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Im Zentrum der Gutenberg-Galaxis

Die Frankfurter Buchmesse ist eine Veranstaltung der Superlative. Im vergangenen Jahr strömten knapp 280.000 Besucher zur Leistungsschau ins Zentrum der Gutenberg-Galaxis. In diesem Jahr dürften es kaum weniger sein. Der Star dieser Buchmesse sollte das E-Book sein. Aber digitales Lesen spielte eher eine Nebenrolle. Die Stars waren die traditionellen Verlage, das bedruckte Papier und die Promi-Autoren. MEEDIA nimmt Sie mit auf einen Streifzug über die weltgrößte Buchmesse in Frankfurt.

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Die Frankfurter Buchmesse ist eine Veranstaltung der Superlative. Im vergangenen Jahr strömten knapp 280.000 Besucher zur Leistungsschau ins Zentrum der Gutenberg-Galaxis. In diesem Jahr dürften es kaum weniger sein. Der Star dieser Buchmesse sollte das E-Book sein. Aber digitales Lesen spielte eher eine Nebenrolle. Die Stars waren die traditionellen Verlage, das bedruckte Papier und die Promi-Autoren. MEEDIA nimmt Sie mit auf einen Streifzug über die weltgrößte Buchmesse in Frankfurt.

Zuallererst: Man muss tierisch fit sein für so einen Buchmesse-Marathon-Tag. Die Dimensionen des Geländes sind, wie sich Erz-Katholik Matthias Matussek ausdrückte “Heathrow-artig”. Der weltgewandte Autor (“Das katholische Abenteuer”) spielte damit auf die hirnsprengenden Dimensionen des Londoner Haupt-Flughafens an und erschien zu seinem Termin auf dem “blauen Sofa” des ZDF prompt zu spät. War aber kein Problem. Denn, so Matussek, Unpünktlichkeit sei keine Todsünde und müsse noch nicht mal gebeichtet werden. Glück gehabt.

Mehr Zuschauer als der frömmelnde Matussek zog die ungezogene Charlotte Roche an, die wenig später auf demselben Sofa Platz nahm und von ZDF-Kulturtante Luzia Braun zu ihrem Bestseller “Schoßgebete” befragt wurde. Dabei tat man im Publikum gut daran, beim Zweiten nicht in der der ersten Reihe zu hocken, denn die Bildregie macht sich einen Spaß daraus, beim bedingt lockeren Sex-Geplauder an besonders pikanten Stellen immer wieder arglose Zuschauer in Großaufnahme zu zeigen. Schnell weg.

Eilenden Schrittes geht es wie im Flug über horizontale Förderbänder zum Pressezentrum, das – standesgemäß für die Vierte Gewalt – in einem futuristischen Audi-Bau inmitten eines offenen Platzes thront. Der Platz wurde Agora getauft – wie die gleichnamige Phobie. Das sollte jetzt aber niemanden abschrecken. Ein Hauch von Internationaler Automobil Ausstellung, die sonst hier stattzufinden pflegt, umfängt den Besucher beim Betrachten Science Fiction mäßiger, auf Silberhochglanz polierter Audimobile. Würde Will Smith zusammen mit einem Roboter aussteigen – man wäre nicht überrascht. Auch die Firma Audi kann sich dem Zwang zum Zweinulligen nicht verschließen und hat im Foyer zahlreiche Kassendrucker an die Decke hängen lassen, die permanent die Botschaften von Twitter ausdrucken und einen beträchtlichen Papierhaufen auf dem Boden hinterlassen. Sinnbild für die Sinnlosigkeit von Social Media? Konzept-Kunst? Wahrscheinlich beides.

Twitter-Kunst made by Audi

Im Pressezentrum selbst stellen wir dann fest, dass a) alle Steckdosen überbucht sind und es b) keine Gratis-Snacks und Getränke gibt. Also schnell wieder weg. Beim Rausgehen dann fast in den früheren Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin gerannt, der vor einer Kamera so tut, als würde er ein Buch lesen. Pose und Poesie in vollendeter Harmonie.

Am Mega-Stand der ARD empfiehlt ARD-Literatur Scharfrichter Denis Scheck unterdessen einige aktuelle Werke. Und zwar, bis auf die offensichtliche neue Schwarte von Umberto Eco, tatsächlich Überraschendes wie das nur 66-seitige Bändchen “Das Gewicht des Schmetterlings” von Erri de Luca. Eine wohltuende Abwechslung zur Dominanz all der Matusseks, Katzenbergers, Wieners und Schwarzers auf dem Bücher-Rummelplatz. Generell gilt auch in diesem Jahr die Devise: Bei Büchern, die ein Foto des Autoren oder der Autorin auf dem Cover tragen, ist allerhöchste Vorsicht geboten! Und das ist oft der Fall. Sehr oft.

Zeit für die Mittagspause und da kommt für den stilbewussten Buchmesse-Besucher nur ein Fress-Stand in Frage: der Ramen-Imbiss von MoschMosch direkt an Halle 5! Allen hinter dem Mond wohnenden, die beim Stichwort “Ramen” komisch gucken, sei zugerufen: Das sind japanische Instant-Nudeln und gerade total angesagt. Wir stellen uns ohne mit der Wimper zu zucken 20 Minuten in eine extralange Schlange und zahlen freudig erregt zehn Euros plus Pfand für einen Plastiknapf mit So-Lala-Eiernudeln und XS-Kombucha.

Wie hieß nochmal das Gastland der Buchmesse, das wie jedes Jahr niemanden so richtig brennend zu interessieren scheint? Ach ja: Island! Mystische Insel der Trolle und Geysire. Der Blick auf die irre lebendige und wahrscheinlich heiße (Quellen!) isländische Literaturszene wird abgelenkt von einem Stand der Angry Birds. Sie wissen schon: Dieses lustige Spielchen, bei dem man Vögel auf Schweine schießt. Was wollen die denn auf der Buchmesse? Das ist erstens egal und zweitens sind die Angry-Birds-Macher jetzt auch unter die Verleger gegangen und bringen Angry-Birds-Kochbücher heraus. Jawohl, Kochbücher. Was auch sonst? Aber nur auf “English and Chinese” belehrt die Dame am Stand mit einer ungemein schicken Angry-Birds iPad-Hülle, denn: “Everything is connected.” Als sie anfängt allzu penetrant mit Angry-Birds-Download-Zahlen zu prahlen verziehen wir uns.

Endlich: Angry Birds jetzt auch als Kochbuch
Nun aber mal ernsthaft: Dieses Jahr sollen doch E-Books das Riesending auf der Buchmesse sein. Den großen Mega-Superduper-E-Book-Sonderstand haben wir leider nicht gefunden. Auch der in der Presse vollmundig angekündigte neue Billig-Reader von Weltbild und Hugendubel, der eReader 3.0 wurde am vergleichsweise mickrigen Stand der Herstellerfirma TrekStore in, naja, sagen wir mal bescheidenem Rahmen präsentiert. Und Amazon? Der weltweite Buch-Versender-Goliath hatte bestimmt alleine fast eine ganze Halle gemietet, um dem staunenden Publikum seine Weltbeherrscher-Pläne mit gebotenem Pomp darzulegen? Von wegen. Nachdem wir in Halle 8.0 dreimal um den Standplatz L973 gekreiselt waren, fanden wir ihn endlich, den Stand von Amazon. Eine mickrige kleine Schachtel, in der ein bisschen was über Publishing auf dem Kindle erzählt wurde. That’s all, folks!

Weltfirma Amazon auf der Buchmesse: erfrischend bescheiden

Und so konnte man zwischen Martensteins Morgenmesse und der Scotland Whisky Party den Tag auf der Buchmesse ganz gut rumbringen, ohne allzu sehr von Enhanced-Book-Geschwafel oder XML- und ePub-Gedöns behelligt zu werden. Den allermeisten Verlagsvertretern schien das so furchtbar unlieb nicht zu sein. Die digitale Revolution in der Buchbranche ist zumindest im Gutenberg-Kontinuum der Frankfurter Buchmesse mal wieder verschoben. Gelobt sei die Buchpreisbindung! In Ewigkeit. Amen.

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