Houston-Tod: Social Media-Trauerreflex

Publishing Die amerikanische Soulsängerin Whitney Houston ist tot – und die Anteilnahme im Web riesengroß. Wer am Sonntag in seine Timeline blickte, wurde mit Nachrufen auf 140 Zeichen, Videos und geflutet. Wie schon bei den Todesfällen von Michael Jackson, Amy Winehouse und Steve Jobs bewegte der frühe Tod einer Ikone der Popkultur das Web. Allerdings wirft der Schwarm der reflexartigen Anteilname auch die Frage auf: Wäre stille Trauer nicht manchmal angemessener als unisono klingende RIP-Tweets?

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Die traurige Nachricht lief Samstagnacht um kurz nach vier Uhr deutscher Zeit über die Agenturen: Whitney Houston, Popidol der 80er und 90er und gefallene Ikone der Nullerjahre, verstarb mit nur 48 Jahren – und das am Vorabend der Grammys, bei denen ihr Stern einst hell erstrahlte.
   
Die Social Media-Welt reagierte sofort und verbreitete die erschütternde Kunde. Tatsächlich sogar 27 Minuten vor den klassischen Medien: Um 16.30 Uhr Westküstenzeit teilte der Twitterer Big Chorizo (@chilemasgrande) seinen ganzen 14 Followern mit:  "Meine Quellen berichten, Whitney Houston wurde tot im Hotelzimmer im Beverly Hills Hotel gefunden. Noch nicht in den News!" 

Todesnachricht: Twitter schlägt traditionelle Medien – erneut

Praktisch zeitgleich berichtete eine andere Nutzerin, die Twitterin Aja Dior M. (@ajadiornavy) von Houstons Todesfall – und zwar mit dem authentischen Hintergrund, dass ihre Tante Tiffany, die als Hairstylistin für Houston arbeite, die R&B-Sängerin in der Badewanne gefunden habe.
Wie schon bei der Ermordung von Osama Bin Laden oder der Notwasserung auf dem Hudson River verbreitete sich die News also über den 140 Zeichen-Dienst am schnellsten. In der AP tauchte die Meldung tatsächlich erst um 16:57 Westküstenzeit auf – 27 Minuten später.

61.227 Houston-Tweets pro Minute

Was danach folgte, hat in den sozialen Medien beim Ableben eines Prominenten bereits Tradition: Die News verbreitete sich wie ein Schwarm – und mit ihr die obligatorischen Beileidsbekundungen. "R.I.P. Whitney Houston" wurde zum "Trending Topic", zum meist diskutierten Thema des vergangenen Tages.   
2,5 Millionen Mal wurde die die Todesnachricht von Whitney Houston in der ersten Stunde getwittert – in der Spitze waren 61.227 Tweets pro Minute oder in der ersten Stunde mehr als 1000 Tweets pro Sekunde. Das Echtzeitweb hat wieder einmal funktioniert.
Trauerreflex der "Generation Always on"

Doch nicht jeder Nutzer ist mit dem Social Media-Overkill einverstanden.  Reflexartig verwandelten sich Twitter, Facebook & Co zum Trauermedium: Die Pop-Prominenz reagierte mit Kondolenz-Tweets (Mariah Carey, Rihanna, Katy Perry, Justin Bieber, Christina Aguilera), während sich die Timelines  mit "We will always love you, Whitney"-Posts und YouTube-Clips der größten Hits der Soul-Diva füllte.
"Sagt mir bitte jemand Bescheid, wenn sich der Whitney Houston-Hype gelegt hat", postete eine Facebook-Nutzerin genervt. Während ein Twitterer kritisch anmerkte: "Völlig betroffen trauert ihr fremden Leuten nach, die ihr nie gekannt habt. Besucht eure Oma und bringt ihr Kuchen mit". 

Keine Frage: Twitter und Facebook haben die Welt ein Stück transparenter gemacht. Gleichzeitig haben die Social Media-Kanäle Millionen von Nutzern eine Bühne verliehen, mit der sie vielleicht manchmal nur bedingt umgehen können. Der öffentliche Trauerreflex, so echt oder gelernt, ist auch ein Zeitgeist-Phänomen der Generation Always on. Zu schweigen und innezuhalten passt schließlich nicht auf 140 Zeichen.

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