„Manche Stimmen klingen wie Kreissägen“

Er ist Jazz-Musiker aus Leidenschaft und Mitglied der “X Factor“- Jury: Till Brönner, 40, Professor für Jazz, Rock & Pop in Dresden, Trompeter, Produzent und musikalischer Gesetzesbrecher begegnete Christopher Lesko im Kölner Coloneum. Brönner, der mit Stefan Raab in einer Schulband war und auf dem Begräbnis von Hildegard Knef Trompete spielte, erzählt von seinem Weg in die Musik: Er spricht von Glück, Mission und seiner Suche. Brönner: “Talent ist heute genauso selten oder häufig wie früher.“

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Till Brönner, können Sie mir in ein paar Sätzen beschreiben, wer genau hier vor mir sitzt?
Ein Mensch, dessen eigentliche Sprache immer die Musik geblieben ist, auch wenn er versucht hat, sich über Sprache wichtig zu machen. Hätte ich die Wahl zwischen Sprache und Musik, würde ich mich sprachlich zurückzuziehen und nur noch die Töne sprechen lassen: Trotzdem sitzen wir ja heute hier einander gegenüber und packen miteinander in Worte, was Musik eigentlich viel besser kann: Musik allein also scheint nicht auszureichen, gerade wenn man sich im Kontext eines TV-Formates bewegt. Dass ich als Jazz-Musiker mit einer Musik aufgewachsen bin, die nicht die Musik meiner ganzen Generation war, hat natürlich auch bei mir Spuren hinterlassen und lässt mich heute manchmal fragen, ob ich ein wenig aus der Zeit gefallen bin, oder wie andere auf der ganzen Welt, die sich einem Thema sehr intensiv widmen, in einer Art Parallelwelt lebe.
Schlichten Menschen wie mir könnten Sie das mit der Parallelwelt erklären.
Auf der Suche nach Themen, die im weitesten Sinne auch mit Jazz zu tun haben – bis hin zu Instrumenten –, stelle ich immer wieder fest, dass man vor allen Dingen in Amerika auf Sammlerbörsen, in Schallplattenläden auf Experten trifft, die um ein Vielfaches extremer unterwegs sind, als man es hier findet. Sich zum Experten zu leben, anders zu sein, als Mainstream und Standard, hat auf mich immer eine Faszination ausgeübt. Wenn ich schon dachte, ich sei ein Fachidiot, bin ich oft auf Menschen gestoßen, die mir gezeigt haben, dass ich noch einer von den Normalsten bin.
Till Brönner ist also Musik, Jazz und geht allen Ernstes auf Sammlerbörsen?
Ich hatte eine Zeit, in der ich auf der Suche nach alten Instrumenten oder alten Uhren war und auf Sammlerbörsen ging. (Lachend) Da stieß ich auf Menschen, die sich quasi wie anonyme Alkoholiker trafen und wussten: Wir haben alle das gleiche Problem, dieselbe Leidenschaft, sind alle Fachidioten. Wenn das nicht zwangsläufig Beruf ist, hat das etwas unglaublich Inspirierendes. Sich in Themen reinzufressen, im weitesten Sinne Spezialist für etwas und nicht für alles zu sein, immer noch dazu zu lernen, das fasziniert mich.
War´s das, oder ist Till Brönner mehr: Sportler, Leser, begeisterter Fernseher, Koch,  Freund, was auch immer?
Wenn ich nachts um 04.00 Uhr geweckt würde und gefragt würde: “Was bist Du und was willst Du? “, würde ich antworten: “Ich will Trompete spielen und meine Ruhe haben.“ Das muss dazu führen, dass man sagt: Der Typ ist Musiker. Es gibt nichts, was mich so glücklich macht. Es gibt auch andere Bereiche, in denen ich merke: Je älter Du wirst, entwickelst Du auch dort eine Handschrift. Das Kochen, dass ich eine Zeit lang sehr intensiv betrieben habe und aus zeitlichen Gründen nicht mehr so praktiziere. Auch dort entwickelt man sich und beginnt die Dinge zu tun, wie man Musik auf der Trompete macht. Wenn man Musiker ist weiß man, wie wichtig die Zusammenstellung von Elementen für das Endergebnis ist. Wenn dann noch Erfahrung dazu kommt. Erfahrung gepaart mit Talent ist nicht nur in der Musik ein unschlagbares Konzept. Und Spaß muss es machen.
Betrachteten wir dies als eine Antwort auf die Frage, wer Sie sind – wie hieße die Antwort auf die Frage wozu Sie sind?
Es ist schwierig, die Kamera auf sich selbst zu lenken und sich diese Frage zu beantworten. Wofür bin ich auf der Welt? Legt man den Maßstab eines christlichen Weltbildes an, dann stellt man sicher fest, dass es unfassbar viel zurück gibt, für andere da zu sein, oder ihnen auf die Sprünge zu helfen – bis hin zum eigenen Kind logischerweise. Wozu ich bin? Ich habe im Kern ein Anliegen, dass über jeden Form persönlichen Wohlbefindens hinausgeht: Menschen diese Musik, die ich so schätze, vor allem in diesem Land immer wieder aufs Neue nahe zu bringen. Da sehe ich mich ein wenig als Missionar und fühle mich wirklich verantwortlich dafür, eine Szene und ihre Musik ein Stück aus ihrer Nische zu führen: Menschen nahe zu bringen, dass Jazz eine Musik ist, auf der fast alles, was sie heute gut finden, basiert. Das ist eine Lebensaufgabe. Ich merke das nicht nur in meiner lehrenden Rolle in Dresden (Anm. Autor: Till Brönner ist Professor an der Hochschule für Musik in Dresden für Jazz, Rock und Pop), sondern immer dann, wenn ich als Jazz-Musiker irgendwo auftrete, aber gar nicht Jazz machen soll. Auch hier bei “X Factor“. Das ist gar nicht so leicht. Ehrlich gesagt, bleibt einem nichts anderes übrig, als ein Langzeit-Projekt daraus zu machen. Jeder Versuch, jeder Teilerfolg  ist aller Ehren wert.
Sie teilen den Tag Ihrer Geburt unter anderem mit Sigmund Freud, Erich Fried, Orson Welles, Hanns-Dieter Hüsch, George Clooney und Andreas Baader. Wenn Sie sich einen der Sportskameraden für einen zweiwöchigen Männerurlaub auf einer einsamen Insel aussuchen müssten, wie lautete Ihre Wahl und warum?
Da muss ich als gebürtiger Niederrheiner Hanns-Dieter Hüsch wählen. Schon zu Lebzeiten war ich ein großer Fan von ihm. Sein tiefer Wortwitz, die Tragik und die Weisheit, die er mit der sehr bürgerlichen und streckenweise vermeintlich oberflächlichen, niederrheinischen Mentalität verbunden hat, habe ich sehr geschätzt. Ich war einmal zum Abendessen mit ihm. Da hatte sich schon angedeutet, dass auch zwei Wochen mit ihm interessant hätten werden können.
Clooney?
Mal gucken – vielleicht auf den Zahn fühlen.
Siggi Freud, der alte Kokainist, sagt uns nicht so zu?
(Lachend) Doch Freud natürlich, keine Frage. Und über Baader als Person der Zeitgeschichte lese ich lieber ein Buch oder sehe mir einen schlechten Film an.
Mich interessiert, wie, mit wem und unter welchen Bedingungen Sie groß geworden sind und Ihren  Weg ins Leben und zur Musik gefunden haben. Mit welchen Werten  sind Sie aufgewachsen?
Fangen wir bei den Werten an: Das waren sehr bürgerliche, bodenständige und unaufgeregte Werte. Wenn die Welt, in der man aufwächst, gar nicht so glamourös ist, ist es einfacher, so habe ich den Eindruck, darin ein Gerüst zu finden. Beide Eltern waren Lehrer und sicher färbte der eine oder andere Aspekt der Haltung zum Leben auf uns drei Kinder zuhause ab. Aus einem christlichen und teilkonservativen Haus bin ich mit dem Wert in die Welt entlassen worden,  zuerst an das Gute im Menschen zu glauben. Das hat mich immer wieder bereichert. Dennoch ist mein Leben mit dem meiner Eltern oder dem meiner Kindheit überhaupt nicht mehr zu vergleichen: Ich vermute sogar, dass meine Kindheit – auch im negativen Sinne – mit dafür verantwortlich ist, dass ich für mein Leben ein Gegenmodell gewählt habe.
Wenn wir beide miteinander vom Blick drauf noch einmal den Blick hinein riskieren könnten.
Na ja, ich habe es eigentlich bis heute noch nicht auf die Reihe bekommen, die Ordnung und den Frieden in meinem Leben herzustellen, den meine Eltern für sich damals hatten.  Ich bin durch eine Schule gegangen, die vermeintlich werteorientiert und beschützend war, aber das bedeutete auch, dass ich mir später meinen eigenen Reim auf die Dinge machen musste. Der eine oder andere Fehler, den man in seinem Leben selbst machen muss, hätte mir früher auch gut getan, statt vor vielem bewahrt zu werden.
Zwei Lehrer. Übrigens: Der Vater von “BO“ war Lehrer und der Vater von Jochen Schropp war auch Lehrer.
Echt?
Könnte man an launigen Kaminabenden in Interviews bei Meedia nachlesen.
Wahnsinn. Die Kinder landen alle beim Fernsehen offenbar.
Sie sind auf dem -jüngst auch durch Missbrauchsfälle bekannt gewordenen – Aloisius Gymnasium in Bad Godesberg zur Schule gegangen. Ein eher strenges Umfeld?
Das ist ja ein Jesuiten-Gymnasium, und Jesuiten zeichnen sich eigentlich durch das Gegenteil aus: Sie haben die Diskussion angefacht. Zentraler Bestandteil des Religionsunterrichtes war neben der Geschichte und der – wie ich es nenne – Literatur, die Dinge in Frage zu stellen, abzuwägen, zu reflektieren – und das möglichst intelligent. Eben nicht alles über einen Kamm zu scheren war stets das Hauptmerkmal von Jesuiten. Kirchenleute betrachten Jesuiten mit ein wenig Argwohn als weltlichen Arm oder Gewissen der Kirche. Es gibt übrigens sehr viele Jesuiten, die im Untergrund arbeiten, die Dunkelziffer der Jesuiten ist sehr hoch. Ich habe von der Schule sehr viel mitgenommen, auch wenn ich im Nachhinein einiges in Frage stellen würde. Sich im Nachhinein damit konfrontiert zu sehen, dass es im eigenen Umfeld Missbrauch gegeben hat, das bestürzt und stellt natürlich die Frage, wie viel reflektierter man selbst damals hätte sein müssen. Dennoch muss ich sagen, dass damals Kirche und religiöse Aspekte eigentlich nicht die entscheidende Rolle gespielt haben. Es ging um Ausbildung und Entwicklung jener Fähigkeiten, die im wahrsten Sinne mit emotionaler Intelligenz zu tun haben. Wissen zu haben, um es nicht zeigen zu müssen.  Chemie zu spüren,  zu merken, wenn etwas aus dem Ruder läuft, das wurde dort sehr gefördert. Ellenbogen auch: Ich habe dort jene Ellenbogen am eigenen Leib gespürt, die ich zuhause nicht erfahren hatte. Das war im wahrsten Sinne des Wortes eine gute Schule.
Zuhause behütet aufzuwachsen hat auch seinen Preis.
Ja. Geborgenheit ist gut und sehr wichtig:  Menschen, die keine erfahren zu haben, können sie sie auch nicht geben. Aber auf der Schule  -damals eine reine Jungen-Schule mit Schülern aller Gesellschafts-Schichten- habe ich erfahren, wie die Welt da draußen wirklich aussieht. Sich unter Jungs zu behaupten und einen ganz anderen Musikgeschmack zu haben als der Rest, bedeutete sicher etwas anderes, als in einer Klasse, in der auch Mädchen sind.
Sie sind ja Ältester von drei Geschwistern. Älteste müssen ja manchmal den Eltern gegenüber für die Jüngeren den einen oder anderen Weg freikämpfen.
Bei uns hatte jeder eigene Reibungspunkte den Eltern gegenüber. Ich musste ehrlich gesagt nicht so viel durchkämpfen, weil ich wenig da war: Ich war immer viel unterwegs und habe Musik gemacht. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar dafür, dass sie mich stets zu Terminen, Proben oder Unterricht hin- und her gefahren haben, als ich noch keinen Führerschein hatte. Ich war in der Pubertät kein Rebellionskind. Das war eher friedlich. Vieles, was Altersgenossen interessierte, interessierte mich nicht so sehr. Ich hatte einfach ein Thema, und das hieß Musik. Ich habe meine Pickel bekommen und damit begonnen, nach Mädchen zu schielen, wie alle anderen auch: Aber wenn ich ehrlich bin, hat mir das alles nicht so viel gegeben. Schon damals gab mir nichts so viel wie die Musik. Ich habe viel später gemerkt: Meine Rebellion gegen das Lebenskonzept meiner Eltern hat es schon gegeben, klar und intensiv: Allerdings eher im Kopf als im Nahkampf.
Vielleicht waren ja auch Ihre frühe ultimative Bindung an Musik und die Identifikation mit dem Feld eine besondere Form leiser Rebellion. Pino Brönner, Ihr Bruder, ist ja Ihr Manager: Haben Sie insgesamt noch Kontakt zu Ihrer Herkunftsfamilie?
Ja. Das ist manchmal nicht leicht, weil ich viel unterwegs bin, aber heute sind die Möglichkeiten für Kontaktaufnahme ja ungleich besser als früher. Wer das nicht nutzt, ist selbst schuld. 
Mit Ex-Messdiener und Mitschüler Stefan Raab zusammen haben Sie eine Schul-Band geleitet.
Er ist ja älter, war vier Jahre über mir, und wir waren in derselben Schulband. Sonst hatten wir nicht so viel miteinander zu tun. Sie wissen das ja selbst sehr gut: In der musikalischen Sprache ist Alter völlig nebensächlich. Ist jemand gut, will man ihn in seiner Band haben. Dabei ist völlig unwichtig, wie alt er ist oder welche Erfahrungen er sonst gemacht hat. Man hört an seinem Spiel, welche Erfahrung, welche Intuition er hat. Wir beide hatten damals denselben Musikgeschmack und teilten dieselbe klare Ausrichtung. Wir gingen miteinander zusammen durch die Platten, die jeder in seinem Internatszimmer hatte, verglichen, sponnen herum und stellten eine Band zusammen. Das war die eigentliche Verbindung.
Warum Jazz? Was genau hat Sie gepackt? Und dann: Wenn Jazz, warum Big Band als großes, orchestriertes, soziales System?
Ich habe Orchester im Fernsehen gesehen. Heute gibt es ja weder Fernsehorchester noch Show-Treppen mehr. Als ich klein war, sprachen mich diese Bilder von Ballroom-Orchstern an,  Benny Goodman oder Duke Ellington faszinierten mich früh: Das war Musik als Dienstleistung. Im Dienst einer Sache zu spielen hat mich lange mindestens so fasziniert, wie die Musik selbst, besonders als junger Musiker.  Der Jungen-Traum, Cowboy zu werden oder Lokomotivführer hat aus meiner Sicht immer auch mit dem Pferd oder der Kohleschaufel, mit Degen und Lametta zu tun. Mit der Macht von Requisite, Symbol und der Macht da vorne zu stehen und eine Pose einzunehmen. Posen sagen Kindern manchmal viel mehr als jede Erklärung. Die Trompete in Verbindung mit dem weißen Smoking -auch, wenn ich den später ziemlich affig fand und heute nie anziehen würde- hatte für mich etwas von einem geschlossenen System und gehörte zusammen.
Dann dieser erste Impuls, den Jazz auf Menschen ausübt: Wenn man unvorbereitet auf diese Musik stößt, ist es die purste Erfahrung, die man erleben kann. Ich gehe mal ganz bewusst zurück: Musik von Louis Armstrong aus den 20er, 30er Jahren das erste Mal zu hören. Zu hören, wie dieser Mann die Gesetze in einer Zeit gebrochen hat, in der zeitgenössische Musik bereits eine ganze Menge auf die Beine gestellt hatte, musste auf jeden Menschen große Wirkung ausüben. Eine Wirkung, die im weitesten Sinne etwas mit Verruchtheit oder Verbotenem zu tun hatte. Geht man in die Geschichte, spürten Menschen genau diese Wirkung: Einerseits Verruchtheit und andererseits extreme Attraktivität der Musik. Man wurde angesprochen auf einer völlig anderen Ebene in einer Art, die andere Musik damals nicht bot. Das Ad-Hoc-Entscheiden als Hauptelement von Improvisation, sich von Regeln zu lösen, um sie am Ende doch zu bestätigen, das hat bis heute keine andere Musik-Richtung außer den Jazz-verwandten Musikrichtungen zu bieten. Wir beide haben ja vor dem Interview über Blues gesprochen. Wenn ich John Lee Hooker höre, geschieht bei mir dasselbe, als wenn ich Louis Armstrong höre, das ist überhaupt nicht zu trennen: Ich habe viel Blues gehört früher: Muddy Waters, John Lee Hooker, oder neuere Musiker wie Robert Cray. Der Transport von Inhalten und Gefühl hätte mit keiner Musik besser stattfinden können, als mit dieser. Das hat auf mich persönlich wirklich heilende Wirkung gehabt. Alles, was danach kam, war erlernter, angelernter, theoretisierter und deswegen nicht mehr so neu.
Wer so wie Sie über Musik spricht, muss im Kern seiner Seele doch eine klare und kritische Haltung zu Mainstream haben.
Wenn wir von Mainstream reden: Jazz ist keine Musik, die sich in Sekundenbruchteilen vermittelt. Manchmal braucht es eine zweite Begegnung, um sie verstehen zu können. Die ganzen "Mäp, mäp, mäp" – Licks und Hooks haben mit Musik gar nichts mehr zu tun. Selbst Radio ist eine einzige Katastrophe geworden. Ein Hit ist ein Hit, ist ein Hit, ist ein Hit -das ist überhaupt keine Frage, auch hier bei “X Factor“ oder in anderen TV-Formaten. Dass Musik im Fernsehen überhaupt noch stattfindet, ist die gute Nachricht dabei. Die schlechte Nachricht ist, dass die Uniformität auch in der Gestaltung von Musik mittlerweile so um sich greift, dass echte Beweggründe und Impulse gar nicht mehr möglich sind. Stattdessen erleben wir aktuell Uniformität und Gleichmachung selbst großer, etablierter Acts untereinander. Stimmen dürfen nicht mehr klingen wie Stimmen, sondern werden durch irgendeinen komischen Computergenerator gejagt, bis sie klingen wie eine Kreissäge oder ein Roboter.
Sie hatten eine klassische Ausbildung als Musiker?
Ja, mein Lehrer hatte mich zurecht auf klassische Musik und ihre Literatur aufmerksam gemacht. Ich habe Klassik gespielt, viele Wettbewerbe bestritten und festgestellt, dass mich nichts so berührt, wie es im Alter von 12. 13 Jahren der Jazz  endgültig tat. Als ich zum ersten Mal Charlie Parker hörte, verwandelte sich meine Welt von schwarzweiß in bunt, und ich wusste, dass Jazz mich in seinen Bann zog und hauptberuflich beschäftigen würde. Ich wurde später ins Bundes-Jazz-Orchester aufgenommen und wurde dann über Nacht mit meinem Kindheits-Traum konfrontiert: Da war es, das Thema des Lokomotiv-Führers. Horst Jankowski und sein Rias Tanzorchester suchten einen Trompeter. Das war genau das Orchester, welches ich als Kind im Fernsehen gesehen hatte. Ich bin dahin, spielte Menschen vor, die meine Großväter hätten sein können und bekam die Zusage. In acht Jahren habe ich dort eine Qualität der Arbeit in Big Bands und Menschen kennen gelernt, die es so seit ihren letzten Ausläufern in den 90ern nicht mehr gibt. Auf Knopfdruck wie Louis Armstrong zu spielen, dann auf Avantgarde-Projekte umzuschalten, und danach Harry Belafonte zu begleiten. Das hat mich sehr gefordert und auch gebildet. Ich bin ja heute eigentlich ein Zwitter: Ich habe Verständnis für heutige Musik, habe ja auch vieles produziert, aber selbst auf meinem “X Factor“-Stuhl bleibe ich der Jazz-Musiker, der versucht die Musik, für die er steht, an den Mann zu bringen. Die Gesetze haben sich über die Jahre nicht geändert, trotz Internet, Format-Radio und allen Veränderungen der Zeit: Talent ist heute noch genauso selten oder häufig wie früher. Diese Fahne möchte ich gerne auch bei “X Factor“ vor einem Millionen-Publikum hochhalten.
Sie haben mit vielen, erstklassigen Künstlern eines breiten Spektrums zusammengearbeitet: Die Liste reicht von Dave Brubeck und Klaus Doldinger über Hildegard Knef  bis hin zu Curtis Stigers , Annie Lennox und den No Angels. Welcher Ihrer Kollegen hat Sie besonders überrascht im Vergleich zu Ihrer ursprünglichen Einschätzung?
Ich habe ja Menschen kennen lernen dürfen, die noch wussten, was es bedeutet, zweimal täglich am Broadway ohne Mikrofon zu singen. Zwei Damen muss ich nennen, mit denen ich befreundet war oder bin: Hildegard Knef und Catarina Valente, die über einen unvergleichlichen Erfahrungsschatz verfügt. Catarina Valente ist so viel mehr als “Bonjour Catrin!“ oder “Ganz Paris träumt von der Liebe“. Sie ist die Urform des Künstlers: Als Zirkuskind mit  Einschränkungen Vorlieb nehmen müssen, auf die Bühne zu gehen und -egal in welcher Situation- Menschen zu unterhalten und zu verblüffen. Zirkus hat ja stets mit Überraschungen zu tun, mit Dingen, die man selbst nicht kann und bewundert. Sie ist großartig.
Und Knef? Sie haben auf ihrem Begräbnis Trompete gespielt.
Hildegard Knef war nicht die Diva, zu der man sie geschrieben hat. Aber es schreibt sich in der Welt der roten Teppiche viel besser, dass jemand unnahbar ist, Zicken hat und die Garderobe voll von tausend Rosen haben muss. Nichts davon stimmte: Hildegard Knef hat Rosen gehasst. Es gab auch andere Erlebnisse, die ich nie vergessen werde.
Gerne…
Ich habe mit Tony Christie einmal eine Tournee durch die neuen Bundesländer gemacht. Er hat gerade wieder ein neues Album vorgelegt. Der sang jeden Abend auf der Bühne mit Brille, Smoking und gefärbten Haaren(singend): „Is this the way to Amarillo“. Die späten Mädchen in der ersten Reihe gingen steil, und er machte Stimmung. Im Bus auf dem Weg in die nächste Stadt saßen wir vorne beim Fahrer nebeneinander, hörten und sprachen über Jazz. Er hatte eine riesige Repertoire-Kenntnis und erzählte von allen Musikern, die früher meine Idole waren. Das waren schöne und überraschende Momente. Abends zog er wieder Brille und Smoking an, und weiter ging es. Wissen Sie, viele Künstler schleppen zwar ein ungeheures Image durch die Welt, sind aber ganz normale Menschen mit Schwächen: Wenn Du siehst, wie Gilbert Becaud sich von meinem Pianisten-Kollegen eine Flasche Whiskey kommen lässt und sie in sicherer Entfernung am Klavier parkt und plötzlich, wenn niemand hinsieht, den Rotz durch die Nase zieht und ausspuckt: Das sind alles Dinge, die kennt jeder Mensch aus dem Alltag. Ein richtiges Outing hat ja immer etwas tragisches, das habe ich nie erlebt. Aber kleine menschliche Schwächen sah ich viele. Stars können auch nur zweimal am Tag aufs Klo und eine Flasche Champagner trinken.
Zweimal am Tag gehen Sie nur aufs Klo?
Na ja, ich gehe ein bisschen häufiger, ich komme ja langsam in das urologische Jahrzehnt.
Es hat sich viel verändert seit Knef, Valente und Becaud.
Ja,  heute sind Popstars abgeschirmt und fast alle sind Gesundheitsapostel. Es gibt übriges auch kein Gesetz von Musik mehr, welches man heute noch brechen kann. Mir fällt einfach keines ein. Nennen Sie mir eines: Ich sage Ihnen, Sie werden keines finden.
Bei Ihrem Interesse am Brechen von Gesetzen hätten Sie sich vorhin auch für Andreas Baader entscheiden können…
(Lachend) Möglicherweise.
Es gab eine Reihe kritischer Stimmen zu Ihnen. Können Sie aus Ihrer Sicht die Ihnen gewidmeten, kritischen Zumessungen einmal zusammenfassen?
Warum?
Weil ich Sie danach frage. Wenn Sie so wollen: meinetwegen.
Das kann man ja nachlesen: Das Image, dass da draußen für einige Jahre für Wirbel gesorgt hatte, war für die Branche, aus der ich komme, fast wie ein Schlag ins Gesicht. Es hat traditionelle Werte wieder in den Mittelpunkt gerückt und zur Diskussion gestellt. Das wurde von einigen als Rückschritt empfunden. Als ich dann mediale Aufmerksamkeit erhielt, als CDs und Fotos von mir zuhause bei Rechtsanwalts- und Notars-Gehilfinnen lagen, war für Kritiker klar, dass mein Ausverkauf begonnen haben musste. Zuschreibungen gab es viele: Vom Schmuse-Jazzer bis zum Lackaffen. Ich hatte nie die Lust und selten die Zeit, in diese Analyse zu gehen. Ich räume ein, dass ich Teile meiner musikalischen Entwicklung öffentlich vollzogen habe, aber ich kann auch sagen, dass ich wirklich bin, was ich tat.  Nach wie vor bin ich vermeintlich nirgendwo angekommen: Ich befinde mich immer noch auf einer Reise in mir selbst mit mir selbst und zu mir selbst. Das ist kein frommer Spruch. Es ist gar nicht die Aufgabe eines Künstlers, sich immer wieder die Frage zu stellen wie das, was man tut, draußen wirkt. Täte man dies, müsste man verzweifeln. Mit schlechten Kritiken oder gar Anfeindungen habe ich eigentlich nur dann ein Problem, wenn sie oberflächlich sind. Und ich bin sicher niemand, der mal eben so mit dem Daumen zu peilen ist: What you see is what you get.
Obwohl Sie sich vorhin gegen George Clooney als Urlaubspartner entschieden haben: Teilen Sie den Eindruck einiger Kritiker, Sie würden mit Ihrem Aussehen kokettieren? Darüber hinaus: Sind Sie selbstverliebt?
Ich plane gerade mein neues Album herauszubringen, auf dem kein einziges Foto von mir drauf ist. Ich habe noch jeden gutaussehenden jungen Mann und jedes hübsche Mädchen von der Bühne geschickt, wenn Stimme und Talent nicht reichten. Ich bin stets für Inhalt und nicht für Verpackung, auch wenn sich manche Zeitungen auf anderes beziehen. Außerdem: Dies ist generell scheinbar die einzige Branche, in der man sich dafür entschuldigen muss, wenn man nicht aussieht wie ein Sack Muscheln. Wenn es selbstverliebt ist, in einem guten Anzug 90 Minuten Kontakt zum Publikum herzustellen, anstatt ihm 30 Minuten den Rücken zuzudrehen, bin ich es. Gerade als Jazz Musiker muss man sich heute promoten können, das sage ich auch meinen Studenten in Dresden. Es wird nicht von selbst passieren, dass das Telefon klingelt.
Kennen Sie eigentlich Angst?
Klar, natürlich: Angst, mich dem Publikum zu stellen und dabei nicht auf alle meine Kraft zugreifen zu können. Es gibt immer mal diese Momente von Angst, einen Auftritt wahrscheinlich nur mit Ach und Krach bewerkstelligen zu können. Oder Angst vor wirklicher Krankheit: Ich habe einige meiner Weggefährten, die älter waren als ich, in letzter Zeit auf natürlichem Wege verloren. Auch Angst um die Entwicklung von Musik, etwa wenn ich sehe, dass in einigen Grundschulen Musik kaum oder gar nicht mehr unterrichtet wird. Vielen ist heute der Wert von Musik auch in der Art und Weise, wie sie unterrichtet wird, gar nicht mehr bewusst. Die Beschaffung von Musik ist heute vermeintlich leicht, die Haltung zum Wert hat sich verändert.

Li: Volker Schlag / Foto: Till Brönner; Mi: Till Brönner, re: Christopher Lesko
 
Sie haben ja einen Sohn. Hat er schon einen Bezug zur Musik?

Ich denke alle Kinder haben einen Bezug zur Musik, weil sie Musik zwangsläufig ausgesetzt sind und mit weniger Scheuklappen durchs Leben gehen, als wir Erwachsenen. Ich würde es meinem Sohn nicht nahelegen, aber man merkt schon, dass er ein Musiker-Kind ist.
In Ihrer Jury-Rolle bei X Factor: Hat Ihr Jazz-Vermittlungs-Impuls Impact auf Ihre Jury – Kollegen?
Als positiv denkender Mensch muss ich davon ausgehen. Untereinander ist es so, dass wir sehr viel Respekt für das Terrain der anderen haben, und das ist auch spürbar. Die Gestaltung einer derart unterschiedlichen Jury ist sicher ungewöhnlich und gut.
Nun hat ja Sarah Connor vor genau einer Woche Ihre Kandidatin Gladys nachhause geschickt.  Von der Shoot-Out-Leistung her zumindest nicht für jeden nachvollziehbar.
Wir haben danach noch lange darüber gesprochen. Sarah hat klar und bewusst entschieden. Ich habe diese Entscheidung für falsch gehalten. Aber “X Factor“ ist Wettbewerb auch der Juroren untereinander, und dieses Element unterscheidet diese Show von allen anderen. Das kann einen ärgern, aber damit muss man leben in dieser Rolle.
Herzlichen Dank für das Gespräch!

Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

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