„Augstein hätte den Wortlaut veröffentlicht“

Publishing Bei der Affäre rund um Bundespräsident Christian Wulff ist auch die Rolle der Bild-Zeitung kritisch hinterfragt worden. Dabei geht es vor allem um die Frage, warum Bild den Anruf des Bundespräsidenten auf die Mailbox des Chefredakteurs nicht sofort publik gemacht hat. Im MEEDIA-Interview spricht der frühere Spiegel-Chef Stefan Aust über das Verhalten von Medien in solchen Situationen. Seine Einschätzung: Rudolf Augstein hätte geraten, den Wortlaut der Nachricht umgehend zu veröffentlichen.

Werbeanzeige



Die Bild-Zeitung ist in die Kritik geraten, weil Inhalte der Mailbox-Nachricht von Christian Wulff öffentlich wurden. Wie sehen Sie das?

Eine solche Nachricht kann überhaupt nicht geheim gehalten werden. Und warum auch? Der Bundespräsident hat den Chefredakteur der Bild-Zeitung angerufen und ihm eine ziemlich handfeste Mitteilung gemacht. Wie geht man als Chefredakteur damit um? Als erstes berät man sich mit seiner Redaktion, zumindest den leitenden Redakteuren. Dabei schildert man, worum es geht. Eine Mailbox-Nachricht ist ja keine geheime Kommandosache. Dass dann im Kreise der Redaktion darüber gesprochen wird und derartige Dinge auch nach außen durchsickern, ist nicht ungewöhnlich. Eine Redaktion ist erfahrungsgemäß kein Geheimdienst. Deshalb ist man als Verantwortlicher eigentlich darauf bedacht, Exklusivinformationen schnell herauszulassen, damit kein anderer darauf kommt. Für einen solch gravierenden Fall ist es eigentlich erstaunlich, dass es so lange gedauert hat, bis darüber etwas in der Presse stand. In diesem Lande bleibt nichts geheim, jedenfalls nicht auf Dauer. Auch vertraulich gegebene Informationen bleiben nicht immer "unter Zweien" – deshalb heißt es im Polit-Medien-Jargon ja auch gleich "unter Dreien".
Der Bundespräsident hat einer von Springer angefragten Veröffentlichung des Original-Wortlauts widersprochen. Hätte die Bild dafür sorgen müssen oder können, dass andere Medien keine Details veröffentlichen?
Der Bundespräsident hätte von sich aus darauf bestehen müssen, dass seine Mailbox-Message vollständig veröffentlicht wird. Er konnte sie nicht ungeschehen machen, nachträglich per Ordre de Mufti löschen. Wenn die Zahnpasta einmal aus der Tube ist, ist es schwer, sie zurück in die Tube zu bringen. Also hätte ihm daran gelegen sein müssen, dass keine Gerüchte über die Tatsache des Anrufs und den Inhalt entstehen. Immerhin war der Monolog am Telefon an die fünf Minuten lang, und auch der Ton macht die Musik. In Presseveröffentlichungen wurden einzelne Worte oder Sätze zitiert, wohl zumeist korrekt. Es handelte sich auch nicht um Staatsgeheimnisse, die unbedingter Geheimhaltung bedürfen. Berichte darüber zu verhindern hätte auch die Macht des Chefredakteurs der Bild-Zeitung überfordert. In Gesprächen der Politik- und Medienszene war sogar von Wutausbrüchen, wüsten Drohungen und Beschimpfungen die Rede. Nichts davon ist wahr. Wulff war bei seinem Anruf im Ton ruhig, bestimmt, sachlich und dennoch scharf. Er wirkte keinesfalls erregt, eher wie ein Anwalt in eigener Mission. Von einem spontanen Wutausbruch, bei dem jemand vielleicht unkontrolliert zum Telefon greift, ist nichts zu spüren. Auch darum hätte Wulff auf einer Veröffentlichung bestehen müssen, um die Informationshoheit, die er verloren hatte, wenigstens nachträglich zurückzuholen. Er sollte der Hüter seiner Worte sein, nicht die Bild-Zeitung.



Was halten Sie von dem Vorwurf, Bild habe eine "Salami-Taktik" bei der Veröffentlichung der Vorwürfe gegen Christian Wulff gewählt – und damit genau das getan, was das Blatt dem Bundespräsident bei seinen Einlassungen zum Vorwurf machte?
Nach meinen eigenen Erfahrungen ist jeder Chefredakteur gut beraten, die Informationen, die er hat, zügig zu veröffentlichen. Jede Geschichte, die man glaubt exklusiv zu haben, spricht sich irgendwann herum und dann erscheint sie bei der Konkurrenz. Deshalb halte ich es für eher unwahrscheinlich, dass Vorwürfe bewusst zurückgehalten und dann "zum passenden Termin" veröffentlicht werden. Das geht an den Realitäten des Wettstreits von Zeitungen, Magazinen und Fernsehsendern komplett vorbei. Das Problem ist heute eher, dass Geschichten allzu schnell veröffentlicht werden, ohne dass sie genügend recherchiert sind. Gerade die Flut der Nachrichten im Internet hat die News-Maschine arg beschleunigt. Besser Erster als zu genau. Korrigieren kann man die Meldungen immer noch. Deshalb sagt man in England über Internetnachrichten auch: "Never wrong for long". In dieser fixen Welt anzunehmen, dass jemand auf seinen Exklusivinformationen sitzt und sich möglicherweise von den ja ebenfalls eifrig recherchierenden Kollegen abhängen lässt, ist ziemlich naiv.

Wäre der Inhalt der Nachricht überhaupt geheim zu halten gewesen?
Nur wenn man vom Chefredakteur der Bild-Zeitung ein Ausmaß an Selbstverleugnung verlangt hätte, dass ihn für seinen – und jeden anderen journalistischen Job – disqualifiziert hätte. Indem er vielleicht das Staatsoberhaupt angerufen und ihm ehrerbietig mitgeteilt hätte: "Majestät hätten das nicht sagen sollen. Habe schon gelöscht." Hätte man ihm das geglaubt? Wohl auch nicht so recht. Und hätte Wulff sich wünschen sollen, dass eine einzige Person etwas weiß, das besser nicht bekannt werden sollte? Soviel Macht über einen Präsidenten sollte ein Journalist dann doch nicht haben.



Wie wären Sie in Ihrer Zeit als Spiegel-Chefredakteur mit einem solchen Vorgang umgegangen?
Ich hätte das mit meiner Redaktion, mindestens mit den zuständigen Ressortleitern besprochen und dann dem Bundespräsidenten mitgeteilt, dass wir den Vorgang publik machen. Ich glaube, wenn Rudolf Augstein noch am Leben gewesen wäre, hätte er auch dazu geraten, den vollen Wortlaut umgehend zu veröffentlichen. Auch beim Spiegel wären die Informationen nicht geheim geblieben, und mancher wäre dann sicher auf den Gedanken gekommen, man wolle den Anrufer vor sich selbst schützen. So weit geht weder die Fürsorgepflicht des Spiegel noch die der Bild-Zeitung.



Wie bewerten Sie insgesamt den Umgang der Medien mit der Affäre? Teilen Sie den von verschiedenen Seiten erhobenen Kampagnen-Vorwurf?
Es ist immer von Kampagnen die Rede, wenn die Medien Vorwürfe gegen Politiker erheben. Wenn die Anschuldigungen massiv sind, passiert es gelegentlich, dass die meisten Journalisten ähnlicher Auffassung sind – über die Parteigrenzen hinweg. Es gibt eben Skandale, die sind von rechts wie links betrachtet gleichermaßen skandalös. Und natürlich spiegelt sich die Recherche des einen dann in den Berichten des anderen. Zuweilen kommt so eine ziemliche Lawine zusammen. Seitdem die elektronischen Medien die Informationen blitzschnell verbreiten, werden die Wellen immer höher – aber oft auch immer kürzer. Jeder will noch etwas an Recherche beitragen und dann wird der eigentlich empörende Vorgang von einer Müll-Lawine zugeschüttet. So scheint das im Fall Wulff auch zu sein. Jede Petitesse wird zu einem Abgrund von Landesverrat hochstilisiert – und das wirkliche Problem verschwindet aus dem Blickfeld.



Ist aus Ihrer Sicht das Ansehen der investigativ arbeitenden Medien durch die Affäre eher gestärkt worden oder hat das Image gelitten?

Die Ursprungsrecherche, die Aufdeckung des merkwürdigen Privatkredits, ist ganz sicher eine klassisch investigative Leistung, ganz gleich wer sie nun begonnen und wer sie zum Erfolg geführt hat. Dass die Enthüllung dann aus einem Hause kam, das dem Betroffenen eher nahe steht, hat die Glaubwürdigkeit der Geschichte eher verstärkt. Wer schon immer Wulff für den falschen Präsidenten gehalten hat, bei dem liegt die Vermutung nahe, dass hier die alten Vorurteile nur durch neue Argumente unterfüttert werden. Auch bei Enthüllungen ist es notwendig, die Proportionen zu wahren, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Wer jeden Pipifax als Scoop verkauft, verliert schnell seine Glaubwürdigkeit als investigative Spürnase. Bei dem, was Wulff inzwischen alles angelastet wird, neigt man irgendwann dazu, auch über die wirklich problematischen Dinge hinwegzusehen.



Sie haben den Anruf des Bundespräsidenten in einem Interview mit dem WDR als "politisches Selbstmordkommando" bezeichnet. Wie groß schätzen Sie den Langzeitschaden für Christian Wulff ein?
Die Sache wird der Bundespräsident bis zum Ende seiner Amtszeit nicht los, ganz egal wie lange sie noch dauert. Das hat vielleicht auch etwas mit den übertriebenen Erwartungen an das Staatsoberhaupt zu tun. Er wird mehr und mehr zum Oberapostel des Landes hochstilisiert und jede Rede, jeder Auftritt wird zum politisch-moralischen Urbi et Orbi. Vor allem, wenn die Rolle unter Druck gespielt wird. Da wird die Kluft zwischen Amt und Würde leicht zur Fallgrube.




Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige