Interview: Es bleiben noch Fragen offen

Publishing Für Zeitschriftenjunkies sind die letzten 40 Seiten der neuen Zeitschrift Interview die interessantesten - dort wird sehr unterhaltsam die Geschichte der Original-Interview von Andy Warhol vorgestellt. Vermutlich, um Leser der voluminösen deutschen Interview erst einmal mit dem Format vertraut zu machen. Der Erstling in deutscher Sprache erinnert an eine frühe Max, hat es voll auf den Werbemarkt abgesehen - und löst das Warhol-Konzept nur teilweise ein.

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Der Preis von 6 Euro ist happig, aber dafür bekommt der Leser wie weiland in den 80ern einen Stapel bedrucktes Papier mit auf den Weg. 100.000 Exemplare wurden von der Erstausgabe gedruckt. Hinter der deutschen Interview steht u.a. der ehemalige Deutschlandchef von Condé Nast, Bernd Runge. Als Chefredakteur wurde kurz vor Toresschluss Joerg Koch, Erfinder des Independent-Magazins 032c, verpflichtet. Er sagt: "Wir wollen mit Interview ein Heft machen, dass nicht nur unverschämt gute Laune macht, sondern die Welt auch ein wenig anders aussehen lässt."

Die absoluten Top-Interviews der Erstausgabe stammen aus der US-Ausgabe – Arianna Huffington spricht mit Scarlett Johansson, Angelina Jolie wird von Clint Eastwood befragt, Kim Gordon von Sonic Youth unterhält sich mit Chloe Sevigny. Die originären Interviews, etwa mit der Titelheldin Lana del Rey, wurden nicht von Prominenten geführt, sondern ganz regulär von Journalisten. Ob das Konzept ist – oder ob die Redaktion keine geeigneten Star-Paarungen gefunden haben – ist unklar. Dort, wo "bekannte Menschen" miteinander sprechen, ist die Fallhöhe reichlich niedrig, wie im Fall Wladimir Kaminer (omnipräsenter Autor) und Palina Rojinski (Moderatorin für Nischensender). Kann ja noch werden.

Die deutsche Ausgabe ist mehr als doppelt so umfangreich wie die US-Vorlage, hat auch eine Menge Werbeseiten. Aus einem Guss ist das Ganze noch nicht, aber das gilt bei Erstausgaben öfter. Wie ein Fremdkörper wirkt beispielsweise noch das Beauty-Ressort, das ganz offensichtlich einzig als Tribut an Anzeigenkunden ins Heft gehievt wurde. Der Bahnhofsbuchhandel sortiert das Magazin passenderweise bei den Modemagazinen ein.    

Es bleibt eine Kardinalfrage offen, die Interview (noch) nicht beantwortet: Was willst du sein? Eine Gala für den gehobenen Anspruch? Oder ein Gesellschafts- und Kulturmagazin, das nah an der Avantgarde vorbeischrammt, cool und star-struck zugleich? Von beiden Ansätzen gibt es Beispiele im Heft. Die gute Laune, die Chefredakteur Koch verspricht, will sich auf Anhieb noch nicht einstellen. Aber bald ist Frühling, das lässt hoffen.

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