Apple-Bilanz: Warum ‚gut‘ nicht gut genug war

Es war eine rare Verfehlung, wie man sie bei Apple nur sehr, sehr selten sieht. Genauer: zuletzt vor 7 Jahren. Der bis gestern Abend noch wertvollste Konzern der Welt leistete sich den Luxus, den man sich an der Spitze nicht leisten kann: Er unterbot die Analystenerwartungen. Bei solchen Verfehlungen kommt eine Aktie kaum ohne Kratzer davon – auch nicht, wenn das Unternehmen gerade neue Rekordzahlen vermeldet hat. Beim Kursrutsch von 7 Prozent vergisst die Börse jedoch: Der Ausblick ist so gut wie nie.

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Es war eine rare Verfehlung, wie man sie bei Apple nur sehr, sehr selten sieht. Genauer: Zuletzt vor 7 Jahren. Der bis gestern Abend noch wertvollste Konzern der Welt leistete sich den Luxus, den man sich an der Spitze nicht leisten kann: Er unterbot die Analystenerwartungen. Bei solchen Verfehlungen kommt eine Aktie kaum ohne Kratzer davon – auch nicht, wenn das Unternehmen Apple heißt und gerade neue Rekordzahlen vermeldet hat. Beim Kursrutsch von 7 Prozent vergisst die Börse jedoch: Der Ausblick ist so gut wie nie.

Wie pervers kann die Börse sein? Occupy Wall Street hat diese Frage zum Programm gemacht. Der große Börsenversteher André Kostlany hatte das Phänomen einst in seiner ganz eigenen Weise erklärt: "Die Börse benimmt sich oft wie ein Alkoholiker; auf gute Nachrichten weint sie, auf schlechte lacht sie."

So sah es auch gestern aus. Kostprobe gefällig: Goldman Sachs verkündete den ersten Quartalsverlust seit 2008 und den zweiten seit dem Börsengang 1999 überhaupt. Was macht die Wall Street daraus? Schickt die Goldman-Aktie um 5 Prozent nach oben. Nächstes Beispiel: Yahoo. Der strauchelnde Internet-Pionier Yahoo verkündete um 21 Prozent schwächere Gewinne – und die Aktie zieht im nachbörslichen Handel um 3 Prozent an.

Und Apple? Der bis Handelschluss an der Wall Street noch wertvollste Konzern der Welt vermeldet ein Rekordquartal, in dem die Umsätze um 38 Prozent nach oben sprangen und die Gewinne um 51 Prozent explodierten. Doch 6,6 Milliarden Dollar Gewinn waren Anlegern nicht genug: Sie schickten die Apple-Aktie stattdessen im nachbörslichen Handel um 6,6 Prozent herunter und vernichteten dabei 25 Milliarden Dollar Börsenwert.

Apples Problem: Überbordende Erwartungen

Ist die Börse nun völlig verrückt geworden? Verrückter als früher zweifellos, doch die scheinbar absurden Kursbewegungen folgen weiter einem bestimmten Muster – nämlich dem der erfüllten oder unerfüllten Erwartungen. "Buy the rumours, sell the news", lautet eine Wall Street-Weisheit. In Erwartung eines bestimmten Ereignisses – etwa starker Quartalszahlen – steigt eine Aktie, tritt das Ereignis dann ein, ist oft erst mal die Luft heraus.

Erst recht, wenn die Erwartungen dann nicht ganz erfüllt werden, wie man es vom Vorzeige-Konzern Apple gewohnt war, der Analystenschätzungen über Jahre Quartal für Quartal deutlich schlagen konnte. Hierin besteht das eigentliche Problem des Kultkonzerns in der Ära nach Steve Jobs: Längst erwartet die Börsenwelt alles vom Platzhirsch, nur eine kleine Verfehlung wird gnadenlos bestraft –  ‚gut‘ ist schon lange nicht mehr gut genug bei Apple.

Eigene Prognose deutlich übertroffen, angehobene Analysten-Schätzungen leicht verfehlt

Absurd erscheint jedoch, wie hoch die Erwartungen inzwischen in die Höhe geschossen sind. Noch in der letzten Woche lag der vom Börsenportal Zacks.com ermittelte Durchschnitt der Gewinnschätzungen bei 6,70 Dollar je Aktie. Nach Apples notorisch starken Quartalsergebnissen in der Vergangenheit wollte wohl kein Analyst mit einer zu konservativen Schätzung zurückbleiben – so zogen die Prognosen binnen Wochenfrist auf happige 7,26 Dollar je Anteilsschein an.

Zum Vergleich: Apple selbst hatte Ende Juli einen Gewinn in Höhe von 5,50 Dollar je Anteilsschein in Aussicht gestellt. Der wurde nun mit einem Gewinn von 7,05 Dollar je Aktie entsprechend deutlich überboten. Um die Dinge in Relation zu setzen: Apple hat also nicht die eigenen Schätzungen verfehlt, sondern die der Analysten. Trotzdem kommt die Aktie nachbörslich mit 7 Prozent unter die Räder.

Diese feine Unterscheidung wird heute im Schlagzeilen-Torso eher untergehen: "Apple enttäuscht", "Schock-Verfehlung", "Ist die Wachstumsstory zu Ende?" dürften die erwartbaren Schlagzeilen lauten – SPIEGEL Online will sogar schon "einen Knacks" in der Erfolgsgeschichte ausgemacht haben. Das iPhone wird zum Sündenbock erklärt werden, das im vierten Jahr seines Bestehens nicht mehr den hohen Ansprüchen gerecht wird – und das dann auch noch in der Nacht, in der der potenzielle iPhone-Killer Samsung Nexus vorgestellt wurde.

Wie enttäuschend sind 17 Millionen abgesetzte iPhones im fünften Verkaufsquartal?

Außer Acht gelassen werden bei der Fokussierung auf die mutmaßliche iPhone-Enttäuschung von "nur" 17 Millionen verkauften Einheiten indes zweierlei Dinge. Wie schwer kann eine Enttäuschung tatsächlich wiegen, dass von einem Smartphone in seinem fünften Verkaufsquartal 21 Prozent mehr Geräte abgesetzt werden als in seinem ersten? Zwischen Juli und September 2011 wurden drei Millionen iPhones mehr verkauft als zum selben Zeitpunkt 2010, als das iPhone 4 frisch auf den Markt kam – welcher Smartphone-Hersteller kann das von sich behaupten?
Die Wall Street hatte offenbar jedoch nur die 20 Millionen iPhones aus dem Vorquartal im Visier, die es – wie auch immer – zu schlagen galt. So ein Ergebnis angesichts des erwarteten Launchs des neuen iPhones Anfang Oktober zu wiederholen, erscheint bei näherer Betrachtung ziemlich wirklichkeitsfremd – auch vor anderen iPhone-Upgrades gingen im Vorquartal die Absatzzahlen zurück.

Dass trotz des Verkaufsstarts eines neuen iPhones immer noch 17 Millionen Geräte abgesetzt wurden, kann also nur schwer als Enttäuschung gewertet werden – doch so funktioniert die Wall Street nicht. Und dass Apple mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von weniger als 10 im laufenden Jahr und 82 Milliarden Dollar auf der Bank so günstig bewertet ist wie ganz selten, wird angesichts der "Schock-News" (Business-Insider) auch erst mal unterschlagen.
Extrem starker Ausblick geht fast unter

Wie kurzsichtig eine solche Betrachtungsweise jedoch erscheint, verdeutlicht ein Blick auf das, was Apple ans Ende seiner Quartalsbilanz stellte – einen Ausblick, wie man ihn vom notorisch konservativen Technologiekonzern aus Cupertino in dieser Form auch noch nicht gehört hat. Den absoluten Rekordgewinn von 9,30 Dollar je Aktie will Apple im Weihnachtsquartal erzielen – und dabei unglaubliche 37 Milliarden Dollar erlösen.

Nur um die Relationen zu unterstreichen: Apple hat bisher noch nie in einem Quartal überhaupt 30 Milliarden Dollar umgesetzt, geschweige denn auch nur 8 Dollar je Anteilsschein verdient. Beim iPhone und iPad erwartet Tim Cook neue Rekordzahlen – selbstbewusste Töne, wie man sie aus Cupertino bislang kaum vernommen hat. "Die Resonanz der Kunden auf das iPhone 4S ist fantastisch, wir gehen mit starkem Schwung in das Weihnachtsgeschäft", ließ sich Cook in der Presse-Erklärung dann noch entlocken.

In anderen Worten: Das laufende Quartal dürfte zur Mutter aller Gewinnexplosionen werden. Das leicht enttäuschende vierte Quartal war also in erster Linie der Produktverschiebung von iPhone 4 auf iPhone 4S geschuldet, die den Boom im Weihnachtsquartal nur um so heftiger erscheinen lassen dürfte. Ob die Wall Street das über Nacht realisiert, bleibt vor dem Handelsstart um 15.30 Uhr mit Spannung abzuwarten. Der Kampf um die Deutungshoheit in der Post-Steve Jobs-Ära hat gerade erst begonnen.

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