dpa: Wulff-EV versickerte im Nachrichtenfluss

Publishing Welche Affäre und welcher Medienbericht nun Christian Wulff zu Fall gebracht hat, wird sich möglicherweise nie mehr konkret klären lassen. Doch noch am Mittwoch hatte der Anwalt von David Groenewold in Köln eine Einstweilige Verfügung gegen die Bild und ihre Berichterstattung zum Sylt-Aufenthalt des Film-Finanziers erwirkt. Eine Information, die heute der Focus verbreitet, die der dpa allerdings schon seit Mitte der Woche vorlag. Sie war laut Agentur "im Nachrichtenfluss stecken geblieben".

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Welchen Einfluss ein früheres Bekanntwerden der EV auf die Affäre Wulff/Groenewold gehabt hätte, lässt sich am Tag des Rücktritts des Bundespräsidenten nur noch spekulieren. Trotzdem ärgert sich der Anwalt des Film-Finanziers, Christian-Oliver Moser, gehörig, dass gerade diese Information nicht publik wurde. "Es erstaunt mich schon sehr, dass in der Vergangenheit meine Äußerungen in der Causa Wulff/Groenewold von dpa immer schnell verbreitet wurden. Als es allerdings einmal um eine Meldung mit entlastendem Inhalt ging, wurde sie bis heute unterschlagen", kommentiert der Jurist gegenüber MEEDIA.
Am Mittwoch hatte Moser beim Landgericht Köln eine EV erwirkt, die der Bild acht Aussagen aus dem Artikel "Vertuschungs-Verdacht: Wer zahlte Wulffs Sylt-Urlaub" untersagt. Die strittigen Passagen beschäftigten sich weitestgehend mit dem Vorwurf, dass Groenewold im Zusammenhang mit einem Wochenend-Trip Wulffs auf die Nordsee-Insel die Akten des Hotels habe "säubern" wollen. Der Streitwert liegt bei 80.000 Euro und der Bild würde ein Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro drohen, wenn sie der Einstweiligen Verfügung zuwider handelten.
Gegenüber MEEDIA wollte sich Springer nicht zu dem "laufenden juristischen Verfahren" äußern. Bei der Bild dürfte man jedoch erst einmal sowieso zufrieden sein, für welch ein großes mediales Interesse und Aufsehen der Artikel vom 8. Februar gesorgt hatte. Nach der Veröffentlichung des Stücks gerieten sowohl Wulff wie auch Groenewold erheblich stärker unter Druck.
Umso wichtiger wäre es wohl für die Verteidigungslinie gewesen, wenn die breite Öffentlichkeit früher von der Einstweiligen Verfügung gegen den Bild-Artikel erfahren hätte. Dass dies nicht geschah, dafür sieht der Groenewold-Anwalt das Verschulden bei der dpa. Denn er hatte die Agentur zuvor über den Richterbeschluss informiert.
Eine Aussage, der bei der Deutschen Nachrichten Agentur auch niemand widerspricht. "Wir hatten die Informationen. Aufgrund unseres Grundsatzes, immer auch die Gegenseite zu hören, haben wir dann erst bei Axel Springer angefragt und nicht sofort Antwort erhalten", erklärt der Agentur-Sprecher Christian Röwekamp gegenüber MEEDIA.
Der Grund, warum die dpa nicht beim zuständigen Landgericht Köln nachgefragt hat, bleibt im dunken. Warum die Geschichte dann nicht erschien erklären die Berliner so: "Später ist die Meldung dann tatsächlich leider in unserem Nachrichtenfluss stecken geblieben." Und darüber hinaus sei klar: "Selbstverständlich werden bei dpa keine Nachrichten unterschlagen."
Im Fall Wulff taugt dies nur noch als Fußnote – der Präsident ist ja bereits zurückgetreten.

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