Spiegel-Neubau: Hogwarts in der Hafencity

Nicht mal ein Anflug von Ärger war Ove Saffe anzusehen, aber wirklich gefallen haben konnte ihm das kaum. Schließlich war es ein epochaler Moment. Eine Stunde hatten die großen Vokabeln den Raum gefüllt. Von Transparenz, Vernetzung, einem neuen "Gefühl von Einheit" war die Rede, von einem Bauwerk "wie ein großes Fenster zur Stadt". Doch als sie an der Reihe waren, fragten die Journalisten weniger nach Feinheiten und Vorzügen der Architektur des Spiegel-Neubaus, stattdessen nach Umsatz und Rendite.

Anzeige

Um 13 Uhr hatte der Geschäftsführer der Spiegel-Gruppe zum ersten Sightseeing in das gerade bezogene neue Quartier an der Ericusspitze 1 geladen. Neben dem mit dem Umzug betrauten Spiegel-Manager Matthias Schmolz hatte Saffe den Chefarchitekten des Kopenhagener Büros Henning Larsen Architects, den Innenraum-Designer und einen Vertreter des Bauherrn geladen. Und doch galt die Aufmerksamkeit am Ende eher den wenigen Zahlen und Prognosen, die der Geschäftsführer im Rahmen seiner Begrüßungsrede genannt hatte.
Auch im neuen Gebäude ist der Spiegel für die da draußen der Spiegel geblieben, lautet die leicht irritierende Erkenntnis für den einen oder anderen im Hause – nach all den Superlativen, die rund um das Bauvorhaben die Runde gemacht haben. Mit 1.100 Arbeitsplätzen und allen Marken "an Bord" muss sich dort nun das Binnenverhältnis und wohl auch so etwas wie eine Hackordnung zurechtruckeln. Das architektonische Konzept der grenzenlosen Kommunikation ist allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz offenbar noch nicht in allen Köpfen angekommen. Spiegel-Redakteure, die nicht fernsehen und Privat-TV verachten, arbeiten nun mit Privat-TV-Produzenten unter einem Dach. Angestellte, die von Gewinnausschüttungen profitieren und Stimmrecht bei der Wahl der Mitarbeiter-Vertreter haben, nutzen nun denselben Fahrstuhl wie Low Price-Redakteure von der Online-Front (Nachtrag: Die Gehälter der Online-Redakteure sind nach Verlagsangaben "überdurchschnittlich" angehoben worden, und seit vergangenem Jahr stehe diesen auch ein Gewinnbeteiligung zu, Anm. d Red.). Schon die Nutzungsplanung des neuen Verlagshauses, das mehrheitlich in Mitabeiterhand ist, war nicht ohne Tücken. Die Raumverteilung, sagt Matthias Schmolz, sei "ein sensibles Thema gewesen" und habe "eine Fülle von Arbeitsgruppen beschäftigt".


        Bildergalerie: So sieht das neue Spiegel-Haus aus
Wer sich der imposanten Silhouette nähert, ahnt davon natürlich nichts. Wie ein riesiger Glaskasten ragt der Neubau in den Himmel, ein Gigant im Vergleich zu dem Betonklotz an der Brandstwiete. Es ist eines der größten Bürogebäude der Stadt, und die Frage, die sich in doppelter Hinsicht stellt, ist: Hat der Spiegel das nötig?
Die Antwort des Managements lautet klar Ja, denn die Zusammenführung der über mehrere Standorte verteilten Segmente habe für das Unternehmen viele Vorteile und mache es im digitalen Zeitalter leichter, den Anspruch "Journalismus first" über alle Angebote und Plattformen einzulösen. Andererseits: Als der Neubau beschlossen, geplant und projektiert wurde, stand die Spiegel-Gruppe "voll im Saft", von Medienkrise oder Auftragsflaute im TV-Geschäft keine Spur. Nun müssen Saffe und Schmolz am Tag der Vorstellung des Bauprojekts unschöne Fragen nach betriebsbedingten Kündigungen beantworten, und es ist ungewiss, ob es bei den vielleicht 35 TV-Angestellten von Spiegel TV Entertainment bleiben wird. Das Management verweist hier auf Wachstumsbereiche, vor allem im Digital-Geschäft, bei Online und geplanten neuen Printablegern.
Die gefühlten Kräfteverhältnisse drücken sich vielleicht auch in der Raumverteilung aus. In den ersten drei Stockwerken residieren die Mitarbeiter von Spiegel TV, die anderen Redaktionen sind ab dem 8. Stockwerk angesiedelt, wo sie einen atemberaubenden Ausblick auf City und Hafen haben. Ganz oben, fast 60 Meter hoch im 13. Stock, thront das "Teambüro" von Spiegel Online. Über 125 Redakteure verfügt Digital-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron bereits, 80 von ihnen arbeiten im größten Newsroom der Stadt. Der für den gedruckten Spiegel verantwortliche Chefredakteur Georg Mascolo sitzt ein Stockwerk tiefer. Wer ihn in seinem Büro aufsuchen will, kann einen der gläsernen Fahrstühle nehmen – oder den Weg über die kreuz und quer durchs Atrium verlaufenden Brücken nehmen. Optisch erinnert die Konstruktion der "schwebenden" Brücken an Harry Potters Zauberinternat Hogwarts, gemixt mit dem Look der Kabinengänge eines Kreuzfahrtschiffes.
Doch dieses architektonische Prinzip, das eigentlich für "Transparenz und Vernetzung" stehen soll, ist Gegenstand interner Diskussionen. Von Höhenangst geplagten Mitarbeitern gruselt es vor dem Blick in den Dutzende Meter tiefen Abgrund bis ins Erdgeschoss. Angeblich hat der Verlag im Vorfeld sogar unentgeltliche Seminare zur Bekämpfung des Unwohlseins angeboten. Wer die Brücken meiden und auch die teils langen Wartezeiten vor den Fahrstühlen nicht in Kauf nehmen will, muss die Nottreppe nehmen, deren Betonambiente dann doch eher an ein Parkhaus erinnert.
Weiterer Kritikpunkt: Das riesige Atrium transportiert Geräusche etliche Stockwerke weit; Gespräche in Büros sind teilweise bis zum Empfang zu hören. Auch die Pförtner seien nicht zu beneiden, heißt es, denn denen wehe die Zugluft bei jeder Bewegung der schwergängig nach außen öffnenden Türen um die Ohren. Nicht alle Mitarbeiter können sich zudem mit dem Verzicht auf eine konventionelle Heizungs- oder Klimaanlage anfreunden. Aus Energiespargründen ist an der Ericusspitze ein ausgeklügeltes System aus Geothermik, Kühlsegel und Bauteilaktivierung im Einsatz. Das teils unbefriedigende Ergebnis hat zur Folge, dass manche der Raumtemperatur mit energiefressenden Elektro-Heizlüftern nachhelfen. Das mögen Kinderkrankheiten sein, die schnell behoben und vergessen sind. Noch sorgen sie dafür, dass einige im neuen Zuhause noch fremdeln.
Wie viel der Bau inklusive der Planung und Innenausstattung gekostet hat, wird erst in einigen Monaten feststehen. Von rund 110 Millionen Euro ist die Rede, 30.000 Quadratmeter stehen der Spiegel-Gruppe künftig zur Verfügung – ein Luxus, der aber an der Kernbotschaft der Marke unabhängig von Medium und Vertriebskanal nichts ändern soll. Die von Gründer Rudolf Augstein ausgegebene Spiegel-Devise ist für jeden Besucher im Atrium sichtbar angebracht und lautet knapp: "Sagen, was ist."

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige