Springer beerdigt Web-Radiomat

Das Leistungsschutzrecht verpflichtet: Die Axel Springer AG stellt ihr Web-Projekt Radiomat ein, bevor es überhaupt "on air" gehen konnte. Über das Portal sollten Tausende von Radiosender-Streams aus der ganzen Welt verfügbar gemacht werden. Bereits im Sommer sollte der Radiomat live gehen, doch der Start wurde verschoben. Grund: Alle Sender sollten um ihre Zustimmung zur Nutzung der Streams gebeten werden. Der Rücklauf vor allem von Sendern außerhalb Europas reichte nicht, Marktführer zu werden.

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Den Ton gibt in Deutschland Radio.de an, ein Webradio-Portal des MediaLab, einer Tochter der Verlagsgruppen WAZ und Madsack. Radio.de wirbt damit, über 4.000 Senderstreams verfügbar zu machen. Neben klassischen Radiosendern werden auch reine Onlineradios erfasst. Wie Radio.de sollte der Radiomat Orientierung auf einem äußerst unübersichtlichen Feld bieten. Die Refinanzierung erfolgt über Werbeerlöse auf den Portalseiten. Eine Studie der Beratungsfirma Goldmedia kommt für das Jahr 2010 auf einen Netto-Werbeumsatz von gut zehn Millionen Euro, der mit Schaltungen auf den Seiten von Webradios und Portalen erwirtschaftet wurde. Die Prognose für 2015 liegt bei etwa 25 Millionen Euro Umsatz. Das erklärte Ziel von Springer sei es gewesen, "ein auf Anhieb klar marktführendes Webradio-Angebot zu starten", sagt Springer-Sprecher Christian Garrels. Startklar war der Radiomat bereits seit Monaten.   

Was hat das ganze mit dem Leistungsschutz zu tun? Springer ist neben anderen Verlagen ein Vorkämpfer für diesen angestrebten Schutz von Inhalten. Das (noch nicht eingeführte) Leistungsschutzrecht soll verhindern, dass Drittanbieter einen Inhalt ohne Zustimmung des originären Anbieters und Rechteinhabers verbreiten und für sich nutzen – über das reine Urheberrecht hinaus. Das "Abgreifen" eines Radiostreams ist technisch möglich, ohne den Anbieter um seine Zustimmung zu fragen – offenbar ist die Selbstbedienung durch Radioportale sogar nicht unüblich. Nur solche Streams werden dann wieder aus dem Angebot gelöscht, deren Anbieter ausdrücklich widersprechen. Den "Versuch einer Umstellung vom branchenüblichen Widerspruchs- auf ein Zustimmungsverfahren" nennt das Springer.

Doch: "Trotz aktivem Einwilligen vieler nationaler und internationaler Radiostationen konnten wir aufgrund des bürokratischen Aufwands innerhalb der vergangenen Monate leider nicht die von uns angestrebten mehreren tausend Zustimmungen weltweit einholen", sagt Garrels. In Deutschland und Europa sei der Rücklauf gut gewesen. Doch auf anderen Kontinenten haperte es offenbar mit dem Zustimmungsverfahren. In vielen Fällen kam oft gar keine Rückmeldung von angeschriebenen Stationen. Garrels: "Wir bedauern dies außerordentlich, da wir den Leistungsschutz von Inhalten, den wir für unsere eigenen Medienmarken einfordern, selbstverständlich auch bei anderen Anbietern anerkennen möchten. Unsere eigene Glaubwürdigkeit lässt hier jedoch auch bezüglich des Pilotprojekts Radiomat keinen anderen Schritt zu."

Zwei Erkenntnisse: Erstens muss Springer als lautstarker Vorkämpfer für das Leistungsschutzrecht sich penibel an die eigenen Grundsätze halten. Auch wenn es Usus sein sollte, Inhalte so lange zu nutzen, bis ein Widerspruch eintrudelt, war es folgerichtig, ein Zustimmungsverfahren einzuleiten. Zweitens: Der Gedanke eines Zustimmungsverfahrens ist offenbar noch so unüblich, dass viele Anbieter sich erst gar nicht die Mühe machen, auf Anfragen aus dem Ausland zu reagieren. Ein wirtschaftlicher Schaden würde ihnen allerdings so oder so nicht entstehen, die erweiterte Reichweite käme ihnen zugute. Denkbar und teilweise erprobt sind sogar Modelle, bei denen sich Radioportale und Anbieter von Streams Webeerlöse teilen. Was allerdings bisher fehlt, ist eine allgemein anerkannte Reichweitenwährung für Webradios.  

Bernhard Bahners, der Chef von Radio.de, sagt gegenüber MEEDIA, eine innovative Produktidee wäre "auch gut für die Gesamtentwicklung" des Geschäftsmodells gewesen: "Unser Ziel bleibt: einfach hören über die unterschiedlichsten Zugangswege." Im Oktober sei über 20 Millionen Mal ein Radiosender über Radio.de eingeschaltet worden – was einem Wachstum von 133 Prozent zum Vorjahreszeitraum bedeute. 

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