„Gottschalk Live“ – der große Irrtum

Fernsehen Darf man jetzt schon, nach nur drei Wochen, ein endgültiges Urteil über "Gottschalk Live" fällen. Ja! Denn aus dieser Sendung mit diesem Moderator an diesem Sendeplatz wird nichts werden. „Gottschalk Live“ ist ein großer Irrtum aller Beteiligten: der ARD, der Produktionsfirma Grundy Light Entertainment und vor allem Thomas Gottschalks. Das Herumdoktern am Format wird nichts bringen. Es bleibt nur die Frage, wie lange Gottschalk und die ARD das Trauerspiel noch ertragen.

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Jetzt führt man bei „Gottschalk Live“ eine Kino-Kolumne mit Oliver Kalkofe ein. Der TV-Parodist redete in der Sendung vom vergangenen Donnerstag erst einmal lang und breit über den neuen Film von Martin Scorsese, „Hugo Cabret“, einer der Oscar-Favoriten. Laut Kalkofe eine Mischung aus „Fabelhafte Welt der Amélie“ und „Oliver Twist“. Eines der Probleme von Gottschalk ist, dass er nicht kapiert, dass so etwas um diese Uhrzeit auf diesem Programm kein Schwein interessiert.

Dabei geben die Einschaltquoten deutliche Hinweise. Die Sendung mit Kalkofe und Model Eva Padberg, die Werbung für ihre neue Castingshow machte, lockte am Donnerstag noch insgesamt 930.000 Zuschauer vors TV-Gerät. Marktanteil: 3,4 Prozent. Keine andere ARD-Sendung zwischen 12.15 Uhr und 23.20 Uhr hatte so wenige Zuschauer. Das Publikum stimmt mit den Füßen ab: Wenn „Gottschalk Live“ läuft, rennt jeder, der noch gut zu Fuß ist, aus dem Wohnzimmer. In einem seiner vielen vollmundigen Interviews vor dem Start der Show sagte Gottschalk der Bild am Sonntag: „Mein berufliches Schicksal liegt in der Hand der Zuschauer und da ist es gut aufgehoben.“ Ein Satz, der ihn bald einholen dürfte.

Aber vergessen wir für einen Moment die Quoten und befassen uns inhaltlich mit der Sendung. Leider fällt die Bilanz nach drei Wochen da noch ernüchternder aus. Von Montag bis Donnerstag zerstört Gottschalk um 19.20 Uhr sein Image als großer Entertainer mit dem Presslufthammer. Er verwechselt Namen von Gästen („Annette Engelke“), bringt Daten durcheinander („Schuh des Manitu“ von 1982), tritt ohne es zu merken in Fettnäpfe (Helge Schneider wurde von ihm als „Schauspieler und Comedian“ bezeichnet), versemmelt selbst das PR-Interview mit den Kinderdarstellern des Films „Fünf Freunde“, verlegt seine Karteikarten und verpasst regelmäßig den Einsatz der Werbe- und Wetterblöcke („Oh wir haben noch sieben Sekunden, da hättest du ja noch zu Ende erzählen können.“)

Nach dem zweifelhaften Genuss einer Folge „Gottschalk Live“ bleibt nur eines im Gedächtnis: ein endlos salbadernder Gottschalk, der mit den Armen rudert. Die Gespräche: oberflächlich, die Witze: abgeschmackt und unlustig. Bisheriger humoristischer Tiefpunkt war seine Foto-Witzelei zu einer geplanten Lothar-Matthäus-Dokusoap. Während solcher Momente muss Gottschalk sogar froh sein, dass er kein Studiopublikum hat. Lachen würde da niemand.

Aber Gottschalk präsentiert sich nicht nur fahrig, unkonzentriert und erschreckend unlustig, sondern auch ungebildet. Er faselt daher, dass Tiefdruckgebiete immer weibliche Namen haben, was seit 1998 nicht mehr gilt. In seiner jüngsten Sendung schien er sogar stolz darauf zu sein, dass er noch nie von dem in der Tat weltberühmten deutschen Maler Gerhard Richter gehört hat. Und dann macht er anhand eines Richter-Bildes mit bunten Linien aus der FAZ einen dürren Witz über Buntstifte und ein Lineal. Das hat in etwa das Niveau, wie wenn einer in einem Sterne-Restaurant die Bemerkung fallen lässt, das Essen sei „übersichtlich angeordnet“. Sein Publikum hält er offenbar auch für ein bisschen unterbelichtet und lässt von einem Redakteur lang und breit erklären, was denn diese „Berlinale“ ist, über die jetzt so viel in der Zeitung steht. Gottschalk: „Viele unserer Zuschauer wissen das nicht.“

Ach, man weiß ja gar nicht, wo man anfangen soll mit dem Meckern, denn an dieser Sendung stimmt so rein gar nichts. Das Format passt nicht zu Gottschalk, die Redaktion wirkt wie eine Mischung aus verunsicherten jungen Menschen, die Angst um ihren neuen Job haben. Es gibt zu viele Gäste, die Themen sind zu seicht, zu belanglos, zu uninteressant, die Einbindung des Internets geschieht halbherzig und lustlos. Es wird hektisch probiert, eingeführt und wieder abgeschafft. Zu Beginn der Sendung wurden tägliche Einblendungen eines Eisbär-Babies angekündigt. Die wurden dann gestrichen. Jetzt zeigt man ein vermeintlich lustiges „Foto des Tages“. Gottschalk versucht, Politiker zu parodieren und man merkt, dass die Liste mit Dingen, die er nicht kann, noch länger zu werden droht.

Promi-Gäste werden im Dutzend billiger atemlos durchgeschleust und der Hausherr kapiert offenbar nicht, dass es darauf gar nicht ankommt. Interessanterweise war es ausgerechnet Comedy-Knalltüte Atze Schröder, der Gottschalk einen Fingerzeig gab, wie „Gottschalk Live“ sein könnte, sein sollte. Atze Schröder brachte in weiser Voraussicht selbst ein Thema mit, hatte die aktuelle Bunte dabei und redete locker über die junge Freundin von Fritz Wepper und dieses ganze „junges Mädel, alter Knacker“-Ding. Das hatte was, das hätte ein Thema werden können. Aber Gottschalk zuckte gleich zurück. Er kennt ja den Fritz, wie er überhaupt jeden zu kennen scheint, und will dem wahrscheinlich nicht zu sehr auf die Füße treten. Und der Zeitplan, gleich kommt ja noch die Katherine Heigl und die Werbung, Wetter müssen wir auch noch machen. Also wurde Atze Schröder abgewürgt und Pizza holen geschickt. Es ist so traurig.

Man könnte noch tausend Dinge schreiben, analysieren und kritisieren. Über Gottschalks 80er-Jahre-Tick, über die Gästeauswahl, über seine offensichtliche Beratungsresistenz, sein schreckliches Ich-Ich-Ich usw. Aber das bringt ja alles nichts. Zu Eva Padberg sagte Gottschalk bezogen auf Casting-Shows: „Für die einen ist das Unterhaltung – da gehört es dazu, dass man sich beömmelt, wenn da einer etwas versucht, was er nachweislich nicht kann…?“ Man hatte den Eindruck, dass er da über sich und seine Show redet. Nur dass sich bei „Gottschalk Live“ keiner beömmelt.

Thomas Gottschalk sollte eigentlich froh sein, dass nur so wenige bei seiner fast täglichen Selbst-Demontage zusehen. Man traut ja seinen Augen kaum. Ist das wirklich dieser große TV-Entertainer, der da die halbe Stunde vor der "Tagesschau" vor sich hin dilettiert? Gottschalk hat mit „Gottschalk Live“ hoch gepokert und viel riskiert. Und er hat in atemberaubender Geschwindigkeit alles verloren.

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