„Bauer sucht Frau“: Hirn im Einmachglas

Bei RTL rollte am Montagabend mal wieder eine neue Staffel “Bauer sucht Frau” an. Ist denn da nicht langsam die Luft raus aus der rustikalen Kuppelshow? Wurden nicht schon genug Bauern vorgeführt, lustige Alliterationen getextet, klebrige Popsongs zur Musikuntermalung ausgesucht und Dirndl für Inka Bause verschlissen? Offenbar nicht. Knapp acht Millionen schalteten wieder ein. Die Quote stimmt, und die schaurige Faszination an dem Vorführ-Format ist ungebrochen.

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Die Arbeits-Hypothese für diesen Artikel lautete “Bauer sucht Frau: ist die Luft raus?” Nach Ansicht der Scheunenfest-Folge der neuen Staffel musste diese Hypothese dann aber ganz schnell über Bord geworfen werden. Das Erfolgsformat von RTL hat nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Die menschlichen Abgründe, die da ausgelotet werden, sind zu tief, als dass man sich ihrer Sogkraft entziehen könnte. Die aufgekratzte Inka Bause braucht es dazu gar nicht. Ebensowenig die abgegriffenen Alliterationen oder Wortspiele, mit denen die Redaktion den Landwirten Etiketten aufpappt (“der sanfte Schweinebauer”, “der muntere Milchbauer”, “der schwäbische Pfundskerl” usw.).

Es genügen die Protagonisten, die Bauern, die in bewährter Manier gnadenlos mit ihren sozialen und körperlichen Defiziten zur Schau gestellt werden. Wenn dann der “heitere Ackerbauer” seiner Angebeteten (die sich übrigens mit einem Bikini-Bodybuilderfoto beworben hat) eröffnet, dass er einen Leistenbruch hat und auch nicht daran denkt, diesen operieren zu lassen, dann schaut die Kandidatin erst mal nicht so heiter, und auch den Zuschauern steht der Mund offen. Soll man lachen, soll man weinen, soll man abschalten?

Das Faszinierende an “Bauer sucht Frau”: Man kann nicht abschalten. Man sitzt gebannt weiter davor und blickt sich ab und zu in seinen vier Wänden um – auf einmal ist das eigene 08/15-Leben ein Ausbund an Glamour, Glück und guter Laune. Ist eben alles relativ. Einen ähnlichen Effekt hat die Sendung “Schwiegertochter gesucht” mit der schrecklichen Vera Int-Veen. “Schwiegertochter gesucht” ist aber noch brutaler als “Bauer sucht Frau”, weil dort nur noch auf den Freak-Effekt gesetzt wird und der ganze Landromantik-Zuckerguss fehlt. Man kann das vielleicht mit dem zwiespältigen Gefühl des Wohlbefindens vergleichen, das einen manchmal ereilt, wenn man an einem Autounfall vorbeifährt: Man ist froh, dass es einen nicht erwischt hat. Man schämt sich vielleicht ein bisschen dafür, aber man kann nix dagegen tun.

Bei "Bauer sucht Frau" werden solche niederen Instinkte bedient wie früher auf Jahrmärkten. Als besondere Kirmes-Attraktion hat RTL diesmal einen schwulen Bauern aufgetrieben. Oder, wie Inka Bause es mit ganzen spitzen Fingern formulierte: “Der erste Bauer dieser Art”. Wahrscheinlich stehlen aber Leute wie der “schwäbische Pfundskerl”, der seine Damen wie zum “DSDS”-Casting antreten ließ, dem netten Schwulen die Schau. Das Publikum will keine gut aussehenden, netten Leute. Das Publikum will Freaks. Erwachsene Männer, die in Fettnäpfchen treten und sich benehmen wie kleine Kinder. Die peinlich sind, die nichts auf die Reihe kriegen. Wenn sie sich dann genug erniedrigt haben, winkt ganz am Ende eine Art Erlösung in Form einer Medien-Existenz wie bei Josef und Narumol, dem “Traumpaar” aus einer der vorangegangenen Staffeln. Ob die damit so glücklich sind, darf auch bezweifelt werden.

Der nachhaltige Erfolg von “Bauer sucht Frau” (und “Schwiegertochter gesucht” und “Das Supertalent”) basiert auf der Zurschaustellung von Abnormitäten. Früher wurde das auf Jahrmärkten erledigt. Da gab es die Frau mit dem Bart, ein Kalb mit zwei Köpfen oder das Hirn im Einmachglas. Heute haben wir dafür RTL.
"Bauer sucht Frau" in der RTL-Mediathek

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