Talkshow-Reform in der ARD – ein Eigentor?

Seit Mitte September strahlt die ARD an fünf Abenden in der Woche Talkshows aus. Diese Schwemme an Polit-Gesprächen erntete bislang viel Spott in der Fernsehbranche. MEEDIA hat vier TV-Manager befragt: Schießt die ARD mit der Talkshow-Reform ein Eigentor? „Nicht alle Formate werden überleben“, prophezeit Grundy-UFA-Geschäftsführer Rainer Wemcken. Tele-5-Geschäftsführer Kai Blasberg fügt hinzu: „Der Zuschauer kann nur wegschalten, denn das ist seine Form der Abstimmung.“

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Kai Blasberg, Geschäftsführer Tele 5:
"Die Frage ist ja schon reine Rhetorik. Jeder, der ein paar Monate im Fernsehen volontiert hat, kann wissen – nein, muss wissen – dass das niemals etwas anderes sein wird als ein gigantischer Flop.
Totale Ideenlosigkeit gepaart mit Regionseitelkeiten, stupidem Glauben an Namen und eine Billigheimer-Mentalität, denn Talk kostet nun mal kaum etwas. Der Zuschauer kann nur wegschalten, denn das ist seine Form der Abstimmung. Im Grunde sollte es vor jedem Funkhaus nächtliche Mahnwachen geben, damit dieser Bullshit endlich ein Ende hat. Die Kontrollfunktion Politik versagt komplett, da die Kontrolleure ja immer auch die sind, die in diesen Talksümpfen ihr Pantoffeltierchen-Dasein fristen. Gebühren deckeln, 5 Milliarden reichen für alle, Regionalanstalten fusionieren und die Hälfte der Leute in den Vorruhestand schicken. Das kostet zwar, dann wird aber wenigstens kein Programmschaden mehr angerichtet. Liebe ARDler: ihr gehört uns. Dient uns endlich mit Programm, der Eurem Auftrag entspricht."
Rainer Wemcken, Geschäftsführer Grundy UFA:
"Eine Bewertung als Misserfolg ist zu früh! Aber: Nicht alle Formate werden überleben."
Jochen Kröhne, Geschäftsführender Gesellschafter, GET ON AIR GmbH:
"Das Talkformat als die günstigste aller Fernsehsendungen wird wohl immer seinen Stammplatz im Programmablauf der Sender behalten. In der TV-Steinzeit brachten vertraute Gesichter wie Dietmar Schönherr und Blacky Fuchsberger dem deutschen Publikum dieses Genre erstmals nahe. Ab dann ging das Gequassel los und inflationierte vor sich hin. Alle denkbaren Spielarten insbesondere des US-Fernsehens wurden fröhlich kopiert: Audience Participation Shows, Latenight Shows, TV Debates und natürlich alle Varianten des persönlichen Gesprächs von Larry King. Moderatoren mussten einsehen, dass nicht allein sie, sondern Sender- und Sendeplatz entscheidend sind. Das merkten Johannes B. Kerner schmerzlich und Jürgen Fliege fast vernichtend. Manchen sehen sich die Zuschauer einfach über, das ist wohl das Beckmann-Schicksal. Selbst die Heldin des intelligenten Talks und des gezielten Augenaufschlags, Sandra Maischberger, ist nicht vor Verschleißerscheinungen einer Talkrunde mit alternden Gästen sicher. Anne Will kann einem etwas leid tun, denn sie war am Sonntag bestens besetzt. Stern TV nach dem Tatort ist nicht jedermanns Sache, auch wenn diesen Sendeplatz wahrscheinlich selbst Arabella Kiesbauer nicht zerstören könnte. Man wünschte eigentlich einem Plasberg die Chance, die man einem sowieso überbeschäftigten Jauch gab. Oder man heißt eben Harald Schmidt, dem Quoten fast gleichgültig sein können, denn er ist bereits in die Sphären eines David Letterman entschwebt. Ob der Talkreform nun quotenmäßig ein gigantischer Misserfolg oder nur ein mäßiger Erfolg beschieden war, ist letztlich egal. Die Gebühren fließen so oder so, Werbung wird auch zu dieser Zeit nicht verkauft und am Ende werden darüber nach guter ARD-Manier eine Horde selbstgefälliger Intendanten in einer Telefonkonferenz befinden. Alles in allem fällt einem zur Talk-Reform der ARD der Sack Reis in China ein."
Borris Brandt, Geschäftsführer, AIDA Entertainment GmbH:
"Die Talkreform ist ein teurer Ausflug. Man war so gierig auf die großen Namen und wollte oder konnte gleichzeitig keinen gehen lassen, dass es einfach jetzt zu viele Moderatoren für die wenigen Tage gibt.
Jauch macht seine Sache nicht so schlecht bislang. Aber er hatte auch den Themengott an seiner Seite (9/11, Schuldenkrise…) und konnte sein dickes Telefonbuch und die gute Redaktion nutzen (Merkel). In sofern bleibt es spannend, wie er sich im trüben Alltag schlägt. Tja und der Rest…Plasberg immer flacher, Will von der Woche verschluckt und der Rest wandert zum Quotenfriedhof… Da kann man nur hoffen, dass deren Verträge bald auslaufen und Andreas Bartl den einen und anderen verpflichtet. Da wäre man dann journalistisch die Nummer 1 mit allen damit verbundenen Chancen, statt die Nummer 42 bei der ARD ohne Licht und Glanz!"

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