dieses Heft scheint sich nicht entscheiden zu wollen oder gar zu können: Ist Faces nun eine Illustrierte für Berliner Hipster oder andere stylische Boys oder will die Schweizer-Chefredaktion lieber ein Fashion- und Lifestyle-Magazin machen, dass von Frauen gekauft und gelesen wird, Männern beim blättern aber auch nicht peinlich sein muss? Am Montag ist die erste Ausgabe in Deutschland erschienen und leidet unter dieser Zerrissenheit. Dabei will das Heft doch nur so etwas wie eine eidgenössisches Tempo sein.

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Zumindest in personeller Hinsicht ist die Vorbildfunktion des legendären Hamburger Lifestyle-Heftes offensichtlich. So hat der ehemalige Tempo-Textchef Uwe Kopf eine Sprachkolumne und Art Director Florian Ribisch kümmert sich jetzt um die Layouts bei Faces. Überhaupt wirkt das Heft – vor allem im hinteren Teil – erstaunlich gestrig. Es gibt seitenweise Looks, Taschen und Schuhe. Diese Form von kuratierten Katalog-Produkten gab es in den 90er-Jahren schon einmal in vielen Lifestyle-Heften. Mittlerweile haben diese Fashion-Bits-and-Pieces längst ihren festen Platz in den Mode-Magazinen gefunden.

"Faces unter­scheidet sich in Form und Inhalt von anderen Magazinen. Es verzichtet auf das Offensichtliche, kultiviert seine eigene Sicht der Dinge und spricht die Sprache seiner Leser: direkt, charmant und witzig – für Frauen und Männer", erklärt Faces-Chefredakteur Patrick Pierazzoli, und weiter: "Faces steht für Charakter, für Persönlichkeit, für Haltung und Meinung."

Tatsächlich wird das Magazin von Mode-, Design- und People-Themen dominiert, zwischen denen auf einmal in der Heftmitte ein Magazin-Teil eingebettet ist, der tatsächlich interessantes zu bieten hat. So gibt es ein tolles Interview mit dem Regie-Genie Francis Ford Coppola und das schöne Stück "United Horrors of Benetton" über den Niedergang des italienischen Modelabels. Bereits in der Vorab-Pressemitteilung kündigten die Blattmacher an, ein besonderes Augenmerk auf  Reportagen, Interviews und Porträts zu legen. Sie sollen "Gesprächsstoff liefern". Das gelingt nur bedingt. Sie sind zwar der Höhepunkt von Faces, aber für einen besonderen Widererkennungswert reichen sie in Klasse und Masse nicht aus.
Dabei spielt der Name doch wohl auch genau auf den besonderen individuellen Wiederkennungswert eines jedes Gesichtes an. Genauso wie auf den Umstand, dass es in dem Heft nur so von Menschen wimmelt. Leider sind die meisten von ihnen nur Models und mit dem Charme einer Kleiderstange ausgestattet. Nur die wenigsten Personen im Faces sind auch authentisch. Einen ungeschminkten Blick gibt es erst recht nur an den wenigsten Stellen.  

Dieser Themen-Mix scheint in der Schweiz zu funktionieren. In Zürich, Bern, Genf und & Co. liegt Faces schon seit 2001 an den Kiosken und erreicht rund 60.000 Leser pro Ausgabe.  In Deutschland ist diese Zielgruppe weit größer. Allerdings scheiterte bereits ein Versuch, die Hipster-Illustrierte auch hierzulande auf den Markt zubringen. Nach zwei Ausgaben wurde das Experiment Faces 2009 in Deutschland wieder beendet.

Jetzt folgt also der Neustart. Wenn allerdings auch die nächsten Ausgaben so wenig fokussiert daherkommen wie das Premierenheft, müssen die Faces-Macher der Wahrheit möglicherweise ins Gesicht sehen und feststellen, dass es schwer wird, in Deutschland eine verkaufte Auflage "im mittleren fünfstelligen Bereich" zu schaffen.

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