Google vs. Twitter: Streit um “soziale” Suche

Publishing Aufruhr in der Social Media-Welt: Google kündigt an, seinen Algorithmus zu verändern und dadurch in der Suche sozialer zu werden. Persönliche Inhalte von Nutzern wie Bilder oder Freundeslisten spielen dabei eine wichtigere Rolle – und damit natürlich das eigene Social Network des wertvollsten Internetkonzerns: Google+. Dem Kurznachrichtendienst Twitter gefällt das indes gar nicht – er äußerst sich "besorgt". Google reagiert "überrascht". Die Social Media-Szene nimmt den Internetriesen unterdessen voll in Schutz.

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Vorhang auf für den großen Showdown der Social Media-Playern: Google bläst zur großen Aufholfjagd – und den bisherigen Platzhirschen im Social  Web dürfte das gar nicht gefallen. Passiert ist dies: Gestern kündigte der mit Abstand wertvollste Internetkonzern der Welt an, in seinem Kerngeschäftsfeld, der Suche, sozialer zu werden. Im Google-Sprech lautet dies: "Search, plus your world".
In der Praxis bedeutet dies, dass die Internetsuche seit heute in den USA und auch bald in Deutschland um die Rubrik "Persönliche Ergebnisse" ergänzt wird. Die listet Treffer etwa aus den Picasa-Alben oder setzt die Suchparameter in Beziehung zu vorhandenen Kontakten aus Google+.  

Google-Vertrag über Twitter-Echtzeitsuche lief im Sommer aus

Was für Google als klare Aufwertung des eigenen Social Networks Sinn ergibt, dürfte dem Rest der Web-Welt weh tun – er wird schließlich bei der mit Abstand wichtigsten Suchmaschine irrelevanter. Das trifft nicht nur den großen Social-Rivalen Facebook, sondern erst recht das nächstgrößere soziale Netzwerk umso härter.

Bisher nämlich lebte der boomende Kurznachrichtendienst Twitter blendend von der Integration in die Google-Suche. Der Internetriese hatte 2009 noch einen Vertrag mit dem boomenden 140-Zeichen-Dienst geschlossen, nachdem Tweets mit in Googles Echtzeitsuche einflossen. Diese Vereinbarung endete im Sommer vergangenen Jahres, als Google sein eigenes Social Network startete. Schon damals ahnten Internetexperten, dass der Webriese die Suche künftiger stärker zum eigenen Nutzen zuschneiden dürfte.

Twitter: "Ein schlechter Tag für das Internet"

Das ist nun passiert – und Twitter reagiert doch pikiert, wie Tech-Journalist MG Siegler nach einer eMail des Kurznachrichtendienstes zu berichten weiß: "Seit Jahren haben sich die Nutzer darauf verlassen, bei Google die wichtigsten Suchresultate in Internet zu finden. Oft wollen sie mehr über weltbewegende Ereignisse und Breaking News erfahren", schreibt Twitter. "Mit mehr als 100 Millionen Nutzern, die jeden Tag über 250 Millionen Tweets versenden, ist Twitter zu einer unverzichtbaren Quelle für jedes Thema geworden. Wie man immer wieder sieht, wird über News zuerst auf Twitter berichtet; Twitter Accounts und Tweets sind daher oft die wichtigsten Suchergebnisse."

Doch die sieht der 140-Zeichen-Dienst nun gefährdet: "Wir sind besorgt, dass es durch Googles Veränderungen viel schwieriger wird, diese Informationen zu finden. Wir glauben, dass dies für Nutzer, Verleger, News Organisationen und Twitter-Nutzer schlecht ist." Twitter Chef-Anwalt Alex Macgillivray nannte Googles Schachzug gar persönlich in einem Tweet "einen schlechten Tag für das Internet".

Social Media-Szene gegen Twitter

Das wollte der Internet-Gigant nicht auf sich sitzen lassen und reagierte prompt mit einer durchaus überraschenden Nachricht – natürlich via Google+: "Wir sind etwas erstaunt über Twitters Kommentare zu ‚Search plus your world’, schließlich wollten sie letzten Sommer nicht unsere  Vereinbarung fortsetzen." Warum und welche Konditionen dabei eine Rolle gespielt hätten, bleibt unterdessen natürlich unklar.
Google vs. Twitter: Damit ist die Konfrontation um die Zukunft der sozialen Suche klar skizziert. Die Internet-Szene schlägt sich unterdessen klar auf die Seite des Platzhirsches: "Ich wünschte, ich könnte auf Twitters Seite sein, aber das kann ich nicht", erklärt etwa Alphablogger Robert Scoble. Der Internet-Marketer und SEO-Experte AJ Kohn hält die Twitter-Ergebnisse zudem für irrelevant und unausgereift.
Der renommierte Web-Investor Bill Gross schlägt in dieselbe Kerbe: "Ich verstehe nicht, wieso sich die Leute über die Veränderungen in der Suche aufregen", so Gross.  "Wenn es ihnen nicht gefällt, sollen sie doch woanders suchen. Es ist doch klar, dass Google die für sich bestmöglichen Suchergebnisse anbietet – andernfalls verlieren sie Nutzer. Haben sie nicht das Recht dazu? Oder habe ich was verpasst?", fragt sich die Silicon Valley-Ikone rhetorisch. 

Schürt Google kartellrechtliche Bedenken?

Allerdings könnte die Suchanpassung für Google schneller zum Boomerang werden als sich der Internetgigant das selbst wünscht. Wie MG Siegler in einem Blogpost erörtert, ist die Veränderung des Algorithmus zu den eigenen Gunsten genau das Argument, auf das in Washington gewartet wird.

"Das ist genau der Fall, den sich Senatoren wünschen. Wenn Twitter und Facebook auch nur etwas Rückendeckung in Washington haben, rollt der Ball in einer paar Stunden." Twitter hat zumindest den Fehdehandschuh hingeworfen – Facebook hält sich noch vornehm zurück. Doch klar scheint:  Das Duell ums Social Web hat seit gestern eine neue Eskalationsstufe erreicht.  

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