Guttenberg 2.0 – der runderneuerte Kandidat

Er ist ein bisschen fülliger im Gesicht, er hat keine Brille mehr, dafür eine neue Frisur und zeigt ganz viel Reue: Der wegen seiner in weiten Teilen abgeschriebenen Doktorarbeit gefallene Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg präsentiert sich im großen Zeit-Interview mit Chefredakteur Giovanni di Lorenzo als runderneuert und geläutert. Hinter der Fassade bleiben seine Argumente aber ganz die alten. Er habe zwar Fehler gemacht, aber es sein kein Betrug gewesen.

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Zu Guttenberg hat sich offenbar einiges gedacht bei seinem medialen Comeback. Da ist das Buch ("Vorerst gescheitert", Herder Verlag – man beachte das Wort "Vorerst"), das er zusammen mit Giovanni di Lorenzo kurz vor Weihnachten rausbringt, flankiert von der großen Zeit-Titelgeschichte. Parallel dazu kam die Nachricht, dass die Staatsanwaltschaft gegen eine Zahlung von 20.000 Euro an die Kinderkrebshilfe das Ermittlungsverfahren wegen Betrugsverdacht gegen ihn einstellt. Kurz zuvor ließ er sich in Kanada bei einer öffentlichen Diskussion blicken und die hiesigen Medien standen Gewehr bei Fuß. Ganz plötzlich ist er wieder da. Äußerlich ganz anders aber Innen noch der Alte.

Da ist zunächst einmal der Umstand, dass er sein Erscheinungsbild komplett verändert hat. Hier steht der “neue zu Guttenberg” könnte die Botschaft sein. Die Ereignisse hätten “Spuren” hinterlassen gibt er beim routinierten Medien-Beichtvater Giovanni di Lorenzo zu Protokoll. Eine “reizende indische Ärztin in den USA” habe plötzlich festgestellt, dass er auch ohne Brille gut sehen könne. Brille und Gel-Tube hat er abgelegt. Aber nicht seine Ansichten.

Im Gespräch mit der Zeit weicht er kein Jota von seiner früheren Verteidigungslinie ab. Es sei alles ein “ungeheuerlicher Fehler” gewesen, eine “Dummheit”, er sei “doof” gewesen und “chaotisch”. Er verweist auf die “Doppelbelastung” Familie und Doktorarbeit, auch “Hochmut und Eitelkeit” zieht er sich an. Aber Betrug? Nein! Alles, aber kein Betrug. Auch unter Eid und vor Gott würde er das bezeugen.

Interessant ist, dass zu Guttenberg in dem Interview sagt, die Staatsanwaltschaft habe festgestellt, dass er keinen Betrug begangen habe. Da muss man nun auf die Details achten. Die Staatsanwaltschaft hat immerhin 23 Passagen mit strafrechtlich relevanten Urheberrechtsverstößen in seiner Doktorarbeit gefunden. Das Verfahren wird nur eingestellt, weil kein großer wirtschaftlicher Schaden entstanden ist. Da wird die Argumentationskette zu Guttenbergs schon wieder ein bisschen, wie er sagen würde, chaotisch.

Di Lorenzo fragt beharrlich nach und deckt mit seinen Fragen Ungereimtheiten auf, die nach wie vor bestehen. “Sie sagen, sie hätten chaotisch gearbeitet. Aber ihre Arbeit ist flüssig geschrieben, systematisch gegliedert und eine schlüssige Argumentation. Von ihrem Doktorvater haben Sie dafür sogar die Bestnote bekommen. Wie passt das zusammen?”, fragt di Lorenzo an einer Stelle. Es ist eine Schlüsselfrage, denn natürlich kann es darauf nur eine Antwort geben: Es passt ganz und gar nicht zusammen.

Aber zu Guttenberg fabuliert etwas von Schwerpunktverlagerung, vom Detail zum großen Ganzen, von einem “unglaublichen Wust an fremden Fragmenten” und so weiter. Sein Königs-Argument am Ende ist: Wenn er wirklich hätte betrügen wollen, hätte er es geschickter angestellt. Das ist ein schwaches Argument, eigentlich eine inhaltliche Bankrott-Erklärung.

Bemerkenswert sind zudem die Stellen des Interviews, an denen zu Guttenberg über eine neue konservative Partei der Mitte räsoniert. Offenbar hat er sich sogar schon Gedanken über die Ausgestaltung eines Parteiprogramms gemacht: “Zum einen müsste man eine Programmatik so deutlich entwerfen, dass gewisse Randgruppen, aber auch notorische Querulanten überhaupt nicht auf die Idee kommen, mit der neuen Gruppierung zu kokettieren. Ein klares Bekenntnis zu Israel beispielsweise würde den rechten Rand wohl abschrecken. Zum anderen bräuchten Sie Köpfe, die für ein bestimmtes Denken stehen und über jeden Zweifel erhaben sind, mit tumbem Extremismus in Verbindung zu stehen.”

Sogar über einen Zeitplan hat er sich schon Gedanken gemacht. Auf die Frage “Halten Sie es für unwahrscheinlich, dass eine solche Partei noch vor den nächsten Wahlen gegründet wird?” sagt er: “Das halte ich angesichts des Organisationsaufwandes für unwahrscheinlich.” Bei der CDU/CSU werden sie das Interview mit dem runderneuerten Kandidaten mit großer Aufmerksamkeit lesen. Auch zwischen den Zeilen.

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