„Wetten, dass..?“ – der letzte Show-Dino stirbt

Hape Kerkeling hat die Nachfolge von Thomas Gottschalk als “Wetten, dass..?”-Moderator abgesagt. Und jetzt? Das ZDF will womöglich ein Moderatoren-Duo finden und die Sendung weiterentwickeln. Diese Aufgabe wird schwer bis unmöglich. "Wetten dass..?" vom vergangenen Samstag hat gezeigt, warum. Die Sendung ist das letzte Überbleibsel aus einer anderen Fernseh-Zeit. MEEDIA nennt fünf Gründe, warum “Wetten, dass..?” in seiner jetzigen Form nicht mehr in die heutige TV-Landschaft passt.

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1. Es gibt längst bessere Alternativen

“Wetten, dass..?” hat als Unterhaltungssendung schon lange nicht mehr die unangefochtene Vormachtstellung, die es einst hatte. Legendär ist, dass die Konkurrenz es zu den Hoch-Zeiten der Sendung nicht wagte, attraktives Programm gegen “Wetten, dass..?” laufen zu lassen, weil man ohnehin keine Chance gegen die Mega-Show hatte. Irgendwann hat RTL dann angefangen “Deutschland sucht den Superstar” gegen “Wetten, dass..?” zu programmieren und später sogar die Dschungel-Show “Ich bin ein Star – holt mich hier raus!”. Gegensätzlicher können zwei Formate kaum sein. Hier die ganz und gar ironiefreie Sofarunde bei Thommy Gottschalk – dort bitterböser TV-Sarkasmus im Trashgewand. Aber das “Wetten, dass..?” der Neuzeit hat eigentlich sowieso ProSieben mit Stefan Raabs “Schlag den Raab!” im Programm. Diese Sendung bietet die Dramatik und den Nervenkitzel, der “Wetten, dass..?” früher ausgezeichnet hat. Bezeichnend: die neuen, modernen Unterhaltungsshows verzichten auf das immergleiche Promi-CD-Filmausschnitt-PR-Ritual inklusive verfrühtem Star-Abgang, weil gerade heute – zu dumm – dringend noch ein Flieger erreicht werden muss.

2. Die Wett-Idee hat sich totgelaufen

Damit kommen wir zum Kern des Produkt-Problems beim Format “Wetten, dass..?”: die Wetten. Die Wetten, die der Sendung ihren Namen und ihre Struktur geben, haben sich schlicht und ergreifend in 30 Jahren totgelaufen. Selbst spektakuläre Einzelleistungen – wie der Typ, der in der jüngsten Sendung einen Zauberwürfel blind unter Wasser löste – lassen allenfalls noch kurz das Interesse aufflackern. Meist nutzt man die Wetten, um mal kurz ein Getränk zu holen oder aufs Klo zu gehen – in Ermangelung der Werbepausen. Und der Hang der Redaktion zu immer skurrileren Wett-Ideen mit Ekel-Faktor (Riechen an Hundeatem, Erkennen von Zootieren am Geruch ihres Kotes) zeigt eindrücklich, dass es ein grundsätzliches Problem mit dem Wett-Nachschub gibt. Wetten sind kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Sogar ARD-Schmalzdackel Florian Silbereisen präsentierte in seinem jüngsten ARD “Herbstfest der Überraschungen” eine Art Rentner-”Wetten, dass..?” mit Volksmusik-Einlage. Der Verfall des Wett-Konzepts bei “Wetten, dass..?” lässt sich auch hervorragend am Verfall der Wett-Einsätze ablesen, die mittlerweile nur noch aus lustlosen Quatsch-Ideen bestehen. Otto sollte in der jüngsten Sendung einen Schlüssel aus einem Eisblock freikratzen (was im Laufe der Sendung dann freilich komplett unterging), Wladimir Klitschko klopfte lustlos auf eine Art Punchingball und trug dabei eine doofe Brille. Das alles hat nur noch den Charakter einer gezwungenen Pflichtveranstaltung.

3. “Wetten dass..?” sitzt in der Promi-Falle

Der wahre Titel der Sendung müsste ohnehin mittlerweile lauten: “Promis sitzen auf dem Sofa und machen Werbung”. Wer als Gast auf dem Sofa sitzt, welchen internationalen Star man wieder in eine deutsche Provinzhalle gelotst hat – das sind schon länger die wahren Schauwerte von “Wetten, dass..?” Und das ist verdammt wenig. Zumal es über die Jahre auch immer wieder dieselben Gäste sind. Udo Lindenberg oder Peter Maffay. Otto oder Phil Collins. Piepegal. Man hockt auf dem Sofa und erinnert sich: Weiß du noch, was deine allererste Wette war? – Ach, nee, das war ja diese Moderation von der Außenwette in Hof! Ach, ist das wirklich schon so lange her?” Immer die gleichen Geschichten von den gleichen Gesichtern. Eine Sendung, die einen ähnlichen Verlauf mit Spannungskurve nach unten nahm wie “Wetten, dass..?” war “Auf Los geht’s los” mit Joachim Fuchsberger. Das war auch mal eine große Samstagabendshow. Und irgendwann interessierte sich keiner mehr für die Buchstaben-Spielchen, sondern nur noch dafür, welche Promis der Blacky wieder an Land gezogen hatte und welche Moderations-Patzer sich Fuchsberger erlaubte. Es gab bei “Auf Los geht’s los!” zwar keinen Samuel-Koch-Moment, aber Fuchsberger zog sich irgendwann beleidigt aus der Show zurück, um etwas ganz anderes zu machen. Er hatte dann mit dem reduzierten Talkformat “Heut’ abend” in der ARD jahrelang großen Erfolg.

4. Der lange Schatten von Samuel Koch

Der schreckliche Unfall von Samuel Koch bei jener Wette, bei der er versuchte, mit Sprung-Stelzen über Autos zu hüpfen, dabei stürzte und seitdem vom Kopf ab gelähmt ist, liegt immer noch auf der Sendung. Thomas Gottschalk hat erkannt, dass “Wetten, dass..?” danach nie wieder so unbeschwert sein kann wie früher. Die Wetten wurden seitdem entschärft. Statt spektakulärer Sport-Stunts wird jetzt halt vermehrt an Hundeatem und Elefanten-Haufen geschnuppert. Den Machern ist das nicht unbedingt vorzuwerfen, aber für die Dramatik einer Show, die vom Spektakel lebte, ist es Gift. Für Gottschalk war der Unfall von Samuel Koch der Auslöser, persönlich den Stecker zu ziehen und “Wetten, dass..?” an den Nagel zu hängen. Gottschalk ist klug genug, um zu erkennen, dass es nicht nur der Unfall war, der eine solche Entscheidung über kurz oder lang zwingend werden ließ. Aber der Unfall hat seinen Ausstieg beschleunigt und dem ganzen Format eine Bürde hinterlassen, an der auch ein eventueller Nachfolger (oder eine Nachfolgerin) schwer tragen würde.

5. “Wetten, dass..?” ist die letzte Show ihrer Art

Es ist nicht leicht, ein Format über Jahrzehnte jung und frisch zu halten – vor allem wenn die Macher und die Gäste über Jahre hinweg dieselben bleiben. Vielleicht ist das sogar unmöglich. Das ZDF und Gottschalk haben immer mal wieder versucht, “Wetten, dass..?” zu renovieren, der Sendung einen frischeren, jugendlicheren Anstrich zu geben. Zuletzt als Gottschalk sich Michelle Hunziker als Co-Moderatorin an die Seite holte. Aber was ist die schöne Michelle schon mehr als eine jüngere, hübschere und schlagfertigere Variante der alt bewährten “Assistentin”, wie sie schon Hans Joachim Kulenkampff und Wim Thoelke bei deren Shows zur Seite stand? Was auf den ersten Blick modern daherkommt, ist in Wahrheit Old-School-TV. Eine wirkliche gleichberechtigte Co-Moderatorin hätte ein Alpha-Moderator (oder “Herr im Haus”, wie er selbst sagte) wie Gottschalk ohnehin nie geduldet. Die Verjüngungs-Arbeiten an “Wetten, dass..?” waren über all die Jahre hinweg nur kosmetischer Natur. Ans Eingemachte, Konzept und Moderation, hat sich keiner getraut. Dafür war die Show trotz aller Ermüdungserscheinungen auch immer noch zu erfolgreich und Gottschalk zu dominant.
Jetzt, am Ende, sind Show und Moderator an einen Punkt gekommen, an dem sie sich nur noch um sich selbst drehen. Man redet nicht mehr über die Wetten oder die Promis. Bestenfalls geht es noch um Gottschalks Klamotten, seine Witze, den Ausschnitt von der Hunziker und wer jetzt die Gottschalk-Nachfolge macht oder eben nicht. Aber wenn diese letzte Frage dann irgendwann auch geklärt ist und Gottschalk versucht bei der ARD den Vorabend zu retten, spätestens dann wird es sehr dünn für “Wetten, dass..?” An all dem hätte auch ein Hape Kerkeling nichts ändern können. Oder ein Stefan Raab. “Wetten, dass..?” ist ein TV-Dino, eine aussterbende Show-Spezies, die letzte ihrer Art. Wer sich dieser Sendung annimmt, geht das Risiko ein, mit ihr unterzugehen.

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