Web-K(r)ampf: Spiegel irrlichtert durchs Netz

Der Zeitpunkt passt: Seit vergangener Woche ist der Facebook-Börsengang fixiert, die Vorlage für einen neuen Internet-Titel beim Spiegel ist entsprechend groß. Diesmal steht nicht nur das Social Network im Mittelpunkt, sondern auch die Rivalen, die die zukünftige Web-Macht Facebook herausfordern: Apple, Google und Amazon. Die Story ist interessant: Leider aber verliert die Titelgeschichte zu sehr die wirtschaftlichen Verhältnisse aus dem Auge und erliegt erneut dem Pathos des vorschnellen Abgesangs.

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Der Zeitpunkt passt: Seit vergangener Woche ist der Facebook-Börsengang fixiert, die Vorlage für einen neuen Internet-Titel beim Spiegel ist entsprechend groß. Diesmal steht nicht nur das Social Network im Mittelpunkt, sondern auch die Rivalen, die die zukünftige Web-Macht Facebook herausfordern: Apple, Google und Amazon. Die Story ist interessant: Leider aber verliert die Titelgeschichte zu sehr die wirtschaftlichen Verhältnisse aus dem Auge und erliegt erneut dem Pathos des vorschnellen Abgesangs.
Der große Showdown wirft seine Schatten voraus: Facebook geht nächstes Jahr an die Börse und dürfte aus dem Stand 100 Milliarden Dollar wert sein – und sich damit zwischen Amazon (90 Milliarden Dollar Börsenwert) und Google schieben (200 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung).
Alle drei Internet-Champions konkurrieren unterdessen nicht nur miteinander – sondern fordern zugleich den wertvollsten Technologiekonzern der Welt heraus: Apple, das mit seinen "Handschmeichlern und Wunderflundern" (gemeint sind iPhone und iPad) das Internet erst in die Westentasche gebracht und damit maßgeblich den Aufstieg von Google, Facebook und Amazon ermöglicht hat.
Kampf um die Ideale und Ideologien der Zukunft?
"Alle gegen alle" heißt also das Motto der "Fantastischen Vier", so der Titel des neuen Spiegels: "Zwischen allen vier Riesen tobt ein Verdrängungswettbewerb, der aus dem Quartett bald ein Trio machen könnte. Oder ein Duett, ein Solo. Vielleicht taucht auch plötzlich aus dem Nichts ein Fünfter auf. Es ist ein Markt, in dem nichts sicher ist und alle irgendwie auch Getriebene sind. Jeder Jäger ist auch ein Gejagter“, ist sich der Spiegel sicher.
Es geht also nicht weniger als um alles: Google greift Apple mobil an, Amazon reitet seine Attacke auf dem Tablet-Markt, während Facebook im Web immer größere Kreise zieht und damit durch die Hintertür alle Player attackiert. Das Hamburger Nachrichtenmagazin hebt den Vierkampf sogar in höhere Dimensionen: "Der Kampf der vier ist nicht einfach nur ein Ringen von Konzernen um die Spitze, wie es in jeder Branche vom Softdrink bis zum Maschinenbau üblich ist. Es geht vielmehr darum", sinniert der Spiegel, "was das Internet mit unserer Kultur und unseren Köpfen macht, welche Ideale in Zukunft gelten – und welche Ideologien."
US-Web-Quartett: "Wiedererstarken amerikanischer Dominanz"
Hierin liegt ein Missverständnis der Titelgeschichte: Der Spiegel stilisiert den Vierkampf zu schnell ins Politisch-Philosophische und verklärt die US-Web-Quadriga gar zum Symbol des "Wiederstarkens amerikanischer Dominanz".  So gern die PR-Abteilungen der digitalen Riesen ihre Produkte auch mit einer Botschaft versehen mögen und Konzernchefs bei Produktlaunches um Deutungshoheit ringen – natürlich geht es Tim Cook, Larry Page, Jeff Bezos und Mark Zuckberg in allererster Linie um erzkapitalistische Werte: nämlich schlicht um die Maximierung ihres Profits, anders funktioniert ihr Geschäftsmodell in der quartalsgetriebenen Welt der Wall Street nämlich nicht.
Tatsächlich ist der Aktienkurs der eigentliche heilige Gral, der das Handeln der Internet-Giganten so maßgeblich bestimmt wie nichts anderes. Analystenprognosen beim iPhone-Verkauf leicht verfehlt? Zack – 25 Milliarden Dollar weg, die Apple-Aktie stürzt stärker ab als am Todestag von Steve Jobs. Jahresprognose kassiert? Amazon erleidet nach Handelsschluss einen 18-prozentigen Einbruch. Wall-Street-Schätzungen überboten – Googles Aktie haussiert mal eben um 60 Dollar. Der enorme Aufstieg der Internet-Superstars zu den größten Konzernen unserer Tage wurde erst an der Wall Street zementiert.
Von Äpfeln und Birnen: Apple verdient sechzigmal mehr als Amazon
Doch hierin offenbaren sich ganz eklatante Unterschiede zwischen den vier sehr ungleichen Rivalen, die der Spiegel in seiner Titelgeschichte unterschlägt – Apple, der Ermöglicher "der totalen Mobilität"; Google, der ultimative Wissenskonzern; Amazon, der Verfügbarmacher, und Facebook, das der Spiegel ohne Ironie zum "größten Verein" der Welt erklärt, befinden sich trotz des Wettstreits nämlich längst nicht auf einer Stufe. Apple ist fast doppelt so viel wert wie Google, das doppelt so viel wert ist wie Facebook, das ohne Börsengang trotzdem schon mehr wert ist als Amazon.
Es ist nun nicht uninteressant, dass Amazon auf eine Marktkapitalisierung von 90 Milliarden Dollar kommt und Apple mit 360 Milliarden auf das exakt Vierfache. Allein die Relationen stimmen damit noch lange nicht. Amazon verdient dieses Jahr keine 500 Millionen Dollar (das ist soviel wie Yahoo und weniger als eBay), Apple hingegen wohl mehr als 30 Milliarden Dollar. In anderen Worten: Apples Gewinn liegt aktuell sechzigmal (!) höher als der von Amazon, der angeblich große iPad-Herausforderer. Was ist das denn für ein ungleiches Duell? Der Spiegel vergleicht hier Äpfel mit Birnen. Oder in den Dimensionen der deutschen Aktienmärkte – der Unterschied von Tom Tailor zur Telekom. 
Bewertungsunterschiede: Apple und Google günstig, Facebook und Amazon teuer
Wirklich dramatisch werden die Ungleichheiten der Web-Rivalen erst recht, wenn man nicht nur die Börsenwerte vergleicht, sondern die eigentlichen Erwartungen der Anleger. In keinem Satz erwähnt der sonst so penible Spiegel die extrem sportlichen Bewertungen von Amazon und Facebook, die mit Multiplen (Kurs-Gewinn-Verhältnis) von 100 bzw. 50 gehandelt werden, während sich Google und Apple mit KGVs von 10 bis 15 zufrieden geben müssen.
Warum das so wichtig ist? Weil sich die Herausforderer Amazon und Facebook nicht den Hauch eines Fehlers erlauben dürfen, ohne an der Wall Street brutal abgestraft zu werden. Und selbst wenn die Erfolgsstory wie im Falle Apples und Googles über Jahre ungebremst weitergeht, passt die Börse die Bewertungen mit sinkenden KGVs irgendwann an – würden Google und Apple so euphorisch wie Amazon und Facebook am Aktien- bzw. Sekundärmarkt bewertet, wären beide Player längst Billionen-Konzerne.
Spiegel: Apple ist die Vergangenheit…
Ironischerweise prophezeit der Spiegel mit aufreizendem Pathos diesen Abstieg ausgerechnet dem etabliertesten und mit Abstand am günstigsten bewerteten aller vier Player – dem aktuellen Champion Apple. Der Spiegel ist sich sicher: "Apple hat es schwer." Der Macintosh-Hersteller sei "zur Sensation verdammt" – was schon das Rekordjahr 2011 mit nur minimalen Produkt-Upgrades widerlegt: Sensationen waren iPad 2 und iPhone 4S eher nicht, dennoch boomen die Geschäfte wie nie. Trotzdem glaubt der Spiegel: "Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Apple ohne seinen Gründer und Ideengeber (Steve Jobs) nicht mehr zurechtkommt und man schon in ein paar Jahren von Apple nur noch in der Vergangenheitsform redet."
Das Hamburger Nachrichtenmagazin sieht Apple daher schon allen Ernstes in einer Reihe mit Yahoo, Netscape, AOL und MySpace! Um dann sogar beim Selbstzitat zu patzen: "Computer-Gigant IBM über alles in der Welt, titelte der Spiegel 1986", so die Abgesangs-Analogie auf Big Blue. Ärgerlich nur: IBM ist heute nach Apple der zweitwertvollste Tech-Konzern der Welt (und damit mehr wert als Google, Facebook oder Amazon), der vorgemacht hat, wie ruhmreich die Zukunft auch ohne seinen Über-CEO Lou Gerstner sein kann. Warren Buffet investierte gerade erst zehn Milliarden Dollar zu Höchstkursen in den Dow Jones-Konzern  – schlechter könnte ein Beispiel nicht gewählt sein.
…Facebook die Zukunft
Und gewagter die These von der Zukunft des Internet auch nicht: So glaubt der Spiegel, es spreche vieles dafür, dass Apple "die beste Zeit bald hinter sich hat und dass sich in den nächsten Jahren ein anderer Akteur an die Spitze des Quartetts setzen wird: Facebook." Das weltgrößte Social Network, so folgert der Spiegel, "ist keine Internetfirma, sondern ein Quasi-Staat im Internet. Eine Zuckerberg-Republik."
Die Kehrtwende an der Ericusspitze überrascht: Keine elf Monate ist es her, als die Hamburger nach dem Goldman-Sachs-Investment ganz kräftig gegen "den Datensammler mit dem Gefällt mir-Schaltknopf" lederten: "Sagenhafte 450 Millionen Dollar zahlte vor wenigen Tagen die US-Bank Goldman Sachs für einen Anteil von gerade mal 0,8 Prozent an Facebook", echauffierte sich Spiegel-Autor Manfred Dworschak noch im Januar in jener altbekannten Spiegel-Rhetorik, die für den hoch bewerteten Aufsteiger Facebook zunächst bestenfalls die Skepsis der alten Welt über hatte.
Zum Jahresende nun die 180-Grad-Wende: "Die Facebook-Manager sind clever", ist anerkennend zu lesen. Gelingt Zuckerberg, den der Spiegel überraschenderweise nun sogar  schon auf einer Stufe mit Steve Jobs sieht, noch die Einführung der eigenen Facebook-Währung, könnte der totale Triumph gelingen, glauben die Hamburger: "Was dem Facebook-Reich jetzt gefährlich werden könnte, ist nur noch ein Massenexodus der Einwohner, ein Ende à la DDR."
Womit es wieder ein bisschen politisch wird. Ein Blick auf die wirtschaftlichen Realitäten hätte dem Spiegel-Titel indes nicht nur an dieser Stelle gut getan: Facebook wird in diesem Jahr etwa ein ein Fünfzehntel des Gewinns von Google und kaum ein Dreißigstel der Profite von Apple aufweisen – da dürfte der Weg zur "Supermacht des digitalen Lebens" doch noch ein ziemlich weiter sein.

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