Die zehn größten Medien-Irrtümer 2011

Weil man aus Fehlern bekanntlich am besten lernt, hat die MEEDIA-Redaktion einige der großen Irrtümer bei den Medientrends 2011 herausgefiltert. Wo lagen die Branche und ihre Macher so richtig daneben, und was können wir alle daraus lernen? Sei es die Tablet-Gläubigkeit, die Heiligen Kühe Qualität und Glaubwürdigkeit, das Buzz-Word vom Data-Journalismus oder der angebliche Nutzwert von Medien-Kongressen. Wir präsentieren die aus unserer Sicht zehn größten Medien-Irrtümer 2011.

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Irrtum 1: Tablets sind die Rettung für Verlage

Der Enthusiasmus von Verlags-Managern für Tablet-PCs, vor allem für Apples iPad, war 2011 ungebrochen. Nach wie vor sind Medien-Apps absolute "Must-Have-Accessoires”, ohne dass man sich allzu tief schürfende Gedanken darum machen würde, was man damit eigentlich bewirken will. Es gilt die Devise: In ist, wer drin ist im großen App-Spiel. Leider folgt nach der ersten Begeisterungswelle oft eine gewisse Ernüchterung: Apps für Tablets sind noch weit davon entfernt, signifikante Umsatz-Beiträge zu erwirtschaften. Fraglich ist auch, ob sie das jemals können. Es gibt einige ermutigende Ansätze wie die Apps von Spiegel oder Bild, die regelmäßig in den Hitlisten der umsatzstärksten Apps auftauchen. Aber Regionalzeitungen wie die Frankfurter Rundschau oder der Tagesspiegel spielen in der App-Economy bislang keine Rolle. Egal mit wie viel Herzblut und technischem Sachverstand die Medien-Apps gestaltet wurden.

Was lernen wir daraus: Tablet-Computer werden die Verlage nicht retten. Es wäre zunächst einmal die Frage zu klären, ob Verlage überhaupt gerettet werden müssen. Vielleicht lernen wir aus der Ernüchterung, die 2011 auf die erste iPad-Euphorie folgte, dass es mehr auf die Inhalte selbst ankommt und weniger auf den Vertriebsweg oder eine schicke Multimedia-Verpackung.

Irrtum 2: Print ist tot

Die Mär von der toten Totholz-Industrie wird von Digital-Jüngern jedes Jahr gerne aufs Neue in vielen verschiedenen Variationen erzählt. Oft verknüpft mit der pseudo-originellen Frage an Zeitungs- oder Zeitschriften-Chefs “Wird es ihre Publikation in zehn Jahren noch gedruckt geben?” Natürlich! Müsste der selbstbewusste Chef da rufen, Was glauben Sie denn!? Print-Umsätze sind und bleiben auf absehbare Zeit das Brot-und-Butter-Geschäft der Verlage. Das Internet und der Konsum von Digital-Medien haben mittlerweile einen großen Teil der Bevölkerung erreicht. Trotzdem werden weiterhin Printmedien konsumiert. Inzwischen gibt es sogar einige, die ernsthaft bezweifeln, dass das stetige Schrumpfen der Verkaufszahlen tatsächlich eine unmittelbare Folge der kostenfreien Online-Angebote ist. Print-Auflagen gehen zwar (langsam) zurück, dafür gibt es immer wieder neue Nischen-Titel, und Verlage sind beständig dabei die Profitabilität ihrer Titel durch das Anziehen zu der (Copy-)Preis- wie der Kosten-Schraube erhöhen.

Was lernen wir daraus: Dass Print nicht tot ist, bedeutet nicht, dass Alles in der Print-Branche bleibt wie es ist. Es wird weiter zu Personalabbau kommen und zu Zusammenschlüssen von Redaktionen. Die Arbeitsbedingungen von Print- und Online-Redakteuren werden sich aufeinander zu bewegen. Das bedeutet: Die Arbeitsbedingungen von Print-Redakteuren werden tendenziell weniger komfortabel. Das aber ist, hart aber wahr, ein Problem der Redakteure und keines der Branche oder der Leser.

Irrtum 3: TV ist tot

Was für Print gilt, gilt für TV umso mehr. Werbefinanziertes Privatfernsehen wurde schon oft totgesagt und erlebte 2011 so etwas wie ein Goldenes Zeitalter. Die RTL Group eilt von Rekord zu Rekord bei Quote und Gewinn. Die konkurrierende ProSiebenSat.1 Group hat ihren Schuldenstand reduziert und arbeitet ebenfalls hochprofitabel. Es gibt keine Anzeichen, dass sich dies in absehbarer Zeit ändern wird. Selbst die jüngste  Wirtschaftskrise hat RTL ohne Verluste durchstanden. Es wird zwar – teilweise zu Recht – viel kritisiert an der Qualität der Privat-TV-Programme, am sinkenden Niveau und teils rücksichtsloser Manipulation von Menschen und Emotionen. Aber hier gilt der alte Satz von RTL-Pionier Helmut Thoma: “Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.” Der Erfolg von Formaten wie “Das Supertalent” oder “Bauer sucht Frau” beim Publikum gibt RTL letztlich Recht. Gegen das Argument der Einschaltquote verblasst jede Niveau-Diskussion.

Was lernen wir daraus: TV ist und bleibt das Massenmedium Nummer eins. Selbst im Internet sind TV-Sendungen immer Top-Thema in den angesagten Social-Media Kanälen wie Facebook und Twitter. Das Fernsehen setzt die Schlüsselreize, über die man sich im Netz und anderswo austauschen kann. Außerdem sitzen die TV-Sender auf einem Berg an Bewegtbild-Inhalten, die sie ohne Probleme auch im Internet vermarkten können. Von allen Medien müssen sich TV-Sender am wenigsten Sorgen um die Zukunft machen. Ihr Geschäft ist im Hier und Heute supergesund und absolut zukunftssicher.

Irrtum 4: Es gibt Platz für ein drittes großes Social Network

Es gibt Facebook, es gibt Twitter und dann war da doch noch ..? Richtig! Google+ Nach Orkut, Wave und Buzz der vierte Versuch von Google, bei den Social Networks so richtig mitzumischen. Und diesmal, so die Meinung vieler Fachleute, ist Google der große Wurf gelungen. Elegantes Design, bessere Kontrolle der Privatsphäre aber sonst eigentlich alles wie bei Facebook. Medien- und Web-Menschen lieben Google+ nach wie vor. Das Problem ist nur: All die Normalos, die gerade von wer-kennt-wen.de und den VZ-Netzwerken zu Facebook rübergemacht haben, haben offenbar keine Lust, schon wieder das Social Network zu wechseln. Und warum auch? Facebook hat bei den Features schnell nachgezogen. Am Ende des Tages bietet Google+ zu wenig Alleinstellungsmerkmale, um den Massen einen Wechsel von Facebook schmackhaft zu machen. Und ein Alleskönner-Netzwerk reicht den meisten Leuten einfach aus.

Was lernen wir daraus: Auch Goliath Google gelingt nicht Alles. Der Internet-Konzern versucht den Erfolg bei Social Networks mit der Brechstange und scheitert ein ums andere mal. Google bleibt als Suchmaschine und Online-Anzeigenprimus ein One-Trick-Pony in Sachen Umsätze. Vielversprechender ist da schon das mobile Betriebssystem Android, das sich zu einer Art Standard für alle Nicht-Apple-Nutzer entwickelt hat. Google bei mobilen Betriebssystemen Konkurrenz zu machen, dürfte mittlerweile ähnlich schwierig bis unmöglich sein, wie Facebook als Social Network das Wasser zu reichen.

Irrtum 5: Qualität setzt sich immer durch

Medienmanager singen gerne das hohe Lied der Qualität. Man müsse nur Qualität bieten und der Rest komme dann mehr oder weniger von alleine. Könnte man meinen, ist aber nicht so. Das Publikum straft Qualität manchmal sogar ab. Ein gutes Beispiel dafür sind zwei ARD-Filme von diesem Jahr: “Homevideo” und “Dreileben” waren zwei ambitionierte TV-Filmprojekte, die qualitativ Maßstäbe gesetzt haben. Aber die Quoten: bescheiden bis miserabel. Das Phänomen ist nicht neu. Der Kritiker-Liebling “Im Angesicht des Verbrechens” fiel im Jahr zuvor beim Publikum auch gnadenlos durch. Und im Print? Da versuchte der glücklose Kurzzeit-Chefredakteur des Focus, Wolfram Weimer, dem angeschlagenen Magazin mit einer Qualitäts- und Relevanz-Offensive neues Leben einzuhauchen. O.k., er scheiterte auch an gewissen innerbetrieblichen Dissonanzen. Aber seine Qualitäts-Offensive fiel am Kiosk gnadenlos durch.

Was lernen wir daraus: Qualität als abstraktes Ziel ist ganz gewiss erstrebenswert aber noch lange keine Garantie für Erfolg. Leser machen hier feine Unterschiede, welche Art von Qualität bei ihnen ankommt. Ganz egal ob Spitzenqualität oder Trash – ein Produkt muss immer auch in die Zeit passen und richtige Rahmenbedingungen haben. Sonst wird das nix mit dem Erfolg.

Irrtum 6: Wer Neues lernen will, muss auf Medien-Kongresse gehen

Es ist ein schwerer Irrtum zu denken, auf einem Medien-Kongress könnte man etwas Neues erfahren. Um dies zu erkennen, muss man sich nur mal das Programm einer der gut besuchten Branchen-Veranstaltungen in diesem Jahr zu Gemüte führen. Bei einem Medien-Gipfel im Süden der Republik stand dort u.a.: “Die nächste Revolution im TV”, “TV der Zukunft”, “Digital Publishing”, “Kraft der Community”, “Mobile First”, “Auslaufmodell 14-49” usw. Das alles sind “Schlagworte”, die man auch ohne Probleme 2010, 2009 oder 2008 hätte bringen können. Und sie werden 2012, 2013 und womöglich 2014 auch wieder auf diversen Medien-Kongressen auftauchen. Jede Wette!

Was lernen wir daraus: Wer die Themen der Medien-Kongresse der Zukunft kennen will, muss nur in die Programme der zurückliegenden Jahre gucken. Von echten Trends fehlt leider viel zu oft jede Spur.

Irrtum 7: Daten sind der neue Sex

Data-Journalismus gilt als einer der ganze großen Mega-Trends 2011. Das Auswerten und Aufbereiten von Zahlen soll den Journalismus auf mannigfaltige Art und Weise voranbringen. Dabei, wenn wir mal ganz ganz ehrlich zu uns selbst sind, ist das doch auch nur alter Wein in neuen Schläuchen. Eine Spiegel-Titelstory zum “Bildungs-Atlas Deutschland” (“Wo die klugen Deutschen leben”) ist Data-Journalismus pur. Aber solche Studien und deren journalistische Aufbereitung sind nun wahrlich nichts Neues, sondern journalistisches Handwerk seit eh und je. Vielerorts hat man den Eindruck, Data-Journalismus meint nichts anderes, als das Zählen von Facebook-Fans einer bestimmten Seite oder das Auswerten der Trending Topics bei Twitter. Wirklich aufregende oder gar bahnbrechende Erkenntnisse, die aus dem Data-Journalismus kommen, suchen zumindest wir bislang vergeblich.

Was lernen wir daraus: Ein Buzz-Word bleibt ein Buzzword – auch wenn es noch so sexy klingt. Und Data-Journalismus ist eines der Top-Buzz-Words 2011. So wenig. Und nicht mehr.

Irrtum 8: Wikileaks und Co. revolutionieren den Journalismus

Und noch ‘ne ausgefallene Revolution. Wikileaks und sein Gründer Julian Assange sind fast ebenso schnell wieder in der Versenkung der Bedeutungslosigkeit verschwunden, wie sie aufgetaucht sind. Als die Enthüllungs-Plattform das Video eines US-Hubschrauber-Einsatzes im Irak veröffentlichte, waren Wikileaks und Julian Assange von heute auf morgen weltweit gefeierte Medienstars. Die Zusammenarbeit mit globalen Top-Medien wie New York Times, Guardian und Spiegel brachten Assange und seiner Plattform dann noch mehr Aufmerksamkeit. Geheime Kriegsprotokolle oder zuletzt zig tausende geheime Botschaftsdepeschen der USA erschütterten die Medienwelt – für kurze Zeit. Mittlerweile haben Kreditkarten und Bezahl-Firmen Wikileaks den Geldhahn zugedreht und Julian Assange und seine früheren Mitstreiter haben sich überworfen. Sein Ex-Partner Daniel Domscheit-Berg wollte mit seiner eigenen Enthüllungsplattform OpenLeaks durchstarten – bisher allerdings ohne Enthüllungen. Und dass Assange nun bald von England nach Schweden ausgeliefert werden soll, wo ihm ein Prozess wegen sexueller Nötigung droht, das war dann kaum noch mehr als eine Randnotiz.

Was lernen wir daraus: Die Medienkarawane ist weitergezogen. Die Revolution des Journalismus durch Wikileaks ist ausgefallen. Der Hype um Leaking als Journalismus-Ersatz war letztlich nur eine One-Man-Show von sehr begrenzter Lebensdauer.

Irrtum 9: Es wird einen einheitlichen digitalen Kiosk von Verlagen geben

Ein Digital-Kiosk ist eine Idee von Verlagen. Nutzer sollen mit einem solchen Programm Zeitungen und Zeitschriften verschiedenster Couleur und Herkunft an einem zentralen Ort finden und kaufen können. Derzeit gibt es in Deutschland drei wesentliche Projekte, einen digitalen Kiosk zu etablieren: PagePlace von der Telekom, Pubbles von Bertelsmann und das iKiosk von Axel Springer. Alle drei kommen nicht so Recht in die Gänge. Das liegt wahrscheinlich an demselben, banalen Grund wie immer: Ein Verleger traut der Konkurrenz keinen Meter über den Weg und würde eher mit dem Teufel paktieren, als der Konkurrenz irgendwelche Daten über eigene Objekte zu überlassen. Und während sich die Verlage misstrauisch beäugen, starten Firmen wie Google oder Apple mit seinem Newsstand eigene Vertriebskanäle für digitale Medien und werden am Ende wahrscheinlich wieder mal die Nase vorn haben.

Was lernen wir daraus: Branchen-übergreifende Projekte bei denen erbitterte Konkurrenten zusammenarbeiten müssten, funktionieren nicht. Weder gestern, heute noch morgen.

Irrtum 10: Medien sind per Defitinion glaubwürdig

Einer der Top-Begriffe des Medienjahres 2011 war die Glaubwürdigkeit. Toll, wenn man sie hat (Helmut Schmidt). Nicht so toll, wenn man sie verliert (Karl Theodor zu Guttenberg). Bei den Medien selbst speist sich die Glaubwürdigkeit zu einem Gutteil aus dem Glauben der Leser/Zuschauer/Hörer an die Unabhängigkeit der Medien. Sei es bei Kommentaren, Reportagen, Testberichten oder Service-Seiten – Medien gelten als unabhängig, fast schon unbestechlich. Dass dem nicht so ist, weiß jeder, der schon mal näher mit dieser Branche zu tun hatte. Statt der großen Unabhängigkeit gibt es im Medien-Alltag sehr viele kleine und größere Abhängigkeiten: von Anzeigenkunden, von der Holding, von persönlichen Beziehungen, von der Technik – eben wie überall. Bei manchen Medien sind solche Abhängigkeiten ein bisschen mehr offenkundig (Modezeitschriften), bei manchen weniger offenkundig (so genannte Leitmedien).

Was lernen wir daraus: Medien sollten nicht nur über Glaubwürdigkeit schreiben und diese bei Politikern und Wirtschaftsmenschen einfordern, sondern auch verstärkt wieder selbst leben. Oder es zumindest ernsthaft versuchen.

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