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Occupy und die sprachlosen Starkolumnisten

Die Protestbewegung "Occupy Wall Street" schwillt immer mehr an – und griff am vergangenen Wochenende auf Metropolen in Europa über. Exakt einen Monat nach dem eher zaghaften Start in der Wall Street staunt die Welt über das Ausmaß der Proteste. In den Leitmedien herrscht dagegen weitgehend Sprachlosigkeit, was die Occupy-Bewegung ist, will und wohin sie führen kann. Der sonst so wortgewaltige Alpha-Kolumnist Thomas Friedman merkt stellvertretend an, dass etwas passiert, kann sich aber nicht entscheiden, was.

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Die Protestbewegung "Occupy Wall Street" schwillt immer mehr an – und griff am vergangenen Wochenende auf Metropolen in Europa über. Exakt einen Monat nach dem eher zaghaften Start in der Wall Street staunt die Welt über das Ausmaß der Proteste. In den Leitmedien herrscht dagegen weitgehend Sprachlosigkeit, was die Occupy-Bewegung ist, will und wohin sie führen kann. Der sonst so wortgewaltige Alpha-Kolumnist Thomas Friedman merkt stellvertretend an, dass etwas passiert, kann sich aber nicht entscheiden, was.

Es klang wie eine bizarrer Nachahmungsversuch: Nach dem Arabischen Frühling und den Demonstrationen der Indignados in Spanien nun also Proteste mitten im Herzen der Finanzwelt, der Wall Street? "Es passierte in Kairo. Es passierte in Madrid. Wir wollen diese Ausschreitungen hier nicht haben", wiegelte New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg noch am Morgen des 17. September ab. Am Abend hatte er sie mit den ersten hundert versprengten Protestlern doch vor der eigenen Haustür.

Das ist vier Wochen her. Und das für ein Unterschied ein Monat machen kann: Tausende marschierten am vergangenen Wochenende vom Financial District an den Times Square, in 80 Ländern der Welt gab es ähnliche Kundgebungen gegen die Allmacht der Banken, ungerechte Besteuerung und soziale Ungleichheit im Allgemeinen.

NYT-Starkolumnist Thomas Friedman: "Etwas passiert hier

So weit, so überraschend im Ausmaß. Noch ungewöhnlicher fiel indes das Echo auf die Massenkundgebungen aus: Aus der Politik kam fast einhellig Zustimmung und Verständnis, während die Medienwelt noch weitgehend damit beschäftigt zu sein scheint zu verarbeiten, was in diesen Tagen auf den Straßen passiert.

Charakteristisch für das Zaudern der Leitartikler ist die unentschlossene Kolumne von Pulitzer-Preisträger Thomas Friedman ("Die Welt ist flach"), der sich nicht entscheiden kann, wie er die Occupy-Proteste erklären soll. Stattdessen zitiert Friedmann lieber den australischen Umweltaktivisten Paul Gilding ("The Great Disruption") und die Autoren John Hagel und John Seely Brown ("The Power of Pull"). "Etwas passiert hier", resümiert der Starjournalist in der New York Times – nur was?

Kolumnen-Kollege Paul Krugman ist in seiner Analyse auch nicht viel weiter: "Was geht denn hier vor? Die Antwort ist sicherlich, dass die Herrscher des Universums tief in sich drin merken, dass ihre Position moralisch nicht zu vertreten ist", sinniert der Nobelpreisträger in seiner Kolumne in der New York Times. "Die Leute haben danach gesucht, dass es jemand ausspricht, und jetzt sind wir hier, das ist eine wunderbare Sache", legte Krugman bei Charlie Rose nach. Nur: Selbst sprechen wollte der Universitätsprofessor auf der jüngsten Occupy-Kundgebung am Samstag auch nicht.

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Via iPhone und Facebook: "Widerstand einer gebildeten Mittelschicht"?

Während die großen US-Leitartikler größtenteils sprachlos bleiben, versuchen andere den Kampf um die Deutungshoheit. Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie etwa behauptete am Wochenende in der Süddeutschen Zeitung: "Das ist der Widerstand einer gebildeten Mittelschicht."

Genau darüber echauffiert sich etwa der Finanzinformationsdienst Bloomberg, der spitzfindig darauf hinweist, dass die Träger des Occupy-Protests exakt von jenen hochkapitalisierten Unternehmen kommen, dessen wirtschaftlichen Erfolg die Demonstranten kritisieren – etwa dem iPhone von Apple, dem inzwischen wieder wertvollsten Konzern der Welt, oder dem weltgrößten Social Network Facebook, das ironischerweise von der Eliteinvestmentbank Goldman Sachs an die Börse geführt werden dürfte.

Wall Street zur Protest-Bewegung: "Wer kann es ihnen vorwerfen?"

Dabei kommt sogar Zuspruch aus der Wall Street selbst: "Occupy Wall Street verkörpert den Zeitgeist und ist Ausdruck der wirtschaftlichen Verzweiflung angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit", findet etwa der Vermögensverwalter Doug Kass.

Auch CNBC-Moderator James Cramer hat kein grundsätzliches Problem mit der Bewegung: "Wer kann es ihnen vorwerfen? Es ist in diesen Tagen tatsächlich einiges im Argen in der amerikanischen Gesellschaft", findet der frühere Hedgefondsmanager. "Würde ich sie unterstützten? Erst wenn ich weiß, wofür Occupy genau steht." Damit haben die Protagonisten der Wall Street selbst am meisten gesagt – nämlich, dass gegenwärtig die wenigsten wissen, worum es überhaupt geht.

Klare Worte fand am Ende zumindest der "Wall Street"-Regisseur Oliver Stone: "Ich fühle mich mit ihnen verbunden, und eine Menge gute Dinge könnten aus der Bewegung entstehen, aber das hier ist kein Ägypten. Dafür müssten diese Kids noch einen langen Weg zurücklegen."

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