Stern-Investigative starten Insider-Blog

Publishing Transparente Spürnasen: Beim Stern ist das nur noch scheinbar ein Widerspruch. Denn die Recherche-Experten der Investigativ-Unit öffnen sich dem Web mit einer eigenen Web-Präsenz inklusive Blog, Archiv und einem "toten Briefkasten", über den User anonym Hinweise geben können. „Mit unserer Web-Offensive wollen wir Informanten mehr Vertrauen und Transparenz zu unserer Arbeit an die Hand geben und auch den Lesern mehr Einblicke in unsere Arbeit geben“, sagt Oliver Schröm, Chef der Recherche-Einheit.

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So viel Transparenz gab es hierzulande im noch jungen Feld redaktionsinterner Investigativ-Gruppen noch nie. Schröm sieht in dieser ungewohnten Offenheit keine Gefahr für seine Mitarbeiter, sondern vor allem große Chancen. „Der Briefkasten ist anonym: Zum einen sage ich immer zu meinen Informanten: Öffentlichkeit schützt. Und zum anderem bin ich davon überzeugt, dass es unserer eigenen Glaubwürdigkeit und Reputation nur gut tun kann, wenn wir uns als gesamte Mannschaft und jedes Teammitglied auch noch einzeln vorstellen.“ Die Logik dahinter ist einfach: Potenzielle Gesprächspartner können so bequem im Vorfeld via Google mit wenigen Klicks rausfinden,  wem sie ihre Informationen zuspielen.

Die neue Seite Stern.de/investigativ

Das an die neue Seite angeschlossene Archiv mit den besten Geschichten des Recherche-Teams soll die Whistleblower von der Leistungsfähigkeit der Unit überzeugen. Denn das Archiv ist zum einen ein interessanter Infopool, aber gleichzeitig auch ein beeindruckendes Showcase des siebenköpfigen Teams.

Innerhalb der riesigen Stern-Redaktion sieht Schröm, der zudem Vorsitzender des Netzwerk-Recherche ist, seine Mannschaft sowohl als Dienstleister der Heft-Kollegen, die sie mit ihrem Know-How unterstützt, aber auch als eigene Reporter-Gruppe, die selbstständig Geschichten finden, recherchieren und aufschreiben soll. „Zu unseren bekanntesten Jobs in jüngerer Zeit zählen sicherlich die Fußball-Wettskandale, die wir aufgedeckt haben oder das Interview mit Heinrich Kieber.“ Der Liechtensteiner war derjenige, der dem Staat die berüchtigte Steuersünder-CD verkauft hatte.

Der Erfolg der Stern-Spezialeinheit ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie die Hamburger ihr neues Blog nutzen wollen. „Dort könnten wir dann die Weiterentwicklungen zu Geschichten aufdecken und natürlich auch einmal erzählen, dass das Interview mit Heinrich Kieber dafür sorgte, dass diese Stern-Ausgabe "Deckname David" in Liechtenstein und der Schweiz Ruck zuck ausverkauft war“, sagt die Web-Recherche-Expertin Nina Plonka. Die Geschichte ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich investigative Storys auch finanziell lohnen können. „Wie hoch der Anteil solcher Geschichten am wirtschaftlichen Ergebnis des Magazins ist, kann ich nicht abschätzen“, sagt Schröm. „Investigative Recherche ist wie jede aufwändige journalistische Arbeit für das Image der Marke unverzichtbar. Mit Geschichten, wie etwa über den gekauften Ex-St.Pauli-Spieler René Schnitzler, wurde der Stern zigfach in den Nachrichten zitiert“.

Tatsächlich laufen die Titel mit aufwendigen Recherche-Stücken am Kiosk nur durchschnittlich. Richtig Auflage machten die Hamburger in den vergangenen Jahren fast schon traditionell mit Gesundheits- und Diät-Themen.  

Grundsätzlich hält der 47-Jährige den Aufbau von speziellen Investigativ-Mannschaften, wie sie auch die WAZ oder die Süddeutsche Zeitung haben, für richtig und wichtig: „Die Qualität investigativer Recherche allgemein hat in den vergangen zwei bis drei Jahren sicherlich zugenommen und auch die Anzahl der Geschichten.“

Das Recherche-Team twittert auch unter Twitter.com/stern_TIR

Das Team um Schröm besteht aus insgesamt sieben Leuten, wobei jedes Mitglied sein Spezialgebiet hat. Ihm gehören neben Schröm und Plonka noch Andreas Mönnich (Experte für das Strukturieren von Informationen), Christina Elmer  (Datenjournalismus), Johannes Gunst (Experte für Sicherheitsbehörden und Sicherheitsthemen), Dirk Liedtke (Digital-Experte) und Uli Rauss (spezialisiert auf Aktenauswertung) an.

Weitere Informationen zu den Mitgliedern der Unit gibt es jetzt im Web, direkt neben dem neuen Briefkasten, über den jeder Dateien hochladen können. „Wie der Briefkasten tatsächlich genutzt wird, wissen wir noch nicht. Damit betreten wir Neuland“, sagt Schröm. „Aber selbst wenn er nur wenig genutzt wird, lohnt sich die Seite für uns in jedem Fall.“

Wichtigste Regel bei der Bewertung von brisanten Material, dass den Investigativ-Experten zugespielt wird, ist immer die Frage nach der Motivation des Whistleblowers. "Informanten folgen immer auch eigenen Motiven, zum Teil bekommt man umsortierte und verfälschte Akten. Das ist immer auch meine Predigt: Überlegt Euch, was will jemand damit erreichen.“ Schröm ist Realist: „Verkaufen ist vielleicht mitunter die ehrlichste Form, eine Information an Medien weiter zu geben.“

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