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“Menschen 2011”: Depri-TV in Reinkultur

Wenn man den dreieinhalbstündigen ZDF-Jahresrückblick “Menschen 2011” mit Hape Kerkeling komplett durchgestanden hatte, machte sich ein gewisses Gefühl der Erleichterung breit: Erstens, dass diese Qual endlich vorbei war und zweitens, dass dieser Mann “Wetten dass..?” abgesagt hat. Denn was Kerkeling und das ZDF da als Jahresrückblick aufgeboten haben, war an Zähigkeit und Trostlosigkeit kaum zu überbieten. Es war ein Tiefpunkt für Hape Kerkelings TV-Karriere.

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Die Sendung begann schon mit einem schlechten Witz. Ein Eisverkäufer wurde vorgestellt, der von Kreisverwaltungsreferat München aufgebrummt bekommen hatte, an seinen Fahrrad-Eiswagen eine Personaltoilette zu montieren. Zwar hatte sich der Mann dann irgendwie mit dem Amt geeinigt, aber Hape Kerkeling durfte ihm dann als Geschenk ein mobiles Plumpsklo als Fahrradanhänger überreichen. Beim ZDF scheinen sie mittlerweile einen richtigen Toiletten-Tick zu haben – man erinnere sich nur an die vielen Klo-Wetten in den zurückliegenden “Wetten dass..?”-Sendungen.

Aber lustig, originell oder unterhaltsam war das nicht. Und sollte es auch nicht mehr werden. Die ganze Show war eine Mischung aus skurrilen “Normalo-Geschichten”, deprimierenden Katastrophen 2011 sowie wahllos wirkenden Promi-Einsprengseln mit der “Patchworkfamilie des Jahres”, dem Boris-Becker Clan, und Joachim Fuchsberger, der über das Alt-sein lamentierte. Als Gesprächspartnerin zum Thema Adels-Hochzeiten des Jahres hatte man tatsächlich nur Andrea Kiewel aufzubieten, die während der Hochzeit von Kate & Wiliam in London schlimme Straßen-Umfragen gemacht hatte.
Dazwischen gab es sage und schreibe einen einzigen Musik-Act. Es handelte sich um die Gewinnerin der tollen Kika-Casting-Show “Dein Song”, die ihr Lied “Endlich frei” vorstellte. Angeblich “live” wie Hape Kerkeling anmoderierte, aber komischerweise hörte man den Grafen von Unheilig trotzdem im Hintergrund mitbrummen, obwohl er gar nicht auf der Bühne stand. Die Musik kam genauso aus der Konserve wie die ganze Sendung, die das ZDF zwei Tage zuvor aufgezeichnet hatte.

Der Tiefpunkt der Sendung und von Hape Kerkelings TV-Karriere war aber eine unerträglich unlustige Neuauflage seiner legendären Beatrix-Parodie. Da gab es in diesem Jahr diese Wirtsfamilie Schellenberger aus dem badischen Ladenburg, die das schwedische Königspaar nicht erkannt hatte und die Königs nebenan in eine Pizzeria schickte, weil das eigene Lokal voll war. Und jetzt schmiss sich der füllig gewordene Kerkeling sich also nochmal in sein Beatrix Kostüm aus besseren Tagen und überfiel die armen Leute in Ladenburg und hielt sie von der Arbeit ab.

Der verständnislose Blick in den Gesichtern der übrigen Gäste des Lokals und die Genervtheit des Ladenburger Kochs sprachen Bände. Dieser schreckliche Einspieler wollte auch gar nicht mehr aufhören. Es ging immer weiter und weiter und wurde partout nicht lustiger. Da war fast übermenschliche Willenskraft gefragt, um nicht um- oder abzuschalten. Die Anstrengung wurde nicht belohnt: TV-Koch Johann Lafer verteilte später Schnitzelchen im Publikum, der verunglückte und querschnittsgelähmte “Wetten dass..?”-Kandidat Samuel Koch trat auf und wirkte reichlich desillusioniert, was seinen Gesundheitszustand betrifft. Hape Kerkeling sprach das Buch “Riss im Glück” an, das der frühere TV-Moderator Stephan Kulle geschrieben hat und in dem dieser beschreibt, wie er nach einer Querschnittslähmung wieder laufen lernte. Ja, dieses Buch habe er “ganz oft” geschenkt bekommen, sagte Samuel Koch. Ob das Buch ihm denn ein bisschen Hoffnung geben konnte, wollte Kerkeling ganz eifrig wissen. Er habe das Buch nicht gelesen, antwortete Koch. Kerkeling ergänzte: er auch nicht. Was für ein bitterer Moment.

Nein, das war keine Sternstunde für Hape Kerkeling. Es zeigte sich in dieser Show, dass die ernsten Themen und er nicht füreinander gemacht sind. Und diese Rückblickssendung war bis zum Rand voll mit ernsten Themen. Der getötete Mirco, Atom-Katastrophe in Fukushima, Massaker in Norwegen, sogar Nine Eleven wurde wegen des zehnten Jahrestags der Katastrophe nicht ausgespart. Alles ganz ganz bitter. Kerkeling klammerte sich an seine Karteikärtchen, guckte bedröppelt und stellte am laufenden Band Kerner-Fragen (Was haben sie gefühlt/gedacht/gemacht?). Letztlich war er noch nicht einmal in der Lage, im Kopf auszurechnen, was 2011 minus 1960 ist (das Jahr, in dem Joachim Fuchsberger zum ersten mal in einer TV-Show auftrat). Sein Ergebnis: irgendwas über 25. Die 51 stand halt nicht auf seiner Karteikarte.

Es gab zwar einige wenige gute Momente in der Show, aber immer nur dann, wenn Hape Kerkeling nichts damit zu tun hatte. Ein satirisch-politischer Rückblick auf das politische Jahr zu Beginn war durchaus witzig. Ebenso als Oliver Welke per Einspieler sich vom Studio der “heute show” aus über Karl Theodor zu Guttenberg lustig machte. Ach, hätte doch die Redaktion der “heute show” nur den ganzen Jahresrückblick im ZDF übernommen. Hape Kerkeling und den Zuschauern wären dreieinhalb Stunden Stunden gestohlener Lebenszeit erspart geblieben.

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