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Wie die Atom-Lobby die Presse dirigierte

Die taz hat zum Jahrestag des Beschlusses zur Laufzeitverlängerung deutscher Atomkraftwerke einen Coup gelandet: In der morgen erscheinenden Sonntaz veröffentlichen die Berliner brisante Dokumente, die belegen, wie die Profiteure dieses Gesetzes zuvor mit offenen und verdeckten Mitteln auf den Bundestags-Beschluss hin gearbeitet haben. Demzufolge wurde u.a. "erreicht", dass die Süddeutsche Zeitung die Veröffentlichung einer Kinderkrebs-Studie auf "einen Zeitpunkt nach der Bundestagswahl" verschob.

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Die "Geheimpapiere der Atom-Lobby" (taz) beschreiben das Vorgehen bei der Kampagne "Energieverantwortung für Deutschland", die von der Düsseldorfer Kommunikationsagentur Deekeling Arndt Advisors (DAA) von Mai 2008 bis zur Bundestagswahl im September 2009 im Auftrag des Deutschen Atomforums durchgeführt wurde. Sie sind im taz-Rechercheblog dokumentiert. Die Grundzüge dessen lauten: "Ideologische Blockaden aufbrechen, vermeintliche Gewissheiten hinterfragen", "Dritten eine Plattform bieten und öffentlich Gehör verschaffen", "neue Zielgruppen aufschließen", "verändertes Meinungsklima zur Kernenergie in Deutschland etablieren".
Damit sollten die Kommunikations-Profis eine Grundstimmung pro Laufzeitverlängerung bis zur Bundestagswahl 2009  herstellen. "Der Punkt ist nicht, dass Energieunternehmen Politik und Öffentlichkeit beeinflussen, das ist üblich und ihr gutes Recht", kommentiert taz-Vize-Chef Reiner Metzger. "Interessant ist vielmehr der Einblick hinter die Kulissen, denn hier sieht man en detail, wie der Laufzeitverlängerung in der Öffentlichkeit der Weg bereitet wurde." 
So berichten die Autoren beispielsweise über einen Professor der Berliner Humboldt Universität, der im Auftrag des Deutschen Atomforums die "Gesellschaftsrendite der Kernenergie" ermittele. Dabei ging es um die Analyse, warum eine Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke nicht nur Milliarden in die Kassen der Atomkonzerne spülen, sondern auch der Gesellschaft nützen würde. Das Honorar in Höhe von 135.000 Euro sollte dabei nicht an die Universität fließen, sondern auf das Konto der Ehefrau des Professors überwiesen werden. Allerdings erschien die geplante Studie nie. Als Grund nannte der Forscher gegenüber der Tageszeitung, dass seine Zwischenergebnisse zu kritisch ausgefallen seien.
Insgesamt wurden die Papiere in zwei Dokument-Blöcken angelegt. Das erste ist eine Präsentation vom Dezember 2008, in der die Agentur die seit Mai umgesetzten Maßnahmen erläutert und einen Ausblick auf das folgende Jahr gibt. Das zweite Dokument ist ein PDF, in dem die Düsseldorfer die Kommunikationskampagne zusammenfassen und bewerten. Nach dem kurz die strategischen Fragen skizziert und die Debatte in einem Diagramm dargestellt wurde, beschäftigt sich der Bericht auch mit der "Medienoffensive". Dort heißt es, dass es "kontinuierliche Hintergrundgespräche" mit Journalisten "zu zielgruppenspezifischen Angeboten (u.a. Brigitte, Zeit Magazin/Zeit Dossier, FAZ, SZ, brand eins, Neon/Stern, VDI Nachrichten)" gegeben hätte.

Der Deekeling Arndt Advisors-Bericht rühmt sich, ein Thema in der Bild untergebracht zu haben

Weiter heißt es, dass die Hintergrundgespräche Platzierungen "eigener Botschaften in die wichtigsten deutschen Tageszeitungen (FAZ, Bild)" ermöglicht hätten. Dann werden einige Beispiele wie ein FAS-Interview mit Henning Kagemann genannt. Bezüglich des Projekts Bild-Zeitung heißt es: "Idee: Platzierung von Thesen pro Kernernergie in auflagenstarkem Medium", kurz darunter die Vollzugsmeldung: "Bewertung: Veröffentlichung der Thesen in BILD-Zeitung (reichweitenstärkste Tageszeitung) und damit Ansprache der breiten Öffentlichkeit erreicht." Ein weiterer Punkt auf der Liste ist der Fakt, dass es den Kommunikationsexperten offenbar gelungen war, die Süddeutsche Zeitung davon zu überzeugen, die Veröffentlichung einer "weitere Kinderkrebs-Studie" auf "einen Zeitpunkt nach der Bundestagswahl" zu verschieben.
Ob die Veröffentlichungen tatsächlich Folge der gezielten Lobbyarbeit sind, ist derzeit nicht klar, ebenso wenig, welche Mittel abgesehen von "Hintergrundgesprächen" gegebenenfalls eingesetzt wurden. Dafür dass die PR-Vorstöße Wirkung zeigten, spricht allerdings, dass auch negative Ergebnisse dokumentiert werden. Ablehnungen werden detailliert beschrieben: So scheiterte eine Platzierung in der Talkshow "Unter den Linden" mit Heiner Bremer.
Und weiter: "Trotz intensiver Bemühungen und guter Kontakte keine Platzierung in Frauenzeitschriften aufgrund enger Verknüpfung der redaktionellen Inhalte mit Anzeigenschaltung; zudem wurde thematische Verbindung zur Kernenergie von Redaktionen als zu kritisch empfunden und daher Berichterstattung abgelehnt", heißt es in dem Bericht.
Auf Seite 15 zieht die Auswertung eine positive Bilanz einer Pressereise, auf der sich 16 Journalisten, "darunter zahlreiche Key-Journalisten deutscher Meinungsführer-Medien" vor Ort über die Atomdebatte in der Schweiz informieren konnten. Das Feedback der Vorstände und Teilnehmer soll "positiv" gewesen sein. "Berichterstattung in überregionalen (WiWo, Handelsblatt) und regionalen Medien (WAZ, RP, Badische Zeitung, MaMo); Pragmatismus der Schweiz verfängt in Medienberichten", heißt es in dem Bericht.
Auf Seite 19 wird die Medienkooperation mit der kostenlosen Hochschul-Zeitschrift Unicum Beruf: Young Professionals beschreiben. In der Titelstory "Branche mit Zukunft" berichten Mitarbeiter der Kernenergie-Branche von ihren Beweggründen, in einem Kernkraftwerk zu arbeiten. Zufrieden war die Agentur mit der Story allerdings nicht. So heißt es in der Analyse: "Mangelhafte grafische Umsetzung durch Unicum Beruf".
Abschließend kommt die taz in ihrer Bewertung der Unterlagen zu dem Fazit: "Nichts davon ist verboten. Einiges davon ist anrüchig. Das Meiste ist profane, handwerklich gut umgesetzte Öffentlichkeitsarbeit. Aber zusammengenommen zeigen die Dokumente, wie Konzerne in Deutschland vorgehen, wenn sie Einfluss auf Medien, Politik und Öffentlichkeit nehmen."

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