Facebook wird zum russischen Protest-Tool

Bis zu 100.000 Russen demonstrierten am Wochenende gegen den fragwürdigen Ausgang der Parlamentswahl am vergangenen Sonntag. Träger des Protests sind die sozialen Netzwerke, in denen vor allem die jüngere, gut ausgebildete Internet-Generation ihrem Widerspruch Ausdruck verleiht. Präsident Medwedew kündigte daraufhin gestern via Facebook eine Überprüfung der Wahlergebnisse an – und wurde daraufhin schwer angefeindet. Wie viel Meinungsfreiheit verträgt Russland im Social-Media-Zeitalter?

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Was für einen Unterschied eine Woche machen kann: Am vergangenen Sonntag erhielt Einiges Russland, die Regierungspartei von Premier Wladimir Putin und Präsident Medwedew, bei den russischen Parlamentschaftswahlen einen kaum für möglich gehaltenen Dämpfer. 15 Prozent weniger oder 12 Millionen Stimmenverlust waren auf dem Weg des Postenstauschs zwischen Medwedew und Putin im nächsten Jahr eher nicht vorgesehen.
Doch die Schlappe war längst nicht alles. Bilder von Hochrechnungen, wie etwa in Rostow am Don, gingen um die Welt: Selbst staatliche Sender zeigten Ergebnisse von 147 Prozent ausgezählter Stimmen – da stimmte offenbar etwas nicht. Tags darauf wagten sich die ersten Wutbürger auf die Straße, um gegen Wahlbetrug zu demonstrieren: 5000 bis 10.000 Menschen zählten die Nachrichtenagenturen AP und Reuters – es waren die ersten Großproteste seit den wilden 90er-Jahren in der Post-Sowjetzeit.
Blogger Alexey Navalny gibt Kreml-Gegner eine Stimme
Erste Videos kursierten im Netz und verbreiteten sich viral rund um den Erdball – in Russland schien sich etwas zu tun, die Welt staunte. Das lag nicht zuletzt auch daran, dass eine der lautesten Stimmen der Opposition bei der unerlaubten Montagdemonstration von der Polizei kurzerhand verhaftet wurde.
Der Blogger Alexey Navalny, der es sogar bis auf den russischen Esquire geschafft hat und es auf fast 150.000 Follower bei Twitter bringt, war schon lange vor seiner Verhaftung in der vergangenen Woche eine feste Größe unter den Kremlkritikern ("mein Blog existiert nur, weil die Medien zensiert werden").
Der Anwalt kämpft seit Jahren ohne Rücksicht auf Verluste gegen die Korruption im Riesenreich – der Cicero nannte Navalny bereits "den russischen Julian Assanage". Da muten die 15 Tage Haft, die der Regierungskritiker ("Partei der Betrüger und Diebe") im Kurzverfahren bekam, fast noch überschaubar an. "Unsere schärfste Waffe ist die persönliche Würde, die man nicht abstreifen kann wie eine Jacke", hat Navalny kurz vor der Kundgebung aus dem Gefängnis geschrieben und damit den Ton gesetzt.
"Wir wollen unserer Land zurück": Entrüstung im Social Web
Der Funke war damit entzündet. Während der Kreml mit dem Ausrücken der "Putin-Jugend" (Naschi) das öffentliche Bild zu korrigieren versuchte, loderte es im Social Web in den Tagen darauf. Bei Twitter, Facebook, dem russischen Pendant vKontakte und dem Blogging-Portal LiveJournal wurde die Entrüstung über den Wahlausgang weiter kanalisiert und sich schließlich für die nächste Großdemonstration organisiert.
Der Ausgang ist bekannt: Bis zu 100.000 Bürger sollen sich am Samstag auf dem Bolotnaja-Platz nahe der Moskwa versammelt haben, um ihren Unmut kund zu tun. "Putin ist ein Dieb", skandieren die einen, "wir wollen unserer Land zurück", fordert ein Redner. Bemerkenswert: Die Atmosphäre ist dabei durchgehend friedlich, einige Demonstranten verteilten Blumen an die Polizisten; keine Verhaftungen oder Ausschreitungen sind bekannt.
Größte Demo seit 1991: Gleichgesinnte organisieren sich via Facebook und vKontakte
Es war kein einheitlicher, von der Opposition initiierter Aufmarsch, es war vielmehr ein Zusammenkommen ausgerechnet der jungen, gut ausgebildeten und besser vernetzten Generation, die außerhalb des flächenmäßig größten Landes der Erde schon etwas gesehen hat. "Sie sind weit gereist und haben gute Manieren – und sie trugen Hipster-Brillen", beschreibt die New York Times die Protagonisten der größten Demonstration seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991.
Es ist die Generation Facebook, die – befeuert vom Aufstieg Russlands unter Putin – heute oftmals weitaus besser dasteht als ihre Eltern, sich aber nicht weiter bevormunden lassen will wie noch zu Sowjetzeiten. Binnen weniger Tage haben sich Gleichgesinnte via Facebook und vor allem dem russischen Klon vKontakte in Gruppen zu Zehntausenden organisiert. Das bemerkenswerte Ergebnis fand Samstagnachmittag entsprechend über die sozialen Netzwerke ihre schlagartige Verbreitung.
Liegt das "Ende einer Ära" in der Luft?
Seitdem ist nichts mehr wie vorher. Der Spiegel macht eine "revolutionäre Stimmung" in Moskau aus und kündet von "Russlands Erwachen". Der Guardian spricht gar vom "Ende einer Ära". Der Kreml reagiert öffentlich betont gelassen – die Proteste wurden nicht ausgeschwiegen; sogar im Staatsfernsehen waren halbwegs ausgewogene Berichte über die Demonstrationen zu sehen.
Präsident Medwedew versucht unterdessen die Deutungshoheit zurück zu gewinnen und antwortet den Demonstranten passenderweise über sein Facebook-Profil. Er stimme zwar "mit den geäußerten Parolen und Aufrufen nicht überein", erklärt der 46-Jährige, der sich in der Vergangenheit den Neuen Medien gegenüber sehr aufgeschlossen gezeigt und immer wieder gerne mit iPhone und iPad und sogar bei einem Zusammentreffen mit Steve Jobs zu sehen war. Gleichzeitig betonte Medwedew in seinem Facebook-Beitrag aber, natürlich hätten die Menschen in Russland "das Recht, ihre Meinung frei zu äußern". Gleiches hatte Regierungschef Putin zuvor über einen Sprecher verlauten lassen.
Präsident Medwedew antwortet via Facebook – und erntet Entrüstung
Medwedew betonte zugleich, man wolle das Wahlergebnis vom vergangenen Sonntag überprüfen, lehnte aber Neuwahlen ab. Binnen Minuten brach eine Welle der Empörung über den amtierenden russischen Präsidenten los, der im nächsten März mit Wladmir Putin die Ämter tauschen soll. Über 9000 Kommentare sind in den ersten 12 Stunden des Postings auf Facebook eingegangen.  "Verdammt, welche Schande", kommentierte ein Nutzer des weltgrößten sozialen Netzwerks. "Er ist ein großer Lügner, genau wie Putin", schreibt ein anderer.
Und der Unmut dürfte auf virtuellen Wegen nicht zu Ende sein. Für den 24. Dezember ist die nächste Großkundgebung angesetzt, für den Fall, dass es zu keinen Neuwahlen kommen sollte – also für den äußerst wahrscheinlichsten aller Fälle. Wie sich die Generation Facebook und der Kreml nach dem Überraschungscoup vom Samstag in knapp zwei Wochen  begegnen, dürfte sich nicht zuletzt im Social Web entscheiden.

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