Fußball-„Tatort“ steigt mit Zwanziger ab

Und schon wieder ein Fußball-Krimi: Nachdem Theo Zwanziger bereits den Hannoveraner "Tatort" zum Thema Homophobie in der Profi-Liga anregte, hat der DFB-Präsident auch in der Episode "Im Abseits" aus Ludwigshafen seine Finger mit im Spiel. Thema diesmal: Frauenfußball und seine Abgründe. Zwanziger steht sogar mit vor der Kamera und hält eine Trauerrede auf die ermordete Nationalspielerin Fadime Gülüc. Doch das ist nur eine der vielen Szenen, die den Krimi um Lena Odenthal und Mario Kopper nicht besser machen.

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Die Frauenfußballmannschaft des FC Eppheim steht kurz vor der Meisterschaft, da wird ihr angehender Superstar Fadime Gülüc (Filiz Koc) ermordet. Die aus der Türkei stammende Spielerin wurde in den Umkleidekabinen des Vereins erschlagen, nachdem sie zuvor auf den Wunsch ihres Managers Klaus Meingast (Bern Gnaan) zu Marketingzwecken ein sexy Fotoshooting in Reizwäsche über sich ergehen lassen musste.

Jeder aus ihrem Umfeld hätte ein Motiv: Sonja Tossik (großartig: Pheline Roggan), Fadimes Konkurrentin, ist schon lange auf ihren Rang als Vereins-Aushängeschild eifersüchtig, weil sie – anders als Fadime – versucht, nicht durch ihr Aussehen sondern durch hartes Training zu überzeugen. Das weiß auch Trainerin Petra Krömer (Susanne-Marie Wrage), die Fadime auf die Ersatzbank gesetzt hat, weil sie Unruhe in die Mannschaft bringt. Und dann wäre da noch Klaus Meingast, der sich aus Ärger über Fadimes Pläne, in die amerikanische Profiliga zu wechseln, rächen könnte.

Doch nicht nur im Verein könnte der Mörder lauern. Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Mario Kopper (Andreas Hoppe) ermitteln auch im familiären Umfeld von Fadime. Während ihr Vater sich über die Jahre mit der Leidenschaft seiner Tochter angefreundet hat, hat es Mutter Irem (Siir Eloglu) nie akzeptiert, dass Fadime kein türkisch-traditionelles Leben führt. Auch Fadimes Ex-Verlobter (Constantin von Jascheroff) könnte sie umgebracht haben. Sie trennte sich von ihm, um sich ganz auf ihre Profi-Karriere konzentrieren zu können…

Die Ansammlung der Verdächtigen ist so zahlreich wie die Episode "Im Abseits" an Klischees bereithält: Frauenfußball lässt sich am besten über den Sex-Faktor verkaufen, ist in der muslimischen Welt noch nicht angekommen und "Frauenfußball, das ist wie Kreisliga bei den Männern" (Zitat Mario Kopper). Der "Tatort" aus Ludwigshafen will die ganze Palette an peinlichen Vorurteile erzählen und inszeniert das Ermittlerteam dabei in Pro (die bemühte Odenthal) und Contra (der coole Copper) Frauenfußball. Kein Wunder, ist Ulrike Folkerts auch im richtigen Leben als Unterstützerin der "Top 11 für 2011" tätig, die für die Frauen-WM in Deutschland wirbt. Und so kommt es in manchen Dialogen der beiden eben auch als reinstes PR-Gequassel rüber, wenn Odenthal mal wieder gegen Macho Kopper für die Frauenrechte an dem Männersport Nummer Eins plädiert. Klar, der "Tatort" will wohl die Werbetrommel für die Frauenfußball-WM im eigenen Land rühren. Aber muss es so offensichtlich sein?

Wäre das noch nicht zuviel des Guten, muss noch ein Gastauftritt von DFB-Präsident Theo Zwanziger und seiner Crew her. Er war es auch, der laut Pressemappe "bei Kaffee und Kuchen" Ulrike Folkerts einen Episode anlässlich der Frauen-WM vorschlug. Damit konnte Zwanziger bereits nach dem Fußball-Krimi aus Hannover, der Homophobie im Fußball zum Thema hatte, zum zweiten Mal an der ARD-Reihe mitwirken – diesmal sogar vor der Kamera. Eine Versuchung, der der 66-Jährige besser widerstanden hätte, denn so wird der Zuschauer Zeuge folgender Szene: Zwanziger sitzt mit Jogi Löw, Oliver Bierhoff, Steffi Jones und Celia Okoyino da Mbabi in einer Besprechung. Ein Telefongespräch wird für ihn durchgestellt. Zwanziger nimmt den Hörer ab. "Nein! Sag, dass das nicht wahr ist!", so seine Reaktion. Zurück am Besprechungstisch dann die emotionslose Nachricht. "Fadime ist tot." Löw und Bierhoff bemühen sich um betroffene Gesichter. Celia Okoyino da Mhabi bricht in Tränen aus. Jones: "Theo, lass uns nach Eppheim fahren." Und so kommt es dann auch. Zwanziger hält vor der Mannschaft eine Trauerrede, und Celia Okoyino da Mhabi gibt den Schlachtruf: "Für Fadime holen wir den Weltmeistertitel!"

Die Szenen mit der DFB-Prominenz verleihen dem Krimi zwar eine gewisse Authentizität, sind jedoch absolut unterirdisch gespielt und knüpfen an das Niveau der schauspielerischen Qualitäten von Ex-Nationaltrainer Berti Vogts an, der 1999 eine Gastrolle in der Krimireihe hatte. Man erinnere sich noch an seinen legendären Satz: "Gib dem Kaninchen eine Extra-Möhre. Es hat uns das Leben gerettet." Während dieser Auftritt zum Kult wurde – wenn auch auf Kosten von Vogts –, wird die Laienschauspielschar des DFB ob ihrer schauspielerischen Qualitäten schnell in Vergessenheit geraten. Das wäre für Zwanziger und Co. das beste, um einen größeren Imageschaden abzuwenden.

Mit der Episode "Im Abseits" hat sich keiner der Krimi-Beteiligten (Drehbuch: Jürgen Werner; Regie: Uwe Janson) einen großen Gefallen getan. Obwohl die pure Story (Fußballspielerin wird in Umkleidekabine nach sexy Fotoshooting erschlagen; es werden Pläne bekannt, sie wolle in die Profiliga der USA wechseln) durchaus Potenzial hätte, wird sie mit der Besetzung einer Deutsch-Türkin überflüssig bedeutungsschwanger. Die Kameraperspektiven wechseln von nah nach fern und umgekehrt, das war’s dann aber auch. Hier und da hätte man noch ein paar Kicker-Szenen einfließen lassen können, um den Sport an sich auch zu präsentieren. Schließlich weiß Filiz Koc was sie da tut: Die 24-Jährige ist ehemalige Nationalspielerin der Türkei und spielt nun in der Regionalliga Nord beim TSV Havelse. 

Wer "Tatort"-Kenner ist, weiß nach spätestens 30 Minuten, wer der Täter ist. Und das ist auch das Traurige an diesem Krimi. "Im Abseits" will zuviel erzählen, kratzt aber doch nur an der Oberfläche und versucht mit dem lächerlichen Auftritt der DFB-Prominenz die Episode aufzuwerten. Hätte doch jemand von ihnen Fadime erschlagen – das wäre zwar absurd gewesen, hätte den Zuschauer aber für die vergeudete Spielzeit des Zwanziger Teams entschädigt.

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