„Entsetzen über die seltsam fremden Mörder“

Mit der Aufdeckung der Zwickauer Nazi-Zelle wurde der Begriff "Braune Armee Fraktion" vom Spiegel geprägt, um Parallelen zur RAF aufzuzeigen. Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen sieht keine Gemeinsamkeiten zwischen den Terror-Gruppen. Anders als bei der RAF gebe es jetzt "auch von Seiten der Berichterstatter nicht den Hauch von Faszination, nicht die leiseste Sympathie". Im MEEDIA-Interview beschreibt er, was Journalisten aus dem aktuellen Fall lernen können: Gewalt weniger klischeebeladen zu beobachten.

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Herr Pörksen, im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Mord-Serie der Zwickauer Nazi-Zelle fiel schnell der Begriff „Terrorismus“. Der Spiegel titelte „Die braune Armee-Fraktion“, um auf Parallelen zum organisierten Linksextremismus hinzuweisen. Während die RAF stark über die Propaganda der Tat und ihre Bekennervideos ihre so genannte Medienarbeit gestaltete, ging die Zwickauer Zelle nicht in die Offensive. Das Bekennervideo wurde nicht veröffentlicht, auch die Todesliste unter Verschluss gehalten. Was haben beide Gruppierungen in ihrer Kommunikationsstrategie dennoch gemein?
Ich sehe beim besten Willen keine Gemeinsamkeiten. Die Terroristen der RAF hatten im Gegensatz zu der Killerbande aus Zwickau von Anfang an eine klar erkennbare Kommunikationsstrategie, die auf die gruppenexterne Wirkung zielte. Man hat die Medien mit einem hohen Maß an Berechnung für die eigenen Zwecke instrumentalisiert, Prominente für sich eingespannt, die eigene Szene gezielt mit Propagandabildern und immer neuen Horrornachrichten aus Stammheim versorgt und exzessiv Bekenner-Schriften produziert – dies mit dem Ziel, andere für sich einzunehmen und die Zustände in der Bundesrepublik möglichst effektiv zu skandalisieren. Schon das Logo – der fünfzackige Stern mit Maschinenpistole und Schriftzug – stammt im Übrigen von einem professionellen, ansonsten für Werbeagenturen arbeitenden Graphiker, dem man viel Geld dafür bezahlt hat. Es handelte sich um eine Auftragsarbeit. Ganz anders hingegen die Neonazis, die nun als "Braune Armee Fraktion" etikettiert werden: Hier fehlt jedes Indiz eines gruppenexternen Wirkungswillens. Das sogenannte Bekennervideo ist eine ekelhafte, infantile Spielerei, das sich über die Ermordeten und die Hilflosigkeit der Fahnder lustig macht – und erst nach dem Auffliegen der Gruppe verbreitet wurde. Im Grunde feiert man hier nur die eigene Raffinesse, will im Zweifel die hässliche Provokation, nicht aber die Indoktrination. Das heißt: Das Erschreckende ist im Falle der Rechtsterroristen nicht die Instrumentalisierung der Medien, sondern der Grad der ideologischen Selbstisolation. Man sucht keine Nähe und keinen noch so brüchigen Konsens mit einem größeren Kreis möglicher Sympathisanten, sondern signalisiert maximale Distanz. Auf die Kommunikation mit Anderen oder gar Andersdenkenden scheint man gar nicht mehr angewiesen. Es sind stumme Fremde, die einem hier aus den Medien entgegen treten. 

Stimmen Sie der These zu, dass die Medienarbeit der rechtsextremistischen Gruppe nun von der Presse übernommen wird?
Nein – auch wenn einen natürlich jeder Akt der Berichterstattung über Terroristen in die Nähe eines kommunikativen Selbstwiderspruchs manövriert: Man macht das Abscheuliche bekannt, gibt ihm unvermeidlich, selbst bei heftigster Ablehnung, ein publizistisches Forum. Dieser Selbstwiderspruch ist aber nicht lösbar, es sei denn um den Preis einer Selbst- oder Fremdzensur, die niemand ernsthaft wollen kann. Die RAF hat es über Jahrzehnte vermocht, die journalistische Elite und die Linksintellektiuellen des Landes zu beschäftigen. Sie hat zur Produktion von ein paar Regalmetern Literatur angeregt; auch die Liebes- und Hassverhältnisse innerhalb der Gruppe sind inzwischen bis ins letzte Detail hinein ausgeleuchtet. Der potentielle Medieneffekt lief im Denken und Handeln der Linksterroristen immer schon mit – und sie haben, so zeigt sich in der Rückschau, korrekt kalkuliert. Von einer vergleichbar direkten Instrumentalisierung durch die neonazistische Gruppe kann keine Rede sein. Und es gibt auch von Seiten der Berichterstatter nicht den Hauch von Faszination, nicht die leiseste Sympathie. Vielmehr regiert allgemeines Entsetzen über die so seltsam fremden Mörder.

Ihre Dissertation haben Sie 2000 über die Medien und den Sprachgebrauch von Neonazis verfasst. Wie hat sich die Kommunikation über die Jahre verändert?
Was sich verändert hat, sind primär die Organisationsformen der Szene, nicht aber die Kommunikationsmuster. Man hat sich nach der ersten Welle von Parteienverboten zu Beginn der 90er Jahre in sogenannten Kameradschaften zusammen gefunden, neue bzw. eher von linksextremen Autonomen stammende Formen der Netzwerkbildung erprobt und systematisch die Nähe zur NPD gesucht. Geblieben ist die ideologische Kernsubstanz (die Verherrlichung des Nationalsozialismus, die Relativierung oder Leugnung der NS-Verbrechen, die Feindbildpflege, die Verschwörungstheorien, der Manipulationsverdacht etc.) und ein immer wieder zu beobachtendes Kommunikationsschema: Neonazis sind in ihren so unfertig, so unsystematisch und intellektuell konzeptionslos wirkenden Propagandaanstrengungen förmlich an die Wertungen ihrer Gegner gefesselt; ihre Themen werden, paradox genug, in extremer Weise von der demokratisch gesinnten Öffentlichkeit bestimmt.

Was heißt das konkret?
Das heißt, dass die Kommunikation einem einfachen Reiz-Reaktions-Muster gehorcht. Wenn man auf die Kriegsschuld der Deutschen hinweist, reagieren Neonazis mit dem Schlagwort von der Kriegsschuld-Lüge. Wenn die Öffentlichkeit an Auschwitz erinnert – Symbol für das Universum nationalsozialistischer Vernichtungslager – erfindet man die Auschwitz-Lüge. Man müht sich, Begriffe wie Völkermord, Holocaust, Pogrom oder Faschist zu besetzen – und investiert ein hohes Maß an verbaler Energie, um die eigene Gesinnung vom Stigma des Bösartigen und Verbrecherischen zu befreien, um so ihre Durchsetzung zu befördern. Diese Form der Kommunikation in den eigenen Mini-Medien und mehr oder minder konspirativ vertriebenen Schriften ist hochgradig berechenbar und stabil. Und sie ist überdies ein Beleg für einen massiv empfundenen Außendruck, der die Neigung zur spektakulären Kurzschlusshandlung und zum plötzlichen Ausrasten gewiss begünstigt. Neonazis sehen die demokratische Normalität als eine furchtbare Bedrohung.

Wie hat sich die allgemeine Berichterstattung über Rechtsextreme gewandelt?
Ich sehe keine große Veränderung. Die Berichterstattung regiert nach wie vor eine Art Stichflammen-Journalismus: Es sind die Extremwerte und die Schlüsselereignisse der Ausgrenzung und Verfolgung, die interessieren – der spektakuläre Wahlerfolg irgendeiner rechtsextremen Partei, der plötzliche Gewaltexzess, die pogromartigen Ausschreitungen, die alptraumhaft zufällig wirkende Attacke auf einen Unschuldigen, der einfach nur das Pech hat, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Plötzlich ist das Thema allgegenwärtig, bestimmt die Leitartikel, wird in den Talkshows der Republik diskutiert. Und plötzlich marschieren überall Skinheads mit Springerstiefeln durch die Nachrichtensendungen, werden die Demonstrationszüge von Neonazis gezeigt, um dann ebenso schnell wieder zu verschwinden – bis ein neuer Hype aus tragischem Anlass einsetzt. Man kann diesen oft erinnerungsschwachen Journalismus und diese Neigung zur empörungsstarken Ad-hoc-Reaktion kritisieren, aber mir fällt es schwer, hier in eine wohlfeile Medienkritik einzustimmen: Was sich am Extrembeispiel zeigt, ist eigentlich ein Stück journalistischer Normalität. Es ist das Korsett der klassischen Nachrichtenfaktoren, das hier wirksam wird. Allerdings wird uns die Berichterstattung über die Zwickauer Neonazis noch eine Weile begleiten, weil sich täglich Neues zeigt. Und noch ist nicht gänzlich absehbar, in welcher Weise V-Leute und andere Neonazis mit dem Trio in Kontakt standen und wie es möglich sein konnte, dass die Täter so lange unentdeckt morden konnten. 

Die Mord-Serie wurde in der Presse als „Döner-Morde“ bezeichnet, was den Eindruck hinterließ, die Täter seien türkische Kriminelle. Die Ermittlungsbehörden tappten lange Zeit im Dunkeln, ein rechtsextremistisches Motiv wurde ausgeklammert. Inwiefern trägt der Journalismus eine Verantwortung, die Ermittlungsarbeit nicht hinterfragt zu haben? 
Natürlich, man kann sich wünschen, dass einzelne Journalisten die Spuren gesehen hätten, die die Ermittler und V-Leute nicht sehen konnten oder wollten. Aber ich tue mich schwer, diese entsetzlichen Verbrechen durch schnell dahin gesagte Vorhaltungen zu kommentieren, weil man immer in den Geruch der nachträglichen Rechthaberei gerät und sich zumindest der Gefahr aussetzt, das Geschehen tagespolitisch zu instrumentalisieren. Was mich momentan umtreibt, ist die Überlegung, dass Gewalt in dieser Gesellschaft immer entlang von Klischees diskutiert wurde und wird – und dass manche Formen der Gewalt lange Zeit einfach unsichtbar waren, dass die Opfer keine Stimme hatten. Was ist damit gemeint? Ich würde sagen: Die letzten Jahre haben die gesellschaftlich verankerten Gewissheiten der Gewaltbeobachtung fundamental erschüttert und in den unterschiedlichsten Welten ein lange übersehenes Leiden offenbar werden lassen. Heute weiß jeder Zeitungsleser, dass es auch pädokriminelle Priester gibt, dass auch Star-Pädagogen in Missbrauchs-Skandale verwickelt waren und dass manche, wenn es ernst wird, Täterschutz betreiben und sich für unzuständig erklären. Und wir verstehen nach dem Ende der Killerbande von Zwickau allmählich, dass sich auch scheinbar tumbe Neonazis in konspirativ handelnde Rechtsterroristen verwandeln können. All dies schien lange Zeit schlicht unvorstellbar, galt doch die Gewissheit: Priester tuen so etwas nicht. Reformpädagogen stehen prinzipiell auf der richtigen Seite. Und wirkliche Terroristen liefern zumindest zeitnah ein Bekennerschreiben und investieren in die eigene Propaganda und eine ausgefeilte Strategie der öffentlichkeitsbezogenen Kommunikation. Der journalistische und der gesellschaftliche Lerneffekt könnte nun darin bestehen, dass Gewalt – wo immer sie auftritt – präziser und weniger klischeebeladen beobachtet wird und man genauer hinschaut und mehr sieht als zuvor.

Bernhard Pörksen, 42, ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Sein Buch „Die Konstruktion von Feindbildern. Zum Sprachgebrauch in neonazistischen Medien“ (VS Verlag für Sozialwissenschaften) ist 2005 in einer erweiterten Neuausgabe erschienen.

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