Zum Schluss ein Hauch von Anarchie

Schluss. Aus. Vorbei. Thomas Gottschalk hat tatsächlich seine letzte "Wetten, dass..?"-Sendung präsentiert. Und ganz am Ende dieser TV-Ära haben er und die Sendung sogar zu der Leichtigkeit zurückgefunden, die "Wetten, dass..?" in den besten Zeiten auszeichnete und die gute Fernsehunterhaltung ausmacht. Die letzte Show war noch einmal richtig gut - dank des glänzend aufgelegten Moderators, Michelle Hunziker und Gästen wie Günther Jauch, Lenny Kravitz und Karl Lagerfeld. Und eines Hauchs von Anarchie.

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Es gab skurrile Wetten (ein Kandidat erkannte Klospülungen am Geräusch), sportliche Wetten (fast 50 Turner sprangen mit Salto auf einen kleinen Tisch) und sogar noch einmal eine spektakuläre Sportwette, bei der ein Mountainbiker ein Rennen gegen einen Snowboarder fuhr. Es war im Prinzip eine stinknormale "Wetten, dass..?"-Sendung, aber eine gute.

Das ZDF zeigte diesmal auch das berühmte Warm-up, bei dem Gottschalk einige Minuten vor Show-Beginn das Publikum im Saal einstimmt. Es hieß immer, er sei da noch viel besser als in der Show selbst: witziger, spontaner. In der Tat: Wie er einen kleinen Jungen auf die Bühne holte und ihm erklärte, dass es eigentlich gar nicht so schwer sei, das alles zu moderieren oder wie er die versammelten grauen Herren vom ZDF-Intendanten bis zum namenlosen Fernsehrat so mit sanftem Spott bedachte, dass diese sich bewienert fühlten – das war alles so locker aus dem karierten Ärmel geschüttelt, dass man mal wieder erkannte, warum Gottschalk ein wirklich großer TV-Showmaster ist.

"Die da im Saal sitzen, die darfst du nicht vergessen", sagte er zu dem kleinen Jungen und gab damit wohl einen Teil seines Erfolgsgeheimnisses preis. Gottschalk hat die Gabe, auf ganz natürliche Weise den Draht zum Publikum zu finden und dem Druck der Millionen-Einschaltquote und der von Kritikern und Medien herbeifantasierten Bedeutung dieser Show zu widerstehen. Hans Joachim Kulenkampff soll mal gesagt haben, dass er gar kein Millionenpublikum unterhalten müsse. Er müsse es nur zwei drei Leutchen gut unterhalten, die daheim vor dem Fernseher sitzen. Diesen Ratschlag von Kuli hat Gottschalk – bewusst oder nicht – verinnerlicht.

Die Abschiedsshow stellte seine Qualitäten noch einmal unter Beweis. Der Druck war weg. Gottschalk machte sich über sich selbst lustig, über seine Tatschereien bei weiblichen Gästen, über das ZDF, seine Klamotten, Michelle Hunziker – über alles. Dass er dabei Gäste hatte wie seinen alten Freund und Weggefährten Günther Jauch kam gerade recht. Dem schwatzte er als Wetteinsatz auf, dass er eine alte Klamotte mit Leopardenschuhen bei seiner nächsten Sendung tragen muss. Dass gar keine Wette verloren ging – piepegal.

Dass Gottschalk die stellenweise verwirrt dreinblickende US-Schauspielerin Jessica Biel zwischendurch Jennifer nannte und auch nicht wusste, ob deren und Til Schweigers Film jetzt "aus England oder Amerika" kommt und wer welche Rolle spielt – egal: Seine Nicht-Vorbereitung ist schon legendär. Es lag ein lange vermisster Hauch von Anarchie und Egal-Stimmung über dieser Show, und das war gut so. Das nahm dem ganzen Popanz vom großen "Wetten dass..?"-Altar, den Heiligenschein und Bierernst und führte die Sendung wieder zurück zu dem, was sie war: pure Unterhaltung.

Dabei kam es zu wunderbaren Momenten. Zum Beispiel als Karl Lagerfeld auf seine neue Kleider-Kollektion für die Kaufhauskette Breuningerland angesprochen, losschwatzte, dass er den Namen Breuninger nie gehört habe. Er kann sich halt nicht alles merken, er macht ja so viele Firmen-Kooperationen. Da konnte sich auch Günther Jauch vor Lachen kaum auf dem Sofa halten. Oder Gottschalks Gesicht, wenn Charme-Bombe Michelle Hunziker am Ende sagte "Wir alle haben immer deine Würstchen gesehen" (sie meinte wohl, dass Gottschalk hinter der Bühne gerne Wiener Würstchen schnabulierte).

Die Sendung war wahrscheinlich nur darum so leichtfüßig, weil es eben die letzte war. Der Zauber des Abschieds lag über Allem. Ganz zu Schluss richtete Gottschalk noch ein paar Worte an sein Publikum. Er bedankte sich artig und bekannte, wie immer im Leben, habe er sich auch auf diesen Moment nicht richtig vorbereitet. Und so hat er seine letzte große "Wetten dass..?"-Sendung moderiert. Ohne Kärtchen. Ohne Vorbereitung. Aber mit großem Können.

Am Ende umarmten sich die beiden Freunde Gottschalk und Jauch. Der sagte, er werde den Anzug in seiner nächsten Sendung tragen. Wahrscheinlich werden ihm die Leopardenschuhe von Thomas Gottschalk ein paar Nummern zu groß sein. So wie jedem anderen auch.

PS: Dass das ZDF dauernd die im Publikum sitzende Andrea Kiewel eingeblendet hat, war hoffentlich kein böses Omen.

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