Das Netz sind wir

Welche Trends haben den DLD12, das dreitägige Lovefest von Medienmenschen, Gründern, Geeks, Influencern und Künstlern bestimmt? Eine Grundsatzrede zum Datenschutz von Viviane Reding gleich zum Auftakt setzte ein Zeichen, doch unklar blieb, welches genau. Ansonsten hing ein Hauch von Occupy in der Luft: Viele Gründer sind weniger heiß auf schnelles Geld, langfristiges Engagement gilt wieder was.

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Welche Trends haben den DLD12, das dreitägige Lovefest von Medienmenschen, Gründern, Geeks, Influencern und Künstlern bestimmt? Eine Grundsatzrede zum Datenschutz von Viviane Reding gleich zum Auftakt setzte ein Zeichen, doch unklar blieb, welches genau. Ansonsten hing ein Hauch von Occupy in der Luft: Viele Gründer sind weniger heiß auf schnelles Geld, langfristiges Engagement gilt wieder was.

Daten vs. Privatsphäre
EU-Kommissarin Viviane Reding will per Gesetz ein "Recht auf Vergessen" im Internet einführen. Will ein Nutzer seine Daten, beispielsweise in den Speichern eines Unternehmens, löschen lassen, bekommt er dazu das Recht.

Dem gegenüber steht das Interesse der Internet-Unternehmen, mit dem Sammeln von Daten über ihre Kunden Geld zu verdienen. Ob es nun Tracking heißt oder Targeting – Big Data ist ein Geschäftsmodell. Redings Rede fiel ziemlich unternehmerfreundlich aus, doch unklar blieb im Kern, wie sich die Interessen der Verbraucher auf besseren Datenschutz und die kommerziellen Ziele der Branche miteinander vereinbaren lassen.

Höflich beklatschten die DLD-Teilnehmer (viele auch aus dem außereuropäischen Ausland) Reding, mit Applaus wurde auch der Polemiker Andrew Keen bedacht, der die DLDistas dazu aufforderte, sich nicht länger zur Ware zu machen und die "radikale Transparenz" im Netz durch persönliche Zurückhaltung zu beenden. Kontrovers diskutiert wurden diese Beiträge eigentlich kaum.

Nike-Mann Stefan Olander bracht in einem anderen Daten-Panel auf den Punkt, was die Internet-Wirtschaft über die Zukunft von "Big Data" meint: "Es wird in Zukunft viel weniger über Daten an sich gesprochen werden, sie sind einfach da und werden unsichtbar im Hintergrund zur Verfügung stehen. Daten sind dann wie Strom aus der Dose." Der Tenor: Daten helfen Unternehmen und Verbrauchern zugleich – sie sollen das Leben einfacher machen. Gegen ein Plädoyer für mehr Transparenz, wie Daten von der Wirtschaft verwendet werden, würde vermutlich niemand aufbegehren, schon gar nicht beim DLD, dessen Teilnehmer Individualität groß schreiben. Doch der vorprogrammierte Konflikt, der in den kommenden Jahren ausgefochten werden wird, blieb zunächst ein Schattenthema.

Die Sharing Economy
Das Teilen von Wissen, auch das Teilen von Dienstleistungen oder Produkten, setzt sich als Handlungsmaxime der Web-Weltverbesserer durch. Brian Chesky von AirBnB hielt eine sehr gute Rede über die "Sharing Economy". Botschaft: "Der Zugang ist wichtiger als der Besitz." Nach der ersten (wir lernen das Internet kennen und gehen erste Schritte mit Amazon und Co.) und zweiten (das Netz wird sozial mit Facebook und Co.) Phase des Internets folge die dritte – die Verbindung der On- und Offlinewelt. Die Übernachtungsvermittlung AirBnB ist eine der Speerspitzen dieser Bewegung, ein bisschen Geld wird damit freilich auch verdient.

Ebenso beeindruckend der Auftritt des Stanford-Professors Sebastian Thrun, der die "University 2.0" beschrieb. Gemeinsam mit einem Kollegen begann Thrun, Vorlesungen über Künstliche Intelligenz ins Netz zu stellen und einen Kurs kostenlos für Teilnehmer aus der ganzen Welt anzubieten. 160.000 Menschen beteiligten sich an diesem Experiment, nun wird sich Thrun ganz seinem Projekt Udacity widmen. Der große Querdenker Nolan Bushnell (Atari, "Pong") hatte seinerseits sogar das Klassenzimmer, wie wir es kennen, verdammt. Wie das Netz unser Lernen verändert, wird sicher zu einem der großen Themen der kommenden Jahre.

Ein Hauch von Occupy
Die Occupy Bewegung hat Auswirkungen. Nicht nur bedienen sich die Vorkämpfer für eine Erneuerung der Demokratie des Internets, um sich zu vernetzen. Umgekehrt scheint die Web-Szene auch von Occupy zu lernen. Da fallen von Gründern Bemerkungen wie: "Ein Exit ist irrelevant, wir wollen ein nachhaltiges Geschäft" (Alexander Ljung von Soundcloud) oder "Nützt nicht gleich jede Gelegenheit" (Jens Begemann von Wooga). Natürlich war auch in den Jahren zuvor viel von Communities die Rede, doch sinnstiftend waren viele dieser virtuellen Gemeinschaften bisher nicht. Mit dem Arabischen Frühling und Occupy rückte stärker ins Bewusstsein, dass neben dem Geschäftemachen auch Werte wichtig sind. Das Netz hatte von Beginn an eine soziale Komponente, sie wird nun nur stärker vom Mainstream verinnerlicht.

Europa muss aufholen
Das Netz bleibt natürlich ein Möglichkeitsraum für Big Business. Groupon-Gründer Andrew Mason kam diesmal mit Jacket und gab sich seriöser als vor einem Jahr, als er auf der Bühne Ego-Shooter-Phantasien auslebte. Er hatte sich bereits vor dem Börsengang des Start-ups ein paar Milliönchen gegönnt – "jeder Mensch hat eine Summe im Kopf, bei der er nachts gut schlafen kann", sagte er. Irgendwie auch menschlich. Der Investor Klaus Hommels zeigte anhand einiger Zahlen, wie stark Europa als Standort für Start-ups und Wagniskapitalfinanzierer noch hinter den USA zurückhängt. Auch in China fließe schneller Geld an kleinere Unternehmen als hierzulande. Ein Vorbild ist Israel. Das kleine Land ist nicht nur die Heimat vieler Gründer, es ist auch eine Brutstätte für Netz-Geschäftsmodelle an sich. Entsprechend wurde das ausgezeichnete Buch "Start-up Nation" von Dan Senor und Saul Singer zum "DLD-Buch" erklärt.

Wie Heimatliebe mit Geschäftssinn verbunden werden kann, wollten die DLD-Macher demonstrieren, als sie die Bühne eines Vortragssaals zur bayerischen Stube umdekorierten, inklusive Hirschgeweihen. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer und sein Vize Martin Zeil von der CSU hatten in ihren Reden ebenfalls Lobreden auf den Freistaat gesungen, fast ein wenig zu penetrant. Sollte da bald ein Prestigewettbewerb zwischen München und Berlin um den Web-Standort Nummer Eins in Deutschland ausbrechen? Immerhin: Twitter-Gründer Jack Dorsey kündigte an, das Unternehmen werde ein Büro in Deutschland aufbauen. Wo, verriet er noch nicht.

Das Netz sind wir
Der fünfte DLD-Trend ist gar kein Trend. Das Web mit allen Vorteilen und Herausforderungen ist in der gesellschaftlichen Mitte angekommen. Ob Prolls, Intellektuelle, Künstler, Arbeitslose, Professoren, Kriminelle oder Adlige (die norwegische Kronprinzession Mette-Marit erschien ohne laute Fanfare und Brimborium) – wir alle nutzen das Netz, leben mit ihm und einige von uns in ihm. Die Geschichte des Internets wird täglich fortgeschrieben – und es wird die Herausforderung bleiben, diese Entwicklung mitzugestalten.

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