Hugo Müller-Vogg, die taz und die Wand

Wenn ein Zitat auf Wanderschaft durch Medien, Bücher und Gerichtssäle geht, dann können schon mal viele, viele Jahre ins Land ziehen. Sogar, wenn es sich um ein falsches Zitat handelt. Das Hanseatische Oberlandesgericht Hamburg hat der taz jetzt verboten, einen legendären Ausspruch zu veröffentlichen, den die Zeitung dem früheren FAZ-Herausgeber und aktuellen Bild-Kolumnisten Hugo Müller-Vogg in den Mund gelegt hatte: “Rechts von mir ist nur noch die Wand.”

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Die taz hatte den markigen Ausspruch Müller-Vogg in einem Artikel zugeschrieben, der kurz nach dessen Rauswurf bei der Frankfurter Kluge-Köpfe-Zeitung im Jahr 2001 erschienen war. "Konservativ bis zur Etikette" hieß der Artikel. Darin wurde die Möglichkeit in den Raum gestellt, dass Müller-Vogg vielleicht sogar für die konservative FAZ zu konservativ war, es also politisch motivierte Gründe für seinen Rausschmiss gegeben haben könnte.

Das wollte die FAZ, die viel auf ihre Binnen-Pluralität hält, nicht auf sich sitzen lassen und klagte auf Unterlassung. Und verlor. Einige Jahre zogen ins Lande. Im Jahr 2007 tauchte das Zitat dann wieder auf. Der Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister verwendete den Ausspruch in seinem Buch "Nervöse Zonen", in dem es um Politik und Journalismus in der Berliner Republik geht, um Müller-Vogg zu charakterisieren. Das machte Müller-Vogg nun seinerseits ein wenig nervös. Er klagte gegen den Verlag, weil er, wie er MEEDIA sagte, nicht wollte, dass der Ausspruch auf ewig durch Internet und Veröffentlichungen geistert. In der ersten Auflage des Buches mussten die strittige Formulierung sogar aufwändig per Hand entfernt werden.

In dem Zusammenhang ist es vielleicht eine Erwähnung Wert, dass es Lutz Hachmeister war, der in Zusammenhang mit der Plagiats-Affäre um Ex-Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg aus Protest gegen dessen Abschreiberei zeitweise seinen eigenen Doktortitel ablegte. Das Medium Magazin stöberte Hachmeister an einem Strand in Südfrankreich auf und fragte ihn nach dem Zitat. Die Sache sei lächerlich, wird er vom Medium Magazin zitiert. Heute würde er aber eine Fußnote einfügen und kenntlich machen, woher das Zitat stammte. Aufgepasst, Herr Hachmeister! Die Angabe der Quelle schützt nicht vor den rechtlichen Folgen falscher Zitate.

Erst auf Drängen der Anwälte habe Hachmeister schließlich die Wochenzeitung "Freitag" als Quelle für den "Rechts der Wand"-Spruch genannt, erzählt Müller-Vogg. Also wurde flugs noch eine Unterlassung gegen den Freitag abgeschickt. Dort wurde prompt unterzeichnet und das Zitat online entfernt. Und wo hatte es der Freitag her? Natürlich bei der taz abgeschrieben! Also brachte Müller-Vogg, sechs Jahre nach Erscheinen, seine Anwälte nun auch gegen die taz in Stellung.

Dort sträubte man sich dagegen, das Zitat zu entfernen. Es wurden eine Reihe bemerkenswerter Schriftsätze und Gesprächsprotokolle ausgetauscht, die u.a. von taz-Seite nachweisen sollten, dass Müller-Vogg die taz-Berichterstattung im Jahr 2001 ursprünglich sehr recht gewesen sein soll. Letztlich beweisen, dass er den Satz gesagt hat, konnte die taz aber nicht. Und so musste die Zeitung nun, elf Jahre später, den Artikel aus dem Online-Archiv entfernen.

Aber wer hat denn nun wirklich gesagt, dass rechts von der Wand kein Platz mehr sei? Das Medium Magazin argwöhnt in seiner aktuellen Ausgabe, in der ebenfalls über den Rechtsstreit berichtet wird, es sei CSU-Ikone Franz Josef Strauß gewesen. Aber der hat nur gesagt, dass es rechts von der CSU keine demokratische Partei geben darf. In der Tat ist der Ausspruch "Rechts von mir ist nur noch die Wand" noch viel älter. Schon 1966 (!) berichtete der Spiegel in einem Artikel namens, Achtung, "Links von der Wand", dass der Satz "Rechts von mir ist nur noch die Wand", dem früheren Welt-Politik-Chef und strammen Rechtsaußen Wilfried Hertz-Eichenrode nachgesagt wurde. Ob der das wirklich gesagt hat oder ob das Zitat ihm auch nur in den Mund gelegt wurde, das ist wahrscheinlich Stoff für eine Doktorarbeit. Aber aufpassen mit den Fußnoten!

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