Meine unlöschbare Facebook-Existenz

Das weltgrößte Social Network wird immer größer und mächtiger. Längst ist Facebook zum größten sozialen Experiment der Gegenwart geworden, das sich um die Interessen seiner Nutzer wenig schert. Alle paar Monate startet Mark Zuckerberg die große Veränderungsmaschine – und erzieht seine User um. Das gefällt nicht allen. MEEDIA-Autor Nils Jacobsen ärgert sich seit langer Zeit über immer neue Updates, die kaum etwas besser, sondern alles komplizierter machen. Standpauke an eine erkaltete Liebe.

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Das weltgrößte Social Network wird immer größer und mächtiger. Längst ist Facebook zum größten sozialen Experiment der Gegenwart geworden, das sich kaum um die Interessen seiner Nutzer zu kümmern scheint. Alle paar Monate startet Mark Zuckerberg die große Veränderungsmaschine – und erzieht seine User um. Das gefällt nicht allen. MEEDIA-Autor Nils Jacobsen ärgert sich seit geraumer Zeit über immer neue Updates, die kaum etwas besser, sondern alles komplizierter machen. Protokoll einer erkalteten Liebe.

Hey, Facebook! Wir müssen mal reden.

Ich weiß. Das kommt jetzt etwas überraschend. Aber es lässt sich nicht länger aufschieben.

Klar, Du hättest es nicht von mir erwartet – ich war mal Dein größter Fan. Ich hab sogar mal ein Blog über Dich geschrieben, so fasziniert war ich von Dir. Ich habe Tage, Wochen, Monate meines Lebens mit Dir verbracht, jeden Tag schau ich Dich an, unterhalt mich mit Dir, zeig Dir neue Bilder und teil Dir Neues aus meinem Leben mit – fast vier Jahre sind es inzwischen geworden. Das weißt Du selbst am besten.

Aber wie in jeder Beziehung gibt es irgendwann Alterserscheinungen.

Sexy bist Du schon lange nicht mehr, das erwarte ich auch nicht. Nach vier Jahren kennt man sich in- und auswendig. Die Sexiness der ersten Monate ist dahin, das ist nicht das Problem. Irgendwann werden andere Dinge wichtiger. 

Verlässlichkeit etwa wäre aber ganz schön. Leider enttäuscht Du mich selbst darin seit Jahren. Du musst immer das letzte Wort haben. Alle paar Monate räumst Du alles so um, wie es Dir passt, bis man nichts mehr wiederfindet. Post verschluckst Du immer öfter, bis man nach Wochen rausfindet, dass es da die eine oder andere Nachricht gab. Du stellst immer neue Regeln auf. Wenn man mit dir zusammenwohnt, ist das wohl so – take it or leave it.

Facebook heute: Die Casual Friday-Version von LinkedIn

Aber dass Du mich immer mehr von meinen Freunden fernhältst – das nehme ich Dir echt übel. Es war mal sehr relaxed, sehr unangestrengt mit Dir: Wir haben zusammen viele neue Freunde kennengelernt. Das ging ja noch vor drei, vier Jahren, als die Tür noch offen stand und man weltweit über Facebook neue Menschen treffen konnte.

Weißt Du noch wie das war, in unserem ersten Sommer, als ich gar nicht genug von Dir bekommen konnte? Ich saß am Strand von Barcelona mit einer süßen Argentinierin, die ich über Dich kennengelernt habe. So offen warst Du damals: Ein Klick in die Stadt, eine Liste der Mitglieder, eine Mail, eine neue Bekanntschaft. Fand ich super! Dabei ging es gar nicht ums Fremdgehen, es ging um die Idee der einen Welt – das hat mich einst am meisten an Dir fasziniert. 

Heute aber bist Du so verschlossen, dass Du Bekanntschaften, die real existieren, anzweifelst! Einige Freundschaftsanfragen können nicht verschickt werden, weil Du mich ermahnst, mein Konto könnte gesperrt werden, wenn ich die Person nicht wirklich kenne – ich könnte ja ein Spammer sein. Du bist zum elitären ‚Closed Shop’ geworden, der sich immer weiter abriegelt und so oft umdekoriert, bis Du aussiehst wie die Casual Friday-Version von LinkedIn.

Ständiger Nachrichtenfluss: Freundeticker der Wall Street?

Ich weiß, ich weiß: 2012 soll ja Dein Jahr werden. Du gehst an die Börse und musst ein bisschen glatter, noch ein bisschen gefälliger werden. Man könnte auch sagen: Du wirst immer langweiliger.

Gleichfalls nimmst Du Dir immer mehr raus. Deine letzten Updates waren wie die letzten Updates, die wie die letzten Updates waren – einfach, weil ja immer etwas verändert werden muss. Ganz im Ernst: Warum meinst Du, ich soll mich immer nach Dir richten? Sag mal, für wie doof hältst Du mich – dass ich den ganzen Tag rechts oben auf die letzten Updates meiner Freunde starre wie auf Börsenkurse. Bist Du der Freundeticker der Wall Street oder was? Personal Reuters? Wie wichtig nimmst Du Dich eigentlich inzwischen?
Auf diese Weise bekomme ich immer weniger mit von meinen Freunden. Das hat sicherlich Methode: Ich verbringe schließlich noch mehr Zeit mit Dir, wenn ich am besten in den Profilen persönlich vorbeischaue, da die neuesten und Hauptmeldungen kaum mehr als einen Bruchteil abbilden, was wirklich so bei Dir am Tag im Haus passiert.

Warum soll ich aber immer nach Deinen Vorstellungen dazulernen? Bei den Status-Meldungen geht es weiter: Wenn ich nicht aufpasse, wird auch schnell noch die Ortsangabe hinzugefügt. Und die Meldung wird mal schnell nicht nur an meine Freunde gepostet – sondern auch an die Freunde von Freunden. Oder an alle.

Ständiges Update-Wirrwarr: Irgendwas ist immer

Überhaupt ist das Dein größtes Problem: Die große Ungewissheit, wer eigentlich was sieht. Du sprichst davon, die Dinge einfach zu machen, davon, dass die Nutzer mehr Kontrolle über die Inhalte, die sie teilen, bekommen sollen. Doch die Realität sieht zunächst anders. Komischerweise sind seit dem letzten Update mehr Inhalte öffentlich geworden. Warum? Weil die meisten Nutzer schlicht nicht mehr den Durchblick haben und einen Haken mal wieder an der falschen Stelle setzen. Zack, alles öffentlich. Passt ja.

Facebook, so geht’s nicht weiter. Ich fühle mich schlicht an der Nase herum geführt. Alle paar Monate dasselbe Theater. Ortsangaben hast Du jetzt mit den Markierungen verknüpft. Weil ich nicht will, dass ich von allen markiert werde, können mich andere auch nicht mehr einchecken. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Oder die Sichtbarkeit von Pinnwand-Einträgen: Lässt sich nicht mehr personalisieren. Und so weiter und so fort. Irgendwas ist immer. Anders. Neu. Unlogisch. Sogar die Bugs häufen sich. Mails sind Glückssache heute. Benachrichtigungen darüber kommen nicht an, mal leuchtet der Maileingang, mal nicht. 

Facebook, Du hast mir den Spaß genommen an der Interaktion

Letzten Sommer saß ich, der Hemingway-Fan, der ich bin, an einem tollen Juliabend vor Le Deux Magots in Paris und wollte mich einchecken, ein eitler Gedanke klar, aber so was gefällt Dir doch: den Poser in uns zu wecken. Dumm nur: Es funktioniert so einfach nicht mehr. Ich habe darüber nachgedacht, dass dieser Checkin nicht für jeden öffentlich sein solle, sondern nur für bestimmte Freunde, dachte dann an die Vorwoche, als trotz Filter-Liste für alle wieder alles zu sehen war – und mich Kollegen am nächsten Morgen gefragt haben: Was hast Du eigentlich gestern noch um halb zwei in der Rehbar gemacht? Tja.  
 
Muss dieser Checkin sein, fragte ich mich also? Will ich das wirklich teilen? Dasselbe mit den Urlaubsbildern. Und dasselbe mit dem Statusupdate. Ich feuere nun nur noch belangloses Zeug heraus, das mich so langweilt, dass ich es auch gleich bleiben lassen kann. Und das habe ich dann: es schlicht gelassen. Du hast mir den Spaß genommen an der Interaktion, Facebook – und das ist das Schlimmste, was ich über Dich sagen kann, denn wir sind ja zum Spaß zusammen, Du und ich, oder?

Ja klar, Du wendest ein, dass jede und jeder seine Privatsphäre schützen kann, wenn denn der Klick an der richtigen Stelle gesetzt ist. Aber warum gibt es bei Dir bei den Privatsphäre-Einstellungen (schon der Plural ist verdächtig) diese ganzen schier undurchschaubaren Listen, die länger sind als meine Steuererklärung, warum ändert sich das alle paar Monate, warum raubst Du uns Stunden um Stunden unserer kostbaren Zeit und hinterlässt trotzdem ein ungutes Gefühl, dass man Ende doch alles öffentlich ist, wie Du Dich ja schon mal vor einem Jahr in einem unbedachten Moment verplappert hast.

Ich hab einfach die Nase voll davon, dass ich alle paar Monate neu lernen soll, wo ich den Haken  bei den Privatsphäre-Einstellungen setzen soll. Ich habe inzwischen aber auch viel zu viele Business-Kontakte, als dass ich diese ständigen Änderungen ignorieren könnte und so bin ich doch alle paar Monate gezwungen, Deine Spielchen mitzuspielen.

Allgegenwärtiges Facebook: Nachricht nicht mehr löschen, Freunde nicht ablehnen

Manchmal denke ich, Du bist schlicht größenwahnsinnig geworden, weil Du bald eine Milliarde Freunde hast. Wie schön für Dich. Du nimmst Dir inzwischen ganz schön viel raus: Erziehst uns in unseren Gewohnheiten, machst uns zum Teil eines sozialen Experiments, bei dem Gelerntes auf den Müllhaufen des Internets geworfen wird. "Move fast and break things", hast Du ja mal gesagt. Nichts weniger als die Umdefinierung aller Werte und Normen ist wohl das Ziel. Freunde können wir nicht mehr ablehnen – die Anfrage wird auf "später" verschoben. 

Nachrichten können nicht mehr gelöscht werden – sie werden archiviert. Weißt Du, wie surreal ist das? Jede Mail auf meinem Provider ist löschbar. Nicht bei Dir! Du konfrontierst mich so ständig mit meiner Vergangenheit. Immer wieder hältst Du mir den Spiegel vor, was ich wem einmal wann geschrieben habe. Selbst Chat archivierst Du haarklein! Das ist so, als würde mich ein letzter Satz an einen Kollegen vorm Einsteigen in die S-Bahn für immer verfolgen. Abgesehen davon, wie fragwürdig das aus Datenschutzgründen ist: Die Vergangenheit ist plötzlich unlöschbar geworden.

Facebook, das kann nicht das echte Leben sein. Glaubst Du, Du bist größer als das Leben? Sogar Freundschaftsvorschläge von verstorbenen Personen, deren Adresse Du aus meinem Mail-Account hast, tauchen immer wieder bei mir auf – Jahre später. Diese Menschen können sich nicht mehr wehren – das Facebook-Profil hat sie überlebt. Das mag zwar rechtlich unanfechtbar sein, es hinterlässt dennoch einen ganz bitteren Beigeschmack bei mir.

Was passiert eigentlich mit meinem Profil, wenn das nächste Flugzeug abstürzt? Möchte ich mit meinen letzten Einträgen für alle Zeit so in Erinnerung bleiben? Soll ich mir darüber in einem Testament Gedanken machen und posthume Worte formulieren, weil es das ist, was die digitale Welt am sichtbarsten von mir erinnern wird? Ich finde das extrem gruselig. 

Aber das ist wahrscheinlich viel zu esoterisch für Dich. In den letzten Monaten hatte ich immer öfter den Eindruck, es geht Dir eigentlich in erster Linie um etwas anderes: Du willst Geld mit Deinen Freunden verdienen. Ich weiß, das wollen in Deiner Branche alle, aber bei Dir wird es immer offenkundiger und die Details immer schmutziger: Du führst beim Upload meiner Bilder eine automatische Gesichtserkennung durch. Du hast eine Datenbank mit den biometrischen Merkmalen der Nutzer angelegt. Und sogar im Offline-Modus verfolgst Du meine Aktivitäten. Facebook, das ist schäbig. Du bist so ein Kontrollfreak geworden!

Der Traum der einen Welt: Ein Land, ein Freund

Ok, durchatmen. Ich will auch nicht alles schlechtreden. Ich weiß auch: Wir hatten gute Jahre. Ich werde Dir ewig dankbar sein, dass Du alte Bekanntschaften in mein Leben zurückgeholt hast, ehemalige Klassenkameraden, vergessene Weggefährten, sogar die eine oder Ex-Freundin taucht wieder auf – warum auch nicht, wir sind ja erwachsen geworden.

Noch besser: Du hast mich mit der Welt da draußen verbunden, meine 400+ Freunde reichen von Albanien bis nach Venezuela. So hab ich mir als kleines Kind einmal die Welt vorgestellt: Einen Freund in jedem Land, das wär’s. War möglich mit Dir. Vor ein paar Jahren. Heute aber ist alles anders. Netzwerke wurden aufgelöst, geografische Grenzen gezogen, eine Suche nach Nationalitäten, Städten oder Alter aufgegeben.

Wenn ich über die Krise nachdenke, in der sich unsere Beziehung unzweifelhaft befindet, frage ich mich natürlich, wann es angefangen hat. Wann gab es den ersten Knacks, wann die ersten Entfremdungen?

Twitter und Foursquare keine Konkurrenz – aber Google+?

2009 habe ich die ersten Risse bemerkt. Twitter war keine Konkurrenz, die war mir zu einsilbig. Ich bin ein visueller Mensch. Und ein kommunikativer. Ich brauche Bilder, ich brauche mehr als 140 Zeichen. Twitter war keine Gefahr für Dich. Nicht mal eine Affäre war das. Eine kurze Schwärmerei, eine Erinnerung, dass es noch etwas anders gibt außer Dir.
2010 ging es auch noch gut. Da wurde ich zwar unzufriedener mit Dir, aber Du hast immer wieder, wie das so Deine Art ist, ein paar Asse aus dem Ärmel geschüttelt. Den Like-Button etwa. Smarter Schachzug. Vorlaute Wichtigtuer wie Foursquare, die ein paar Wochen wie eine läufige Hündin die Social Media-Szene verrückt gemacht haben,  hast Du eiskalt ausgekontert. Die Places-Checkins waren Deine Antwort, der Prankenhieb eines Löwen. Seitdem ist Foursquare nicht mal mehr gut für einen One-Night-Stand, Pardon, -Checkin.   

Aber jetzt hab ich eine kennengelernt, die Dir gefährlich werden könnte. Ich hoffe das zumindest, vielleicht änderst Du Dich dann noch. Dass ich mich immer öfter auf und mit Google+ herumtreibe, hast Du ja mitbekommen. Ich kann noch nicht sagen, ob das was Ernstes ist mit mir und ihr. Sie ist ziemlich seriös und kommt aus einem guten Haus. Vielleicht ist mir das auf Dauer zu spießig, aber wenigstens weiß ich, woran ich bin.

Erkaltete Liebe: Wohngemeinschaft statt Leidenschaft

Das weiß ich bei eben leider nicht mehr, Facebook. Und das macht mich ziemlich traurig. Ich sage nicht, dass es zu Ende ist mit uns. Ich weiß selbst, dass ich noch nicht reif für eine Trennung bin. Vier Jahre sind eine lange Zeit. Ich bin ja ziemlich sentimental in solchen Dingen.

Aber ganz ehrlich Facebook, so geht’s nicht weiter. Du musst Dich ändern, wenn Du User der ersten Stunde nicht verlieren und nur noch von neu zugezogenen Langweilern bewohnt werden willst, mit denen Du alles machen kannst. Hierin allerdings steckt der Keim des Untergangs. Na klar, kommst Du damit noch ein paar Jahre durch. Du bist die Nummer eins, Du bist das P1 unter den Netzwerken: In ist, wer drin ist. Noch geht das gut.
So lange, bis in ein paar Jahren der nächste Mark Zuckerberg kommt und mit so viel Chuzpe ein neues Facebook aus dem Boden stampft, das deine Luxusvilla alt aussehen lässt. So lange bleib ich bei Dir auf Bewährung. Lass es uns bis dahin mit einer Wohngemeinschaft versuchen. Liebe ist was anderes.

So long, Facebook. Und denk mal drüber nach.

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