Springer sucht das „Internet der Zukunft“

Die Axel Springer AG bastelt an einer Website, deren Einstiegsseite ohne Voreinstellungen des Besuchers personalisierte Inhalte darstellen soll. Je nach den Interessen der Nutzer werden Beiträge und Bilder von Springer-Websites bei jedem Besuch neu zusammengestellt. Das Newsportal soll noch vor Weihnachten freigeschaltet werden, derzeit gibt es nur einen Prototypen. Die vom Dienstleister Nugg.ad entwickelte Technik nennt sich "Content Targeting".

Anzeige

In die Website, die noch keinen offiziellen Namen trägt, sollen alle Online-Inhalte von Springer-Titeln einfließen. Die Site "bedient" sich aus dem Axel Springer Infopool, dem Archiv und der Inhalte-Agentur des Medienkonzerns. Dort sind nach eigenen Angaben 40 Millionen Artikel gespeichert – allerdings wird sich das Portal vermutlich allein auf aktuelle Nachrichten stützen. Das Projekt wurde am Mittwoch auf der World Newspaper Week der internationalen Zeitungsorganisation IFRA vorgestellt.

Die Targeting-Technologie wird bislang vor allem für das Ausspielen personalisierter Werbung angewendet – hier liegt die bisherige Einnahmequelle für Dienstleister wie Nugg.ad. Das Berliner Unternehmen, das im vergangenen Jahr von der Deutschen Post übernommen wurde und sich selber "europäischer Targeting-Marktführer" nennt – viele große deutsche Medienunternehmen arbeiten mit der Technologie von Nugg.ad – unternimmt erstmals einen Schritt über das Werbe-Targeting hinaus. "Warum sollte ein Mann von 20 bis 29 Jahren mit Interesse an Sport die gleiche Website angezeigt bekommen wie eine Frau im Alter von 40 bis 49 Jahren mit einer Vorliebe für Reisen?" fragt Nugg.ad-Chef Stephan Noller.

Mit im Boot ist der Dienstleister Retresco, der für das Projekt ein "semantisches Klassifizierungs-System" gebaut hat – also gewissermaßen das Scharnier zwischen Technik, Inhalten und den Nutzern. Retresco-Chef Alexander Siebert glaubt, Content Targeting habe das "Potenzial, den Umgang mit digitalen redaktionellen Inhalten zu revolutionieren". Und für Pit Gottschalk, den auch für den Infopool zuständigen Leiter des Vorstandbüros Zeitungen bei Springer, ist die Technik "zweifelsfrei ein großer Schritt Richtung Internet der Zukunft".

Wobei Targeting als Technik nicht unumstritten ist. Die Personalisierung setzt voraus, das Nutzer ihre Interessen per Such- und Leseverhalten offenlegen. Bisher tun sie das freiwillig oder gar unwissend, wenn sie nicht vom Betreiber einer Website darüber in Kenntnis gesetzt werden, dass ein (anonymes) Nutzerprofil von ihnen angelegt wird. Die Targeting-Branche setzt derzeit auf die Aufklärung der Nutzer, welche Daten gesammelt werden – und erklärt, dass Personalisierung nur zum Vorteil der Nutzer sei. Denn: Uninteressante Werbebotschaften – und künftig dann auch redaktionelle Inhalte – werden einfach nicht ausgespielt.

Hier wiederum kommt es zum Phänomen, das der Autor Eli Pariser mit der "Filter Bubble" beschrieben hat: Nutzer bekommen im Internet zunehmend – vor allem in Social Networks wie Facebook – nur noch das ausgespielt, was sie persönlich interessieren könnte und zu ihrem Profil passt, also auch zu ihren politischen Ansichten beispielsweise. Die Meinungsvielfalt leidet unter solchen Effekten. Für die Beteiligten des Projekts Content-Targeting wird die Website einen "Ausblick auf die Zukunft digitaler Newsportale" bieten. Man darf also gespannt sein.    

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige