„Tatort“: ein Islamist namens Christian

Undercover-Bulle schleust sich ein in Hamburger Terrorzelle, um einen Anschlag in der Hansestadt zu verhindern. Das ist, in aller Kürze, die Story des NDR-"Tatort". Zum vorletzten Mal ermittelt Mehmet Kurtulus als Cenk Batu verdeckt. Reizvoll ist der "Tatort", weil er vom üblichen Schema abweicht und Kurtulus mit Ken Duken als zum Islam konvertierten Bösewicht, der wenig subtil auf den Namen Christian hört, einen guten Gegenspieler hat. Was ein wenig stört, ist die Inszenierung des Krimis als Volkshochschule.

Anzeige

Keine Frage – der "Tatort" geht da hin, wo es unübersichtlich wird und wo es in einem Krimi leicht geschehen kann, in Klischees oder gar latente Ressentiments abzudriften. Um so deutlicher will das Drehbuch von "Der Weg ins Paradies" dem Zuschauer erklären, dass der Islam nichts mit Islamismus zu tun hat und nach Terrorakten dürstende Islamisten nicht unbedingt als Muslime geboren sein müssen. Der religiöse Eiferer im Stück ist der aus gutem Hause stammende Christian Marshall, der den Gottlosen, die nachts durch St. Pauli streifen, "die Hölle zeigen" und einen Sprengstoffanschlag in der Hansestadt verüben will. Den Schülern eines türkischen Gemeindezentrums, denen Marshall eigentlich Mathe beibringen soll, macht er entsprechend die Vorzüge eines Lebens als Krieger, der zu sterben bereit ist, schmackhaft. Die Handlanger des Manns, der sich mit einem IQ von 150 brüstet, sind ein Zweifler und ein Simpel.

Der Imam des Gemeindezentrums ist der Gegenentwurf zu Marshall – ein liberaler Muslim, der dem verdeckten Ermittler dazu rät, sich von der zwielichtigen Truppe um Marshall fern zu halten. Und Cenk Batu selber übernimmt die Rolle des Aufklärers. Während der abtrünnige Sohn Christian Behälter mit explosivem Gemisch in den Kofferraum seines Autos wuchtet, eröffnet Batu dem verbitterten Vater: "Der Koran richtet sich nicht gegen andere Religionen." Marshalls Befehl, einen Hund zu töten, widersetzt sich der Polizist – der Koran verbiete es ihm. Den leichtgläubigen Terroristen Rolfpeter fragt Batu: "Was hast du gegen die Frauen, Bruder?" Batu selber denkt derweil an Gloria, eine Bekanntschaft aus einer Bar, die er vor seinem Einsatz kennengelernt hatte – und die kurzzeitig auch in Gefahr gerät. Dieser kleine Schlenker im Drehbuch verhilft dem ansonsten bindungslos durch die meistens dramatisch bewölkte Hansestadt tigernden Batu zu einem Anker in der freundlich-bunten Welt des Hamburger Schanzenviertels – in das er nach getaner Heldenarbeit wieder zurückkehren darf.

Der Regisseur Lars Becker, der u.a. den Film "Kanak Attack" ins Kino brachte, erzählt die Geschichte, die gewissermaßen als Aufklärungskrimi daherkommt, mit einem ordentlichen Tempo. Das letzte Quentchen Spannung kann er mit dem ambitionierten Vorhaben, zehn Jahre nach 9/11 eine Terrorzelle aus Hamburg zu beschreiben, und das auch noch im Korsett des "Tatort"-Formats, allerdings nicht entfachen. Dramaturgisch war es eine richtige Entscheidung, etwa über die Hälfte des Films zu zeigen, wie Batu sich auf seine Rolle vorbereitet und dann einen Zugang zu den Terroristen findet. Und doch können die Figuren nur ansatzweise ausgeleuchtet werden. Immerhin ist das schon deutlich differenzierter, als andere, weit holzschnittartiger gemachte TV-Krimis angelegt sind. Je näher dann der Showdown in einem Hotel, das durch einen Sprengstoffanschlag in Schutt und Asche gelegt werden soll, heranrückt, steigt auch der Adrenalinpegel beim Zuschauer etwas – weil hier dann die Mechanismen des Terrorthrillers greifen.

"Der Weg ins Paradies" ist Batus vorletzter Fall. In die Annalen des "Tatort" wird sein Darsteller Mehmet Kurtulus nicht als Ermittlerlegende einziehen, dafür ist sein Charakter zu sperrig. Was kein Makel sein soll, im Gegenteil. Der "Tatort" braucht mehr ungewöhnliche Figuren. Doch gefragt beim Publikum sind Kommissare mit hohem Wiedererkennungswert – sie sorgen dafür, dass der Zuschauer am Sonntagabend keine Überraschungen erfährt, erwarten ihn doch vermutlich genug Unwägbarkeiten in der (Arbeits-)Woche. 

Was sich aber auf jeden Fall über Kurtulus, seinen Charakter Batu und Regisseur Becker sagen lässt: Sie haben es sich wirklich nicht leicht gemacht.     

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige