Bild und Spiegel Seite an Seite

Fernsehen Mit der “Günther Jauch”-Sendung vom vergangenen Sonntagabend wurde nach der Weihnachtspause nun auch der große Talkshow-Aufgalopp in Sachen Christian Wulff eröffnet. Besonderes Augenmerk verdiente dabei das Gespann aus Bild-Vizechef Nikolaus Blome und Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo. Waren sich die beiden Publikationen bis vor kurzem noch spinnefeind, herrscht nun eine fast schon unheimliche Allianz zwischen der Boulevardzeitung und dem Nachrichtenmagazin.

Werbeanzeige

Georg Mascolo vom Spiegel und Nikolaus Blome von der Bild – das waren zwei Stühle und eine Meinung, um mal eine alte Sketch-Reihe aus der früheren RTL-Comedyshow “Samstag Nacht” zu zitieren. Beide top-seriös bis hin zu den gedeckten Krawatten, marschierten Blome und Mascolo die Sendung hindurch argumentativ Seite an Seite. Dabei hatte der Spiegel im vergangenen Jahr die Bild-Zeitung auf dem Titel noch als “Die Brandstifter” beschuldigt, in Deutschland auf üble Art und Weise Kampagnen zu betreiben und im Stile einer rechtspopulistischen Partei zu agieren. Die Bild nutzte danach jede Gelegenheit, um gegen das Nachrichtenmagazin zu sticheln.

Jetzt bedankte sich Bild-Blome in der Jauch-Sendung ganz artig beim Spiegel, dass der die Klage auf Offenlegung des Grundbucheintrags von Christian Wulff ausgefochten hat. “Das verdanken wir auch dem Spiegel”, sagte Blome und betonte, dass Bild die Recherchen zum Anstoß der Wulff-Affäre “parallel mit dem Spiegel” weitergetrieben habe. Der Spiegel seinerseits baut seine jüngste Titelgeschichte “In Amt und Würden” – wobei das Wort “Würden” durchgestrichen ist – in erster Linie auf den Mailbox-Nachrichten des Bundespräsidenten beim Springer-Führungspersonal auf.

Während die Bild selbst scheinbar demütig darauf verzichtet, den wörtlichen Inhalt des berühmt gewordenen Präsidenten-Anrufs auf Kai Diekmanns Mailbox zu veröffentlichen, weil der Präsident das eben nicht will, nimmt der Spiegel – “Brandstifter” hin oder her – gerne das Material und schustert eine Titelstory von ansonsten eher begrenztem Neuigkeitswert zusammen.

Sogar der Spiegel-Medienautor Stefan Niggemeier hat das Gebaren des eigenen Hauses in seinem Medienblog als “Perpetuum Mobile” kritisiert. Seine Kritik formuliert er zwar vordergründig nur gegen den Web-Ableger Spiegel Online, gemeint ist aber offenkundig der Spiegel, denn Spiegel Online machte nichts anderes, als die Essenz der aktuellen Spiegel-Titelstory zu referieren.

Irgendwann im Laufe der Jauch-Sendung wird die neue Einigkeit mit der Bild dann auch Spiegel-Chef Mascolo ein bisschen unheimlich: “Ich würde gerne von der Bild-Zeitungsdiskussion weg. Ich habe keine übersteigerten Erwartungen an die Bild Zeitung.” Das hat ihn freilich nicht davon abgehalten, stolz darauf hinzuweisen, dass der Spiegel in seiner neuen Ausgabe über den Inhalt des Präsidenten-Anrufs auf der Bild-Chefredakteurs Mailbox ausführlich wörtlich berichtet. Die Nachrichtenlage war eben doch etwas dünn zu Jahresbeginn. Und das Interesse des Publikums an der Causa Wulff ist ungebrochen.

Mit 5,81 Mio. Zuschauern war das Wulff-Thema für “Günther Jauch” eine Rekordquote. Es schalteten sogar mehr Leute ein, als Jauch das Gespann Steinbrück/Schmidt in der Sendung hatte. Das Interesse des Publikums ist der beste Garant dafür, dass die Mailbox-Exegese noch ein Weilchen dauern wird. Die Fortsetzung gibt es schon heute Abend bei Frank Plasbergs “Hart aber fair”. Thema: “Der Pattex-Präsident – was lehrt der Fall Wulff?” Es wird nicht die letzte Sendung zum Thema bleiben.
Hier gibt es die "Günther Jauch"-Sendung noch in der ARD Mediathek zu sehen.

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige