Dislike: die maue Facebook-Doku der ARD

Fernsehen Das Erste strahlt heute die Doku “Facebook - Das Milliardengeschäft Freundschaft” aus. Der Film von Svea Eckert und Anika Giese will das Geschäft hinter dem Freundesnetzwerk aufdecken. Für die Autorinnen war nach kurzer Zeit klar: "Wir stellen uns Facebook als Venusfliegenfalle vor." Doch die Falle will nicht zuschnappen. In Zusammenarbeit mit der BBC enstand ein unergiebiges Interview mit Gründer Mark Zuckerberg. Herausgekommen ist ein Film, der bekannte Klischees befördert anstatt sie zu hinterfragen.

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Was macht eigentlich ein Unternehmen, das kurz vor dem offiziellen Börsenstart mit 100 Milliarden Dolllar bewertet wird und im vergangenen Jahr vier Milliarden Dollar Umsatz machte? Wie verdient Facebook sein Geld? Und passiert das auf Kosten seiner rund 800 Millionen User weltweit? Diesen Fragen sind die Svea Eckert und Anika Giese nachgegangen.

Dabei ist der ARD scheinbar ein kleiner Scoop geglückt: ein Interview mit Gründer Mark Zuckerberg. “Uns ist es nur gelungen, weil wir Kontakt zu dem BBC-Autor und Reporter Charles Miller hatten, der schon ganz lange im Silicon Valley recherchiert”, gesteht Eckert ein. “Er hatte auch Kontakt zu Sheryl Sandberg, der rechten Hand von Mark Zuckerberg und war selbst an einem Interview vor dem Börsengang interessiert. Wir haben dann gemeinsam Fragen entwickelt und so hat Zuckerberg auch für die ARD ein Interview gegeben.”

Um den Zuschauer zu verdeutlichen, dass Facebook unter dem Vorwand von Nähe Profit mit den Daten der User macht, hat die ARD sogar einen Titelsong produzieren lassen: “I like”, so der wenig einfallsreiche Titel. “Wir hoffen einfach, dass die Zuschauer fühlen können, was Facebook ist”, so Eckert.

Wenn eine rauchige Frauenstimme dann aber gleich zu Beginn trällert “Tell me more than I should know” ahnt man, welche Richtung die ARD mit "Milliardengeschäft Freundschaft" einschlägt. Zu eindimensional wird die Geschichte von der breiten Masse, die unbedarft das Social Network mit Daten füttert, und den warnenden Experten auf der Gegenseite erzählt. Doch Datenschutz ist längst nicht mehr nur Expertensache. Unter “normalen” Usern macht sich schon lange Protest breit. Längst haben sich auch abseits der Netzwelt Lager gebildet, die sich als extrem kritsch oder als überzeugte "Post-Privacy-Spackos" outen. Diesem Trend räumen die Autorinnen in der 45-Dokumentation keinerlei Raum ein.

Dennoch finden Eckert und Giese mit dem schleswig-holsteinischen Datenschutzbeauftragen Thilo Weichert einen dankbaren Facebook-Gegner, der erwartbar die teils laschen Datenschutzrichtlinien anprangert. In der jüngsten Vergangenheit kritisierte er Facebooks Geschäftsgebahren unter Missachtung europäischer Rechtssprechung aufs Schärftste. In der Dokumentation wiederholt er diese Forderung noch einmal.

Bei all der erwartbaren Kritik thematisiert die Prime-Time-Dokuvermeintliche Sicherheitslücken bei Facebook, hat aber selbst mit erzählerischen Schwachstellen zu kämpfen. Da wird unter anderem erklärt, dass Freunde einen User auf Bildern markieren können. Was als angebliche Sicherheitslücke vom Erzähler aufgegriffen wird, ist ein Feature, das sich auf Userseite sowohl überwachen als auch problemlos löschen lässt. Davon ist in der Dokumentation allerdings nicht die Rede. Dass User letzlich Bilder von Dritten hochladen können, ist kein technisches Problem seitens Facebook, sondern vielmehr ein Mangel an Respekt vor der Privatsphären von Freunden. Denn Bilder lassen sich freilich nicht nur bei Facebook hochladen.

Dieses offenkundige Unwissen mag unter anderem an den Autorinnen liegen, die offenbar erst im Zuge der Dreharbeiten richtig warm mit dem Sujet wurden. So legten sie unter anderem eine Fanpage für Ihre Doku an. “Uns hat sehr überrascht, was wir alles als Seitenbetreiber erfahren haben. Wer eine Fanpage betreibt, erhält ziemlich detaillierte Statistiken über die Fans”, erklärt Eckert auf DasErste.de. Facebook internes Statistiktool Insights liefert Daten aus, darunter das Alter, Geschlecht, ungefährer Wohnort nach Großstädten und die Muttersprache. Allerdings ist das weder ein Novum, noch ein Pfund, mit dem sich wuchern lässt, da die Daten nicht personenbezogen ausgeliefert werden, sondern lediglich in der Gesamtansicht.

Das exklusive Interview mit Zuckerberg ist schlussendlich eine Aneinanderreihung von Allgemeinplätzen, die der Firmengründer quer durch den Film einstreut. So erfährt der Zuschauer vom Facebook-Gründer nicht mehr, als er nicht auch schon aus vorangegangenen Medienberichten wusste: dass Facebook erfolgreich ist. Dass man alles für das Wohlergehen der User tue. Dass man Teil einer globalen Bewegung sei. Kritische Nachfragen: Fehlanzeige. 

Dafür wird immer wieder das Klischee vom unmündigen Facebook-User erzählt. Mal mit einem jungen Mädchen, die als Dauernutzerin eingeführt wird. Mal mit deren Mutter, die nicht weiß, was ihre Tochter da eigentlich treibt. Damit bleibt “Facebook – Milliardengeschäft Freundschaft” eine Film für all jene, die Facebook schon immer kritisch gegenüber standen. Neue Sichtweise und Erkenntnisse dürfte man nach den 45 Minuten nicht bekommen.

Die ARD strahlt "Facebook – Milliardengeschäft Freundschaft" um 22.45 Uhr aus.

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