Augstein: „Zeit des Übergangs ist vorbei“

Publishing Jakob Augsteins Wochenzeitung Der Freitag kommt künftig ohne seine Herausgeber aus. In einem Brief hat der Verleger Daniela Dahn, György Dalos, Frithjof Schmidt und Friedrich Schorlemmer mitgeteilt, dass sich das "Institut" der Herausgeberschaft "überlebt" habe. In Interviews wirft die Schriftstellerin Dahn Augstein vor, sich nicht um die Wurzeln der Zeitung zu scheren. Augstein gegenüber MEEDIA: "Ich möchte zu den Wurzeln zurück, von denen sich die Zeitung selber entfernt hatte."

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Jakob Augstein hatte den Freitag im Frühjahr 2008 gekauft. Gegründet wurde das Blatt 1990, ein publizistisches Kind der Wiedervereinigung, als die Zeitungen Volkszeitung (West) und Sonntag (Ost) ihre Redaktionen zusammenlegten. Einer der Gründungsherausgeber war der ehemalige Spiegel-Chefredakteur Günter Gaus. 1996 wurde der mit 1,5 Millionen Mark verschuldete Freitag an eine Gruppe von Gesellschaftern verkauft, die den Titel retten wollten und dafür die symbolische Summe von einer Mark bezahlten. Die Auflage war seither gesunken, die Höchstmarke hatte bei etwa 60.000 Exemplaren gelegen. Mehr als zehn Jahre später suchten die Gesellschafter einen Investor oder gar verlegerischen Nachfolger – und wurden mit Augstein einig.

Die Herausgeber übernahm Augstein gleich mit, die Unterzeile "Die Ost-West-Wochenzeitung" schaffte er allerdings ab. Daniela Dahn und György Dalos sind Schriftsteller, Frithjof Schmidt ist Politiker bei den Grünen und Friedrich Schorlemmer ist Theologe. Anfang 2012 sagt Augstein gegenüber MEEDIA: "Die Herausgeber haben in den vergangenen Jahren eine ganz wichtige Rolle gespielt. Die Zeit des Übergangs ist nun vorbei." In der aktuellen Ausgabe vom Donnerstag dankt Augstein den Herausgebern und ihrem "solidarischen Einsatz".  

Die Schriftstellerin Dahn wirft Augstein nun in einem Gespräch mit der Zeitung Junge Welt vor, die Wochenzeitung habe "an intellektueller Substanz verloren". Den Wurzeln des Freitag fühle sich Augstein "nicht sonderlich verpflichtet". Darauf entgegnet der Herausgeber: "Ich fühle mich unbedingt den Wurzeln des Freitag verpflichtet. Ich möchte zu den Wurzeln zurück, von denen sich die Zeitung selbst entfernt hatte." Was damit genau gemeint ist? Augstein: "Ich will den Freitag so machen, wie er Anfang der 90er von Leuten wie dem Gründungsherausgeber Günter Gaus gedacht war."

Dahn sieht die Zeitung im Gespräch mit der Jungen Welt auf dem Weg von einer linken zu einer "linksliberalen Wochenzeitung, was immer das heißen mag". Augstein entgegnet: "Etiketten wie ‚linke Zeitung‘ stehe ich skeptisch gegenüber. Natürlich haben wir eine Haltung und eine Grundausrichtung. Die ist im Zweifel links, oder, wie ich mal halbironisch gesagt habe, irgendwie links. Aber man muss vorsichtig sein: guter Journalismus und Ideologie geht nicht gut zusammen."

Dahn erhebt auch den Vorwurf, dass es in der Chefredaktion des Freitag, aber auch unter den Ressortleitern niemanden mehr gebe, der aus dem Osten komme. Diesen Kritikpunkt lässt Augstein gelten: "Die Ost-Identität ist für uns nach wie vor unverzichtbarer Bestandteil unseres Wesens."

Schon 2008 hatte Augstein gesagt, der alte Freitag wäre "auf Dauer nicht überlebensfähig" gewesen. Der Journalist und Spiegel-Erbe baute das Blatt optisch wie inhaltlich um, investierte in eine ambitionierte Online-Plattform mit starkem Community-Bezug – und setzt seither darauf, dass sich genügend Leser finden, die eine Nische im publizistischen Angebot der deutschen Presse suchen.

Seit dem vergangenen Herbst ist der Freitag wieder IVW-gemeldet, demnach verkauft die Zeitung 13.929 Exemplare von jeder Ausgabe. Die Auflage steige wieder, der Freitag liege im Plan, sagt Augstein: "Ich bin mehr denn je überzeugt, dass der Freitag funktioniert, auch in wirtschaftlicher Hinsicht."

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