“Sorgen um den Journalismus überhaupt”

Publishing Welcome to the Shitstorm: Ausgerechnet Wolf Schneider, 86, Hüter aller Journalistenschul-Marken und Papst des lebendigen Deutschunterrichts, hat es im reifen Alter erwischt. Gegen die Neuauflage seines Standardwerks, die nun auch den Online-Journalismus dogmatisiert, tobt im Wilden Web der Widerstand. Für Schneider sind vornehmlich "Altlinke" und "Durchgefallene" bei der Henri Nannen Schule die Meinungsführer. Und auch für die Social Networks hat er eine Strategie: "17-Jährige von Facebook weglocken".

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Wolf Schneider antwortet im MEEDIA-Interview auf die Vorwürfe, dass das neue Kapitel über Online-Journalismus vor „Unkenntnis, platten Klischees und schlampiger Recherche“ nur so strotze.
Mit der Neuauflage des Handbuchs für Journalismus sind Sie im Web gerade das Thema der Stunde. Vor allem an dem neuen Kapitel über Online-Journalismus reiben sich viele Blogger.
Für den modernen Teil war mein Partner Paul-Josef Raue zuständig. Aber die Kritik hängt sich ja großenteils an meinem Alter auf. Ganze Heerscharen von 30-Jährigen sehen jetzt die Gelegenheit, sich über den Opa lustig zu machen.
Hat es Sie getroffen, dass sich die Kritik teilweise nur an ihrem Alter abarbeitet?
Getroffen ist übertrieben. Ich habe mich eine Zeitlang gewundert, dann habe ich aufgehört zu lesen und dann gelacht. Erstens: Meine 62 Jahre im Journalismus sind eine Erfahrung, die die meisten Kritiker nicht haben. Zweitens: 32 Jahre Journalistenausbildung ist ein Stück Journalismus, das überhaupt niemand anderes in Deutschland hat. Ich mache Seminare für Journalisten und Pressearbeiter in den drei deutschsprachigen Ländern. Ich bin ausgebucht bis November. Das heißt: Mein Grad von Erfahrung in lebendigem Deutsch ist vermutlich höher als bei irgendeinem anderen Menschen in Deutschland, meine Kritiker vermutlich eingeschlossen.
Die Kritik bezog sich weniger auf Ihre Deutschkompetenz, sondern mehr auf die Internet-Kompetenz.
Die Kritiker verquicken das ja gerade. Dabei bin ich in mancher Hinsicht jünger als sie: Niemand kommt so viel herum, kaum einer hat so viel mit jungen Leuten zu tun, und meine rhetorische Präsenz ist ungebrochen.
Ist die Kritik also ein Racheakt?
Vermutlich. Es gibt eine Clique von Altlinken, die mich seit Jahrzehnten nicht leiden können, dann gibt es die Durchgefallenen bei der Henri-Nannen-Journalistenschule. Harald Schmidt reitet ja in lockerer Folge darauf rum, dass er bei mir durchgefallen ist. Auch Professoren der Linguistik und Publizistik wollen sich an mir rächen. Denn ich habe mich mehrfach öffentlich gegen den ganzen akademischen Journalismus-Betrieb geäußert.
Unabhängig von der Motivation der Kritiker: Die meisten Vorwürfe beziehen sich auf das Kapitel zum Online-Journalismus. Glauben Sie denn, dass der Print- dem Online-Journalismus überlegen ist?
Solange wir nur vom Journalismus reden, sind die Unterschiede nicht groß. Womit ich gerade konfrontiert worden bin, ist ja gerade das Gegenteil von Journalismus: „Mir fällt gerade was ein, und das finde ich unheimlich wichtig.“ Das könnte eine Zeitung nicht bieten. Aber tendenziell lässt sich der Online-Journalismus nicht vom Print-Journalismus unterscheiden. Mathias Müller von Blumencron mit seinem Spiegel Online, das ich regelmäßig lese, ein Schüler von mir, hat ihn unter anderem auf eine Höhe gehoben, mit der man durchaus leben kann. Der Online-Journalismus hat aber auch ein paar Nachteile, insofern, als die Nutzung von Netz-Texten geringer ist. Es ist unbestritten, dass man auf dem Bildschirm flüchtiger liest.
Wenn man den Print-Journalismus als Ganzes betrachtet: Lässt sich auf gedrucktem Papier nicht genauso viel Murks lesen wie online?
Ja. Ich habe ja eben keinen Qualitätsunterschied gemacht. Der wird ihm aber – zumindest latent – unterstellt. Ich verfolge die Lokalpresse nicht im Einzelnen. Seit einem halben Jahrhundert aber die Süddeutsche und die FAZ. Auch dort wird viel Murks gedruckt – neben allerlei brillantem Journalismus, gottseidank.
Wir müssen uns also keine Sorgen um den Journalismus machen, nur weil er online stattfindet?
Nein. Wir müssen uns Sorgen um den Journalismus überhaupt machen, weil die Tendenz junger Leute, sich zu informieren, gesunken ist. Es gibt Umfragen, dass 40 bis 50 Prozent der 17-Jährigen gar nicht mehr wissen wollen, was auf der Welt los ist. Die halten ihren Umgang mit Facebook offenbar für Information. Das ist für alle Journalisten, egal in welchem Genre, eine erschreckende Auskunft. Deshalb habe ich auch beim Henri-Nannen-Preis gemahnt, dass wir uns etwas einfallen lassen müssen.
Müssen wir den Journalismus neu erfinden?
Im gewissen Sinne: Ja. Man darf nicht darauf warten, dass die Leute von sich aus sagen, was sie wollen. Man muss die Witterung haben, was sie morgen wollen werden. Dafür gibt es zwei bekannte Beispiele: Die Politisierung des Sterns durch Henri Nannen und anderseits Geo. Chefredakteur Peter-Matthias Gaede – auch ein Schüler von mir – hat vor Jahren erkannt, dass die Darstellung der Erde ein begrenztes Volumen hat. Mittlerweile ist Geo jetzt größtenteils ein Bio- und Psycho-Magazin geworden. Witterung: das gilt für Print genauso wie für Online.
Gibt es denn Hoffnung, dass es gelingt, die Witterung wieder aufzunehmen?
Sagen wir mal so: Wenn es genügend engagierte Journalisten gibt, dann ist die Hoffnung sicher da. Zu den Erfindern werde ich kraft meines Alters aber nicht mehr gehören.
Ruhen die Hoffnungen eher im Print- oder im Online-Journalismus?
Wahrscheinlich werden die Höhepunkte des Journalismus größtenteils weiterhin in Print stattfinden und sich an Bildungsbürger über 50 wenden. Sich geduldig mit einem Thema auseinander zu setzen, ist auf den Bildschirm seltener als auf dem Papier und trifft eher auf den typischen Zeitungsleser zu. Eine häufige Prognose lautet ja gerade, dass die großen Zeitungen ihre Auflage drastisch werden reduzieren müssen und die Vertriebspreise drastisch erhöhen. Inwieweit sich diejenigen, die sich heute nur noch bei Facebook informieren, jemals für eine gute Zeitung zu gewinnen sein werden, ist eine andere Frage. Da bin ich eher pessimistisch.
Müssen wir als Journalisten noch stärker zu den Lesern hingehen?
Ja, natürlich. Und vor allem die Witterung haben, wie man 17-Jährige von Facebook weglocken kann.
Müssen wir sie denn von Facebook weglocken oder sollen wir die
Nachrichten zu ihnen bringen?

Wenn wir nur zusammenkämen, die Journalisten und die 17-Jährigen, dann
wäre das Medium ziemlich egal. Nur ist Facebook bis zu einem Grad von
Bildern und Klatsch abhängig, dass ich es mir nicht recht vorstellen kann. Aber angenommen, es gelänge Facebook auf diese Weise zu unterwandern: Bitte, warum nicht.
Sind Sie selbst bei Facebook?
Nein. Ich war mal drin und bin ausdrücklich wieder ausgestiegen.
Es hat Ihnen keinen Spaß gemacht?
Ich will einfach nicht wissen, welcher meiner Freunde, wann und warum eine Bratwurst gegessen hat. Ich habe nur eine begrenzte Internet-Nutzung. Was Blogs wert sind, habe ich ja gerade wieder gemerkt: Ein Ausmaß von Geschwätzigkeit, offenbar in der Hoffnung verfasst, erst gar nicht gelesen zu werden.
Hat die Kritik an ihrem Buch in den Blogs eine andere Qualität, als wenn sie gedruckt worden wäre?
Natürlich. Das sind spontane Äußerungen, die wären so nicht gedruckt worden. So was geschah früher nur mündlich. Solange man noch Briefe und auf Papier schrieb, fand das einfach nicht statt. Die mittlerweile erreichten elektronischen Textmengen enthalten ein Maß von Aggressivität, von Unsinn, das früher nicht vorhanden war. Ernstlich bestreitet das doch keiner.

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