Wo Google noch ein bisschen evil ist

Die Medientage München unter dem diesjährigen Motto "Mobile - Local - Social: Dreiklang der vernetzten Gesellschaft" boten viel. Vor allem viel Bekanntes. Der nach wie vor gewichtigste Medien-Kongress Deutschlands dreht sich schon seit einigen Jahren um sich selbst. Man hat das Gefühl, dass jedes Jahr die gleichen Köpfe die gleichen Thesen und die gleichen Neuigkeiten verbreiten. Ein Neustart wäre nötig - ist aber unwahrscheinlich. Es bleibt staatstragend.

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Die Medientage in München sind in ihrem 25. Jahr eine mehr oder weniger lieb gewonnene Tradition. Ein Jour fixe für die Großkopferten der Branche. Für all jene, die denken sie seien schrecklich modern und lässig, weil sie nun öfter mal den Schlips zum mausgrauen Business-Suit weglassen. Auch diesmal wird an vielen Ständen erzählt, was jetzt alles wieder schrecklich anders und furchtbar neu ist. Warum Hybrid TV das absolut nächste große Ding wird, warum wir ganz schnell eine neue "Medienordnung" brauchen und warum Google eben doch so ein bisschen evil ist.

Der Online-Primus aus den USA ist immer noch das liebste Feindbild deutscher Medienpolitiker und Verlags- und TV-Manager. In erster Linie ist es wohl die Größe und Konsequenz der Amerikaner, die dem hiesigen Laber-Betrieb so nachhaltig den Schrecken in die gut betuchten Glieder fahren lässt. Google selbst wird auf den Medientagen durch den Country Director Germany, Stefan Tweraser, repräsentiert. Der schlug sich wacker in diversen Diskussionen und vertrat das bisherige deutsche Google-Gesicht Philipp Schindler. Der hat Besseres zu tun und sucht gerade eine schicke Wohnung in der Google Zentrale in Mountain View, zu der er gerufen wurde. Ins "Rom unserer Zeit", wie Mediengipfel-Moderator Roland Tichy anmerkte.

Die Medientage sind letztlich dann doch eine sehr deutsche und auch bayerische Veranstaltung. Ein Hauch von Staatskanzlei weht da stets durch die Messehalle. Die Besucher der Medientage hatten bezüglich des Erkenntnisgewinns gerade bei den hochkarätig besetzten Gipfel-Talks keine Illusionen. "Lass uns am Rand sitzen, dann können wir schnell weg, wenn’s langweilig wird", ist ein oft gehörter Satz bei den Diskussionsveranstaltungen. Und spätestens wenn von draußen der Gulaschduft in den großen Saal weht, hält es die routinierten Medientage-Gänger auf den oberen Rängen nicht mehr lange auf ihren Sitzen.

Im Erdgeschoss machen sich in der Zwischenzeit Schulklassen breit, die sich über ihre Chancen "was mit Medien" zu machen, informieren, aber zuallererst am Stand von Sky Sport News HD gierig mit Gratis-Kugelschreibern eindecken. Pragmatismus rules.

Ein bunter Exot hat sich auch zwischen die Stände der Etablierten verirrt. Gleich neben CNN International tummelt sich das bunte Völkchen von Dorian Grey (im Gegensatz zu der Oscar-Wilde-Figur Dorian Gray). Chefredakteur und Ideenhaber Wolf Eggert grüßt flanierende Medientage-Gäste mit Hut, wolliger Weste und Flasche in der Hand. Seine Truppe will eine wöchentliche Online-Zeitung unter der Adresse doriangrey.net etablieren. Dafür werden Artikel aus anderen Medien und Blogs zusammengeklaubt und Texte mit recht eigener Note selbst verfasst. Finanzieren soll sich alles irgendwie irgendwann mal mit Werbung. Hauptsache man ist unabhängig, alternativ und sexy. Ein erfrischend unverkrampfter Ansatz mit leider dann doch begrenzten Erfolgsaussichten.

Die Medientage München sind halt in erster Linie ein medienpolitisches Event. Es geht immer um die ganz großen Zusammenhänge, die Rahmenbedingungen, die Regulierung, das Staatstragende. Das sind "dicke Bretter" (BR-Intendant Ulrich Wilhelm), die da sehr langsam gebohrt werden. Jahr für Jahr und sicher auch wieder 2012. Wer’s schneller mag und an Visionen leidet, der trifft sich dann Anfang des nächsten Jahres auch wieder in München – zu Burdas DLD-Kongress.

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